Sky: »The Nevers«

»The Nevers« (Staffel 1, 2021). © Home Box Office, Inc.

»The Nevers« (Staffel 1, 2021). © Home Box Office, Inc.

Steampunk

Am 3. August 1896 erregt ein außerirdisches Flugobjekt Aufsehen am Himmel über London. Wer mit den feinen Lichtpartikeln, die das Raumschiff absondert, in Berührung kommt, gilt fortan als »Touched« und entwickelt besondere Fähigkeiten, die Segen aber auch Fluch sein können: wundersame Heilungskräfte, die Kunst der Brandstiftung durch Feuerbälle, die Macht über die Elektrizität, kurze Flashforwards, aber eben auch riesenhafte Größe, das relativ nutzlose Talent, Glasbläschen zu produzieren oder die zweifelhafte Begabung, in vielen Sprachen gleichzeitig zu sprechen. Der Witz dabei: Es sind vor allem Frauen und einige people of color betroffen. Irgendjemand im All hat also auf der Erde nach dem Rechten geschaut und Handlungsbedarf in Sachen Diskriminierung gesehen.

Die alten weißen Männer, die in der viktorianischen Klassengesellschaft das Sagen haben, halten davon freilich gar nichts. »Dies ist das Zeitalter der Macht, der neuen Macht von Röntgenstrahlen, Elektrizität und Drahtlosigkeit«, stellen sie in der Männerklubrunde fest. Weil es in diesen Kreisen völlig undenkbar ist, dass ausgerechnet die Frauen dabei einen Vorteil haben könnten, mussten sich die Betroffenen drei Jahre nach dem Vorfall nach dem Vorbild der »X-Men« in die relative Sicherheit eines Waisenhauses zurückziehen, um von hier aus als Detektiv:innen, Abenteurer:innen und Erfinder:innen ums eigene Überleben und für eine bessere Welt zu kämpfen. Dabei bewegen sie sich so ähnlich wie die Ermittler in Ripperstreet an der Schwelle zur Moderne, sie entwickeln ein elektrisches Seifenkistenauto als Fluchtwagen, das Megafon und ein noch etwas umständliches Tonaufnahmegerät, das unter dem Reifrock montiert wird, um Gegner zu überführen.

X-Women im viktorianischen England: Eine im Grunde bestechende Idee, die man allerdings erst aus einer erdrückenden Fülle an Themen, Motiven, Figuren und Nebenhandlungen herausschälen muss. Vieles davon ist bekannt aus dem Universum, das Joss Whedon als Autor, Regisseur, Produzent und Showrunner seit den 90er Jahren erschaffen hat. »The Nevers« ist ein Mash-up eigener Schöpfungen von »Buffy« bis zu den »Agents of S.H.I.E.L.D.«, mit schlagfertigen Dialogen, beeindruckenden Schauwerten, rasanten Action-Szenen, mit starken Frauenfiguren und einigen interessanten Schauspielerinnen, allen voran Laura Donnelly, die als Amalia True hinter scharfsinnigen Argumentationen und Actionakrobatik die Abgründe eines Traumas aufschimmern lässt, und Ann Skelly als smart gewitzte Erfinderin an ihrer Seite. Im Unterschied zu deutschen Serien legen amerikanische schon in der ersten Staffel so viele Fäden aus, dass sich daraus mühelos zehn weitere Staffeln stricken lassen. Das wird sich auch Whedon gedacht haben, der die Serie entwickelt und die ersten zwei Episoden auch inszeniert hat. Nachdem er wegen diverser Anschuldigungen toxischer Männlichkeit am Set abdanken musste, wird sich zeigen müssen, ob Philippa Gosslet als neue Showrunnerin das Chaos der Motive, Themen und Nebenschauplätze in der zweiten Hälfte der ersten Staffel bändigen kann.

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