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»The Heroic Trio« (1993)

In diesen Tagen jähren sich zwei Ereignisse zum 20. Mal, die von fundamentaler Bedeutung für das post-koloniale Selbstverständnis Großbritanniens sind. Joanne K. Rowling veröffentlichte den ersten Band ihrer Harry-Potter-Saga und Chris Patten, der 28. und letzte Gouverneur der Kronkolonie Hongkong, löste am 30. Juni 1997 um Mitternacht die Verwaltung seiner Regierung auf und ging wenige Minuten später an Bord der »Britannia«, die ihn heim nach England brachte.

Mir scheint, dass das Erscheinen des Buches den entscheidenderen Wendepunkt markiert; es war der Auftakt zu einem globalen Phänomen, dessen Ende nicht abzusehen ist. In der britischen Populärkultur wiegt es schwerer als der Verlust der letzten Kolonie, die rund 150 Jahre zuvor ohnehin unter höchst dubiosen Umständen zu einer Perle in der Krone geworden war. Der Mangel an Erregung spricht für den Realitätssinn der einstigen Weltmacht.

Für die Einwohner Hongkongs und die dortige Filmindustrie bedeutete die Rückgabe einen empfindlicheren Einschnitt. Für anderthalb Jahrhunderte trafen sich hier Osten und Westen in einzigartiger Weise und auf engstem Raum: Die Finanz-, Film- und Tourismus-Metrople ist kaum größer als Berlin. Die Schauplatzsucher der Filmstudios mussten schon sehr kreativ sein, um abwechslungsreiche Landschaften für Historienfilme zu finden. Mit der Machtergreifung der Kommunisten in Festlandchina und avancierte Hongkong zum wichtigsten, absatzträchtigsten Filmmarkt Asiens. Er speiste sich nicht zuletzt aus Flüchtlingen der früheren Metropole Shanghai. Das Hongkong-Kino wird zwar vor allem mit Kung-Fu-Filmen von Chang Cheh, King Hu und anderen assoziiert. Es hat aber auch eigene Traditionen der Komödie und des Melodrams hervorgebracht. Dominiert wurde die Produktion von den Shaw Brothers, die zwischen 1925 und 1985 mehr als 1000 Filme herstellten, sowie dem jüngeren Konkurrenten Golden Harvest. Ab den 1960ern gingen sie sporadisch auch Partnerschaften mit Studios wie Hammer oder Warner Bros. ein.

Für das anglo-amerikanische Kino war die Kronkolonie durch seine mulmige Nähe zum Festland ohnehin ein schillernder Schauplatz. »Fähre nach Hongkong« mit Orson Welles und Curd Jürgens demonstriert diesen paradoxen Status stimmig, ohne freilich ein guter Film zu sein. Ein verlockender Drehort. William Holden, von dem wahrscheinlich später noch die Rede sein wird, drehte häufig dort, namentlich »Alle Herrlichkeit auf Erden« und »Die Welt der Suzie Wong«. James Bond verschlug es natürlich mehrmals hierhin, Peter Sellers als Inspektor Clouseau immerhin einmal. Auch europäische Stars erlebten hier exotische Abenteuer, darunter Jean-Paul Belmondo, Joachim Fuchsberger, Sylvia Kristel und Bud Spencer.

Die heimische Produktion funktionierte prächtig. Und wenn es ihr kommerziell gut ging, waren auch andere, innovative Stoffe möglich. Um 1979 formierte sich in Hongkong eine »Neue Welle«, für die Namen wie Ann Hui, Clara Law, Stanley Kwan und später Wong Kar-wai stehen. Diese Blüte eines unabhängigen, aber doch in die Industrie eingebundenen Kinos rekapituliert das Filmpodium Zürich dieser Tage in einer Retrospektive, die auch im "Kinok" in St. Gallen und dem "Rex" in Bern läuft. Das Standfoto auf dem Cover des Monatsprogramms ist flott: Es zeigt die waffenstarrenden, unternehmungslustigen Protagonistinnen von Johnnie Tos »The Heroic Trio«.

