DVD-Tipp: »Abenteuer in Fernost« – 7 exotische Filmklassiker

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Kolonialwaren im ­Siebenerpack

Die sieben Filme der Edition »Abenteuer in Fernost« scheinen auf den ersten Blick wenig gemein zu haben. Kostümepos trifft auf Tragikomödie, Kriegsdrama auf Abenteuerkino. Dennoch zeigen sich thematische Verwandtschaften, wobei gerade die Kontraste reizvolle Einblicke gewähren.

»Tai-Pan« basiert auf dem gleichnamigen Roman des Asienkenners James Clavell, die Verfilmung des Bestsellers entstand allerdings ohne dessen Zutun. Vor dem Zuschauer entfaltet sich ein opulent ausgestattetes, mit Statistenheeren bevölkertes Historienepos. Um 1840 exportieren britische Handelskompanien über Kanton chinesische Waren wie Jade, Tee, Porzellan. Bezahlt wird mit Opium. Zur Strafe brennen die Behörden die britische Handelsniederlassung nieder. Der Tai-Pan, so viel wie Handelsherr, Dirk Struan baut in Hongkong eine neue Kolonie auf und führt dabei einen Privatkrieg mit dem konkurrierenden Tyler Brock. Der Ex-Pirat Dirk Struan schmuggelt, verkauft Drogen, hält sich eine einheimische Sklavin. Dennoch erheben ihn die Drehbuchautoren zur Sympathiefigur, erzählen das Geschehen aus Kolonialistenwarte, durchsetzt mit Klischees, vor allem, was die Unterwürfigkeit chinesischer Frauen anbelangt. In jener Epoche wurden Frauen wie Handelsware behandelt. In diesem Film nimmt Struans Liebessklavin May-May ihr Los zynischerweise willig an.

Ganz anders in »Banditen aus den Bergen«, dem einzigen Beitrag aus originär asiatischer Produktion. Die titelgebenden Banditen sind aus reiner Not zu Verbrechern geworden. Der Anführer gibt sich als neuer Kreisvorstand aus, führt Reformen durch und macht sich so die Notabeln, darunter eben jene Kaufleute, die heimlich mit Opium handeln, zu Feinden. Die Bande wird unterdessen von einer wehrhaften Frau angeführt. Die für das Fernsehen der DDR erstellte deutsche Version dieses Martial-Arts-Films aus der VR China scheint gekürzt worden zu sein. Dennoch eine willkommene Ergänzung als Gegenentwurf zum Zerrbild der Hollywoodproduktionen.

»Fähre nach Hongkong« des späteren Bond-Regisseur Lewis Gilbert beginnt, wie »Tai-Pan« endet: mit einem Blick auf das zeitgenössische Hongkong. Curd Jürgens als deutscher Migrant Mark Conrad lungert in Hongkongs Hafen herum und zettelt in den Bars Schlägereien an. Er wird ausgewiesen und auf die Fähre nach Macao verfrachtet. Dort will man den Taugenichts auch nicht. Fortan pendelt er zwischen den beiden Kolonien, zum größten Ärger des Kapitäns Hart, den Orson Welles genüsslich als korpulentes Ekelpaket anlegt. Auch diese Geschichte machen die Europäer unter sich aus. Die Chinesen treten als Piraten auf oder als Opfer des Bigamisten Joe Skinner, der in Hongkong wie in Macao eine Familie unterhält. Conrad erringt trotz seiner abgerissenen Erscheinung die Zuneigung der Lehrerin Liz Ferrer, was dem unausgegorenen Bilderbogen einen »Casablanca«-Moment erlaubt.

Der Hauptdarsteller jenes Klassikers, Humphrey Bogart, begegnet uns in »Die linke Hand Gottes«. Ein Part wie für ihn gemacht: das schwarze Schaf, das Schuld mit sich trägt, im Priestergewand zu fliehen versucht, dann aber tatsächlich seelsorgerische Pflichten übernimmt und Läuterung erfährt.

Mit »Beim siebten Morgengrauen« ist Lewis Gilbert ein weiteres Mal in der Edition vertreten, einem Film mit ausgereifteren Charakteren. Major Ferris, Dhana Mercier und Ng kämpfen auf Malaya gegen die Japaner. Nach Kriegsende wird Ferris erfolgreicher Farmer, Mercier Lehrerin, Ng absolviert ein Studium in der Sowjetunion. Jahre später finden sich die Freunde auf unterschiedlichen Seiten wieder. Ng führt die Freiheitskämpfer an. Ferris will sich heraushalten, die kämpferische Mercier stellt sich auf die Seite der Einheimischen. Michael Keon, Autor der Buchvorlage, war ein ehemaliger Asienkorrespondent mit kolonialkritischer Haltung, die im Film noch anklingt, eingekleidet in ein Melodram um Freundschaft, Loyalität, Gewissenskonflikte. In William Holdens Major Ferris lebt die verlorene Generation, der Japaner Tetsurō Tamba zeigt Ng gelegentlich unnötig fanatisch. Zwischen den beiden steht Capucine als integre Lehrerin.

In »Die Hölle sind wir« inszeniert John Boorman die Auseinandersetzung zwischen einem US- und einem japanischen Soldaten als packendes Zwei-Personen-Stück. Beide stranden auf einer Pazifikinsel. Als der Amerikaner den Gegner entdeckt, greift er sofort zur Gewalt. Die Feinde machen einander das Leben schwer, bis der Amerikaner realisiert, dass er auf den Überlebenskünstler Kuroda, gespielt von Toshirō Mifune, angewiesen ist.

Besonderheit: Die beiden Hauptfiguren sprechen ausschließlich in der eigenen Sprache und finden verbal zu keiner Kommunikation. Die DVD enthält als Bonus unter anderem ein Interview mit Boorman, der von aufreibenden Dreharbeiten berichtet. Einen todessüchtigen Kampfflieger wiederum verkörpert Gregory Peck in »Flammen über Fernost«. Bekehrt wird er durch die Liebe einer aufopferungsvollen Burmesin.


Abenteuer in Fernost ‒ 7 exotische Filmklassiker, siebenteilige DVD-Edition. Anbieter: Pidax.
VÖ: 6. Juni 2024

Bestellmöglichkeit (DVD-Box)

 

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