Ihr Auge hört mit

Francois Truffaut am Set von »Die amerikanische Nacht« (1973)

Für das Internet scheint vor allem ihr Scheitern interessant zu sein. Immerhin finden sich diverse Seiten, die mit akribischem Vergnügen Anschluss- und sonstige Filmfehler auflisten. Im Umkehrschluss zeigt dies natürlich, wie wichtig die Arbeit der Script-Girls ist.

Francois Truffaut hat ihnen in »Die amerikanische Nacht« zwar ein schönes Denkmal gesetzt. Die muntere Joelle (Nathalie Baye) ist das unerschütterliche Zentrum der Dreharbeiten, das in allen Turbulenzen den Überblick behält. Dennoch gehören Script-Girls zu den unbesungenen Heldinnen des Kinos. Politisch korrekt mutet die landläufige Berufsbezeichnung heute nicht mehr an. In Frankreich nennt man sie unverfänglicher »la scripte«. Tatsächlich sind es seit jeher fast ausnahmslos gestandene Frauen, die dieses Metier ausüben. In Deutschland nannte man sie anfangs »Ateliersekretärinnen«, worin sich auch schon eine weibliche Domäne manifestiert. Der anglo-amerikanische Begriff »script supervisor« wiederum ist geschlechtsneutral und schreibt dieser Tätigkeit zugleich ihre angemessene Autorität zu. Gebräuchlich ist dort auch der Terminus »continuity«, womit eine wesentliche Funktion dieses Berufszweigs benannt ist: Er trägt dafür Sorge, dass eine glaubhafte und lückenlose Kontinuität der Handlung, Bewegungen, Dialoge, Geräusche sowie des Lichts und der Requisiten gewährleistet ist. Sie passen auf, dass jeder Statist im Hintergrund für den nächsten Take seine ursprüngliche Position wieder einnimmt oder dass in einem Glas nicht mehr Wein ist als in der Einstellung davor.

Es kann aber auch vorkommen, dass Anschlussfehler absichtlich eingesetzt werden. Bei »Je t'aime, je t'aime« musste Sylvette Baudrot aufpassen, dass die von Alain Resnais gewünschten Irritationen nicht beim Schnitt getilgt wurden. Dies und vieles mehr konnte ich in einer exzellenten Ausstellung erfahren, die ich in der letzten Woche in der Cinémathèque Francaise besuchte. Joel Daire, der Leiter der dortigen Sammlungen, und Lauren Benoit, die seit längerem über dieses Thema forscht, haben diese Hommage liebevoll kuratiert. Sie läuft noch bis zum 26. Juni und sei allen cinéphilen Paris-Besuchern unbedingt ans Herz gelegt. Die Kinemathek kann auf einen wahren Schatz von Dokumenten und Materialien zurückgreifen, die ihr Pionierinnen und aktuelle Vertreterinnen des Berufes überlassen haben. Sie ist im dritten Stock oberhalb der Dauerausstellung zu besichtigen, in der kleinen »Galérie des donateurs«.

Vor etlichen Jahren hatte ich das Glück, die erste dieser Spenderinnen kennen zu lernen: Lucie Lichtig. Eigentlich wollte ich ihre Schwester Renée für eine Dokumentation über den Hollywoodveteranen Robert Parrish interviewen. Renée war eine bedeutende Cutterin und sollte berichten, wie sie dessen Film »In the French Style« (Plaisir d'amour) geschnitten hatte. Erst einmal hielt jedoch ihre ältere Schwester das Heft in der Hand. Lucie überwachte unsere Dreharbeiten streng, schlug andere Kamerawinkel vor, räumte beherzt die Möbel der hübschen Wohnung in Montparnasse um und versorgte das Team mit Kaffee und Gebäck. Wir begriffen sofort, weshalb sich alle großen Hollywoodregisseure, von John Frankenheimer über Joseph L. Mankiewicz bis Nicholas Ray, sich ihrer Dienste versicherten, wenn sie in Europa drehten. Ich bin ihr zu großem Dank verpflichtet, denn sie half uns, von der Columbia die einzige Kopie von »In the French Style« zu bekommen, ohne die wir die Sendung nie hätten fertigstellen können. Obwohl sie sich in den 1990er Jahren allmählich in den Ruhestand begeben hatte (ihren letzten Film machte sie mit 80 Jahren), verfügte sie noch über beste Beziehungen in der Branche.

