arte-Mediathek: »Die Welt von morgen«

»Die Welt von morgen« (Serie, 2022). © Jean-Claude Lother

© Jean-Claude Lother

Aus der Gosse zu den Sternen

Der Titel »Die Welt von morgen« klingt nach Science-Fiction, wirkt aber – aus Publikumswarte – wie eine Antwort auf das »No Future« der britischen Punk-Bewegung. Ende der Siebziger reist Daniel Bigeault, noch nicht volljährig, in die USA. Der Franzose sammelt Funk- und Soulplatten und hofft, eines Tages als Discjockey arbeiten zu können. Sein Musikinteresse führt ihn zu den ersten Hip-Hop-Partys. Hip-Hop ist mehr als ein Musikstil. Eine in den Schwarzenvierteln geborene Subkultur aus Tanz, Dichtung, Kunst, Mode. Bigeault ist einer der Ersten, die das Phänomen nach Frankreich bringen und, nicht ohne Mühen und Opfer, etablieren. Er arbeitet als DJ und Radiomoderator, schlecht oder gar nicht bezahlt, organisiert Partys, produziert seine erste Platte. Zeitgleich entdecken die Jugendlichen in den Vorstädten, viele migrantischer Herkunft, den Rap als Ausdrucksmittel. Gegen Ausgrenzung, Rassismus, Polizeigewalt. Der Rechtspopulist Le Pen sammelt Wählerstimmen, Migranten sterben in polizeilichem Gewahrsam. Material für die scharfen Texte der angehenden Rapper Didier Morville alias Kool Shen und Bruno Lopes alias Joey Starr, die unter dem Gruppennamen Suprême NTM zu Plattenmillionären werden.

Das Autorenteam, im Kern Hélier Cisterne, Vincent Poymiro, David Elkaïm, Katell Quillévéré (auch Regie), erzählen diese Geschichte, mit den üblichen kleineren, dramaturgisch bedingten Änderungen, historisch genau und ungemein authentisch. Gelegentlich findet dokumentarisches Material Verwendung. Die darstellerischen Leistungen sind beachtlich.

Katell Quillévéré, bereits mit mehreren Kinofilmen hervorgetreten, inszeniert realitätsgetreu, regelrecht grimmig. Die Serie entbehrt der üblichen Muster filmischer Musikerbiografien – Entdeckung, Aufstieg, Hybris, Fall, Versöhnung. Die Helden sind keine Musterknaben. Farbdosen und LPs werden geklaut, Drogen gehandelt und genommen. Auch als sich erste Erfolge abzeichnen, bleibt Didier, der hochbegabte Texter, renitent und den Freunden gegenüber unberechenbar. Lebenslang wirkt nach, dass er von seinem alleinerziehenden Vater brutal geprügelt wurde.

Die Serie endet mit der Aufnahme der ersten Platte von NTM und einem Angebot an Bigeault, einige Titel von Topstar Mylène Farmer zu remixen. Er wahrt seine Integrität und lehnt ab. Später wird er, nach eigenen Vorstellungen, mit namhaften Musikern wie Maceo Parker, Les Rita Mitsouko, den Beastie Boys zusammenarbeiten.

Die Rolle der Frauen in der Entwicklung des französischen Hip-Hop wird nicht verschwiegen, im Nachspann sogar ausdrücklich hervorgehoben, namentlich die 2000 tödlich verunglückte Choreografin Virginie Sullée alias Lady-V. Rapperin auch sie, aber ohne den Erfolg der männlichen Kollegen. In seinen Anfängen war Hip-Hop männlich dominiert. Wagten sich Frauen als Rapperinnen auf die Bühne, wurden sie niedergebrüllt.

Zur Geschichte gehört auch Nina Hagen, 1989 im Umfeld von Jean Paul Gaultier zu finden, die Suprême NTM den ersten Fernsehauftritt verschafft.

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