Ein Kartenhaus zerbricht

»Deutschland 83«

In der letzten Woche konnte man den Eindruck gewinnen, der Spionagethriller sei das Genre der Stunde. Der Kalte Krieg schien mit einem Mal wieder brandaktuell. Am Donnerstag startete Spielbergs »Bridge of Spies« in den Kinos und wurde flankiert von zwei Fernsehereignissen – oder war es umgekehrt?

Am Vortag lief in der ARD zur besten Sendezeit das Fernsehspiel »Unsichtbare Jahre« mit der hoch interessanten Julia Koschitz. Und am Tag darauf konnte, wer nicht ins Kino gehen wollte, auf RTL die ersten beiden Folgen der achtteiligen Serie »Deutschland 83« sehen. Beiden Sendungen sollte durch anschließende Dokumentationen zusätzliches Gewicht verliehen werden. »Unsichtbare Jahre« kam mit dem Nimbus des anspruchsvollen Mittwochsdramas daher. In ihm wird eine junge Studentin in den 70er Jahren von einem Stasi-Offizier angeworben. Als Fan des Genres kam ich nicht ganz auf meine Kosten – die Agententätigkeit tritt doch sehr hinter eine psychologische Studie über Sinnsuche und Bindungsängste zurück. Am stärksten fesselte mich noch die Frage, wie hier eine Epoche der jüngeren Geschichte ausgekleidet wird: Zeitgenössische Autos, Kostüme und Wohnungseinrichtungen lassen sich wahrscheinlich relativ problemlos beschaffen, aber woher bekommt man heute noch einen alten D-Zug her?

Bei »Deutschland 83« ging es um wichtigere Fragen. Wenn man den Medien Glauben schenken wollte, stand nicht weniger als die Zukunft des deutschen Fernsehens auf dem Spiel. RTL und Produzent Nico Hoffmann traten an, um aller Welt und insbesondere Skandinavien, England und den USA zu beweisen, dass auch hier zu Lande Serien gedreht werden können, die den Vergleich mit »Homeland« oder »The Americans« nicht scheuen müssen. Die Marketing-Strategie schien geschickt zu sein. Als Appetithäppchen wurden die ersten Folgen auf der Berlinale gezeigt und sodann auf dem Fernsehmarkt in Cannes erfolgreich die ersten Auslandsverkäufe getätigt. In den USA lief die Serie auf dem »Sundance Channel«, wo sie offenbar Spielbergs Hauptdarsteller Tom Hanks gesehen und für »fantastisch« befunden hatte. Die PR-Maschine war gut gefüttert. Die Presse ließ sich nicht lumpen und überbot sich in der Platzierung von Vorberichten. Die »Welt am Sonntag« räumte dem Ereignis geschlagene drei Seiten ein, in denen Alan Posener, ansonsten vom Verlag gern als ideologischer Irrläufer beschäftigt, tollkühne Mutmaßungen anstellte. Wer bisher noch nicht wusste, dass Hauptdarsteller Jonas Nay der zurzeit heißeste Name im deutschen Film ist, wurde flugs eines Besseren belehrt. Die Begeisterung wurde zwar auch in anderen Blättern von einer gewissen Skepsis getrübt. Aber Deutschland als weltweit konkurrenzfähigen Serienschmiede – das war ein Traum, den alle gern mit träumen wollte.

Am Tag nach der Ausstrahlung legte sich die öffentliche Erregung schnell. Die Quoten lagen zwar, wie es in diesen Fällen so schön heißt, über dem Sendedurchschnitt. Hinter den Erwartungen blieben sie weit zurück. Am gestrigen Donnerstag kam es noch schlimmer: Sie sanken katastrophal ab. Das werberelevante Marktsegment hatte das Interesse rapide verloren. Werden die verbleibenden Folgen nun ins Spätprogramm verbannt? (Die Quote für »Unsichtbare Jahre« habe ich nicht recherchiert, sie war vermutlich akzeptabel, aber für die ARD ging es ja um nicht ganz so viel.) Unterdessen eroberte Spielbergs Film, auf den die Kritik eher wohlwollend als enthusiastisch reagierte, in den hiesigen Kinocharts einen ehrbaren vierten Platz. Auch in den USA ist er nicht ganz so eingeschlagen, wie es Sebastian Koch in dem Interview prophezeite, das ich für »epd Film« mit ihm führte. Muss er auch nicht. Er wird gelassen dem Zeitpunkt entgegen schreiten, an dem er sich amortisiert. Einspielergebnisse in der soliden Mittellage sind, einmal abgesehen von der James-Bond-Variante, für das Genre erfahrungsgemäß das höchste der Gefühle. Fast alle John-Le-Carré-Adaptionen bescherten ihren Produzenten herbe Enttäuschungen; vermutlich haben allenfalls »Der Spion, der aus der Kälte kam« und »Dame, König, As, Spion« bei ihrer Erstauswertung die Kosten eingespielt. Im Kern ist es kein spektakuläres, sondern schwermütiges Genre. Es handelt von Verrat, verlorenen Illusionen und schäbig gebrochenen Biographien. Man liest oder betrachtet Spionagegeschichten eher mit schleichendem Interesse als mit übersprudelnder Begeisterung. Sie fesseln nachhaltig, weshalb sie im Fernsehen oftmals besser funktionieren.