Die Reihe blickt zurück auf ein Kino, das einmal wirklich zählte. Es bot ungekannte sinnliche Erlebnisse, war facettenreich und auf der Höhe der Zeit. Es nahm den Puls einer Stadt, deren Lebensrhythmus schnell und heftig ist. Ihre Vitalität und Wahrnehmungsfülle spiegelte sich in einer entfesselten, neonbunt verspielten und exzentrisch rhythmisierten Filmsprache. Die hastige urbane Entwicklung lässt den Widerspruch zwischen Tradition und Moderne zu einem unausweichlichen Motiv werden. »Comrades – Almost a love Story« von Peter Chan überprüft das Glücksversprechen der Metropole, in der rasante Karrieren möglich scheinen. In »Autumn Moon« von Clara Law wird sie gleichsam kulinarisch erkundet. Für Stanley Kwan und den frühen Wong Kar-wai ist sie ein Ort schillernder, rastloser Erotik. Die Originalität ist für dieses Kino oberstes Gebot. Kwans »Rouge« ist ein Geisterfilm, der aus der Perspektive des Geistes erzählt ist; »Days of Being Wild« verrät eine Lust an Stilisierung, die dem Realismus abschwört, sich aber doch ganz offensiv an das urbane Ambiente kettet. Das Genrekino ist in der Filmauswahl ebenso präsent, wird repräsentiert durch die Eskapaden der Actionhelden Jackie Chan und Sammo Hung sowie die komplexen Kampfkunst-Choreographien eines Tsui Hark, die wundersame Triumphe feiern über die Gesetze der Schwerkraft und Ballistik. So oder so erfüllt sich diese Kinematographie in der Intensität des Augenblicks.

Ihr Gestus der Dringlichkeit scheint freilich dem Argwohn geschuldet, sie lebe von geborgter Zeit. War sie bei all ihrer Vitalität schon ein Auslaufmodell? Das Kino reflektierte den Umbruch schon Jahrzehnte, bevor er sich vollziehen sollte. Vielleicht ist es falsch, diese Blüte von ihrem Endpunkt her zu betrachten, aber das Handover von 1997 schwebt doch wie ein Damoklesschwert über der launigen Raserei. Man muss die Filme nicht allesamt unter Allegorieverdacht stellen, aber diese Lesart bietet sich an. Die gebrochene Nostalgie von »Rouge« und die melodramatische Zerrissenheit von »Comrades« künden von einem Klima der Ungewissheit und Entfremdung. Den Figuren ist eine unablässige Identitätssuche aufgegeben. Ann Hui erzählt, wenn auch historisch und geographisch nach Vietnam entrückt, in »Boat People« von der Flucht vor einem repressiven kommunistischen Regime und verhandelt nebenbei auch die Frage der künstlerischen Freiheit. Bis 1997 herrschte weitgehend eine wirtschaftliche Zensur.

Übrigens sind allerorten in Wohnungen Filmplakate zu sehen. Ihre geschmackliche Orientierung ist klar: Meist annoncieren sie Hollywoodfilme. Die Tante des Helden aus »Comrades« hat William Holden einen Schrein errichtet. Ist sie ihm wirklich bei Dreharbeiten begegnet, hat er sie wirklich zum Dinner in sein geliebtes Peninsula Hotel eingeladen? Sogar der Suspense ist nostalgisch, auf eine glorreichere Vergangenheit gerichtet. Auch in Fruit Chans »Made in HongKong« gibt es Filmposter, die von den Vorlieben des Helden (oder doch denen des Regisseurs?) künden: »Natural Born Killers« und »My Own Private Idaho«. Chans Film ist 1997 entstanden, weshalb sein Titel fast trotzig anmutet. Er gibt sich ganz gegenwärtig, jugendlich und erlebnishungrig. Aber ihm wohnt eine rätselhafte Todessehnsucht inne. Er erzählt von lauter letzten Dingen. Seine Protagonisten haben nicht einmal die Chance, Utopien zu entwickeln: wiederum ein Geisterfilm.

Ist es verfehlt, dass ich von diesem Kino als etwas Vergangenem, Erloschenem schreibe? Das Editorial des Filmpodium-Programms scheint meinen Eindruck zu bestätigen, die Auflösungserscheinungen seien unverkennbar. Michel Bodmer berichtet von den Schwierigkeiten, noch Filmkopien aus dieser Zeit aufzutreiben. Die Kinorechte sind verstreut und undurchsichtig. Die an den Filmen John Woos etwa liegen bei einem Konzern, der mit dem Kino gar nichts zu tun und offenbar kein Interesse an ihrer Auswertung hat. Aber für heute ist es genug mit dem Blick zurück. Morgen werde ich ein wenig skizzieren, wie es mit dem Hongkong-Kino weiter ging.

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