Auf der Suche nach der Moderne

Die diesjährige Berlinale ließ mich nicht nur mit einer gewissen Ratlosigkeit, sondern auch einer Erkältung zurück. Erste war ziemlich umfassend; zweite sollte sich als erstaunlich hartnäckig erweisen. Dass der erste Satz wie eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen klingt, mag einem leichten Formtief geschuldet sein, das ich vorsichtshalber mal beiden Nachwirkungen anlaste.

In dieses Wechselbad aus Husten, Schnupfen und fruchtlosem Sinnieren brach der Anruf eines befreundeten Redakteurs hinein. Er hatte ein paar Fragen zu André Téchiné. Ich fürchtete schon, er wolle auf Vorrat einen Nachruf bestellen, aber dieser Kelch ging erfreulicherweise an mir vorüber. Mit den Jahren finde ich es immer heikler, wenn solche Anfragen zu Filmemachern kommen, mit denen man aufgewachsen ist. Nein, ihn interessierte vielmehr die Frage, warum dessen Film eigentlich Außer Konkurrenz gelaufen sei?

Die hatte ich mir natürlich auch schon gestellt - und sehr rasch dahingehend beantwortet, dass die Berlinale ihre diesjährige Jury-Präsidentin nicht in die Verlegenheit bringen wollte, über den Film eines Regisseurs zu entscheiden, dem sie einst ihren Durchbruch zu verdanken hatte. (Juliette Binoche spielte 1985 ihre erste große Rolle in Téchinés „Rendez-Vous“.) So viel Taktgefühl mochte mein Gesprächspartner der Festivalleitung allerdings nicht unterstellen. Das brachte mich auf einen Punkt, der mich seit geraumer Zeit obsessiv beschäftigt (auch an dieser Stelle: „Rendezvous mit Verspätung“ vom 18. 3. 17): Warum zählt er eigentlich heute nicht mehr? Hätte ich darauf eine schlüssige Antwort, müsste die Beschäftigung nicht mehr obsessiv sein.

Auch sein neuer Film „L'adieu à la nuit“ stieß bei der hiesigen Kritik ja auf eine durchaus wohlwollende Resonanz. Aber die ist eigentlich schon ein untrügliches Indiz, denn ihr wohnt bereits ein beträchtlicher Abstand inne; all zu viel erwartet man nicht mehr von ihm. Dabei sind seine Suchbewegungen weiterhin emphatisch, er sucht unermüdlich den Anschluss zu Figuren aus einer Generation, die mittlerweile seine Enkel sein könnten. Das Thema des Konvertierens zum militanten Islam ist von brennender Aktualität, aber Téchiné liefert keine Antwort darauf. Das finde ich redlich - seine Haltung ist eben fest verwurzelt in dem bürgerlichen Milieu, dem er angehört -, anderen Betrachtern ist das entschieden zu wenig.

Ich glaube, die Distanz, die zwischen ihm und den aktuellen Strömungen im Kino klafft, ist nicht zuletzt eine ästhetische. Der brüske, rastlose Kamerarhythmus bei Téchiné ist längst klassisch, fast akademisch geworden. Das lässt sich gut demonstrieren im Vergleich zum Gewinner des Goldenen Bären, „Synonymes“ von Nadav Lapid. Während die Rastlosigkeit in „L'adieu à la nuit“ noch ganz im Schlepptau seiner Figuren bleibt, löst sie sich bei Lapid ab. Natürlich ist sie eine affektive Geste. Aber sie bedarf letztlich nicht der Legitimation durch das Temperament einer Figur. „Synonymes“ ist eine kinetische Aggression, denn die Kamera dringt entschieden ungemütlich in die persönliche Sphäre des Zuschauers ein. Das ist ein wenig so, als würde man auf der Straße oder in der U-Bahn einem Fremden begegnen, der einen psychotischen Schub erlebt. Also schon mal eine urbanere Unruhe, als sie bei Téchiné herrscht. Sie entspricht einem Regiekonzept, das unbedingt wirkt. Es soll eine Haltung zur Welt widerspiegeln, während Téchiné erst einmal eine zu seinen Figuren einnimmt. Ein schwebendes Verfahren.

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