Sie debütierte, als Max Ophüls 1933 in Paris die französische Fassung von »Liebelei« drehte. Die Ausstellung stellt ihren Beruf an Hand von Szenen aus 12 emblematischen Filmen vor, darunter »Der Pianist« und »Der letzte Kaiser«. In diesem Konzept wird der Facettenreichtum dieser Arbeit deutlich. Annotierte Drehbücher und -pläne, Storyboards, Fotos von Kostümproben und Requisiten geben Einblick in die Werkstatt von Suzanne Schiffman und anderen scriptes. Auf Monitoren geben einige von ihnen Auskunft, Maggie Peraldo etwa berichtet zusammen mit Patrice Leconte über die Dreharbeiten zu »Ridicule«. Lucie ist mit der Picknick-Sequenz aus Billy Wilders »Ariane – Liebe im Nachmittag« vertreten, kommt aber leider nicht zu Wort, da sie 1999 verstarb.

Als sie anfing, nahm ihr Berufsbild gerade erst Gestalt an. Es handelt sich um eine amerikanische Erfindung. Die erste scripte des französischen Kinos, Jeanne Witta, wurde in Paris zu Beginn der Tonfilmära von der Paramount engagiert, Ein Exemplar ihrer Memoiren ist ausgestellt. Ich kenne das Buch leider nicht, habe aber keinen Zweifel, dass seine Verfasserin viel Spannendes zu berichten hat. Zu ihrem Beruf gehört es schließlich, alles mitzubekommen. La scipte fungiert als die ambulante Erinnerung eines Films (und des Kinos insgesamt). Ihre wichtigsten Gaben sind Geistesgegenwart und Wachsamkeit. »Sie ist das Auge,« sagt Bertrand Tavernier in einem Interviewausschnitt, »das zuhört bei allem, was am Drehort passiert.« Für Alain Resnais war sie das Rückgrat jedes Films. Roman Polanski hält ihre Arbeit für ebenso wichtig wie die der Kamera. Sie führt Protokoll darüber, wie sich Träume in Wirklichkeit verwandeln, notiert die Anzahl der Takes und vermerkt, welcher dem Regisseur am besten gefiel.

Für den Regisseur stellt sie das buchhalterische Gewissen dar, das dafür sorgt, dass jede Abweichung vom Drehbuch kein Versehen, sondern eine Entscheidung ist. Sie ahnt voraus, welches Mosaik später im Schneideraum zusammengesetzt werden muss. Zuweilen, das verschweigt die Ausstellung nicht, dient sie der Produktion auch als Kontrollinstrument, notiert, wann ein Regisseur hinter den Drehplan zurückfällt. Wie eng die Beziehung zwischen Regisseur und scripte ist, zeigt sich auch daran, dass sie gelegentlich zu Eheschließungen führte: Claude Chabrol dritte Frau war seine langjährige scripte Aurore, Lydia Mahias war mit Jacques Doniol-Valcroze verheiratet.

Die Ausstellung ist ein historischer Rückblick, aber auch die Momentaufnahme einer Zeit, in der sich das Berufsprofil radikal wandelt. Aber selbst in Zeiten der Digitalisierung ist die scripte noch unverzichtbar. Der menschliche Faktor ist gerade in diesem Metier essentiell. Gewiss, einige ihrer Aufgaben könnten schon jetzt durch moderne Aufnahmetechniken obsolet werden, die Einstellungslängen und Zeitverläufe automatisch dokumentieren. Im Gegenzug sind ihnen durch die technischen Umwälzungen neue Zuständigkeiten zugewachsen: Wenn ein Regisseur beim Drehen nicht mehr mit teurem Filmmaterial kalkulieren muss, sondern dank digitaler Technik munter drauflos drehen kann, wird es umso notwendiger, den Überblick zu behalten. Und eine App, die Anschlussfehler vermeidet, ist meines Wissens noch nicht erfunden worden.

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