Hat RTL dennoch auf das falsche Pferd gesetzt? Spionage muss schon Qualitätsfernsehen sein wie »Homeland« oder die zwei Miniserien, in denen Alec Guiness George Smiley verkörpert, andernfalls wird es die Anhänger des Genres verprellen. Ich muss indes gestehen, das unbekümmerte Kolportage-Flair der ersten beiden Folgen hat mich amüsiert. Von Plausibilität ist die Geschichte des treuherzigen NVA-Rekruten, der als Doppelgänger einer Offiziersordonnanz höchste Militärkreise in Bonn infiltriert, entschieden unbefleckt. Die Ausbildung im Schweinsgalopp, die diversen familiären Verstrickungen, die seine Enttarnung vereiteln sollen usw. nehmen wir mal unter Vorbehalt so hin. Es ist eben ein böses Märchen, eine krude Variation über »Alice im Wunderland«. Und die unverhoffte Attacke der asiatischen Kellnerin katapultierte den zweiten Teil aus dem Grau deutscher Amtsstuben schon ziemlich beherzt aufs Bond-Terrain. Hoffen wir, dass sie noch mal wieder auftaucht. Wahrscheinlich geht diese Unbefangenheit auf das Konto der amerikanischen Drehbuchautorin Anna Winger, die zusammen mit ihrem Mann Jörg show runner der Serie ist. Sie glaubt an die Fisch-auf-dem-Trockenen-Dramaturgie, die man ihr auf Drehbuchschulen eingetrichtert hat. Nach den gestrigen Folgen ist zweifelhaft, ob sie über acht Episoden trägt. Amerikanisch sind an der Serie darüber hinaus nur die Titel der einzelnen Folgen. Und gab es niemanden, der Dialogblüten wie »Wir sind eine Familie, kein geopolitischer Konflikt!« verhindern konnte? Die Naivität des ganzen Vorhabens ist wohl im Wesentlichen eine deutsche.

Eine Freundin, die lange als Redakteurin in der Eigenproduktion eines Privatsenders arbeitete, sammelte dabei viel Erfahrungen mit der Adaption amerikanischer Erzählmodelle und konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Konzept hier zu Lande aufginge. Denn die viel gerühmten US-Vorbilder kreisen um ambivalente, gebrochene, nachgerade böse Charaktere. Dem deutschen Publikum könne man das nicht zumuten. Andererseits: Ist Siegfried, der Held unseres angeblich sinnstiftenden Nationalepos' "Die Nibelungen", nicht auch eun übler Täuscher und betrüger? Nun, die Panik, die den Sender angesichts des Umstandes erfasst haben muss, dass ein Ost-Spion im Mittelpunkt steht, ist der Serie anzusehen. Aus diesem Dilemma befreit sie sich halbherzig, mit hilflosen Konzessionen. Es ist schon reichlich hanebüchen, welche Komplikationen aufgeboten werden müssen, damit er gegen seinen Willen den Auftrag erfüllt. Ich hingegen wurde im Verlauf der vierten Folge fahnenflüchtig, als der Romeo-Intrige endgültig die Luft ausging und ich schlichtweg nicht fassen konnte, wie dilettantisch die Verfolgungsjagd im Wald inszeniert und geschnitten war. Muss deutsch-deutsche Spionage wirklich unausweichlich fade sein? Geht es nur im Modus der banalen Privatisierung von Zeitgeschichte? Oliver Hirschbiegel, der ebenfalls eine Spionage-Serie fürs Fernsehen vorbereitet, könnte das Ganze als Warnung, bestenfalls als Lektion dienen. Ein Ereignis war "Deutschland 83"nur kraft des ungeheuren Hype, der um sie gemacht wurde. Auf dem Bildschirm ist die Serie es nicht.

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Siehe dazu auch meine Besprechung in der FR:
http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik--deutschland-83-spion-wider-willen,1473344,32644176.html

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