RTL+: »Faking Hitler«

»Faking Hitler« (Miniserie, 2021). © RTL / Martin Valentin Menke

© RTL / Martin Valentin Menke

Kurz waren sie die Größten

Am 25. April 1983 brachte die Hamburger Illustrierte »Stern«, damals noch mit einer Millionenauflage, eine Sensation: Auf einer Pressekonferenz wurden stolz die angeblich echten Tagebücher Adolf Hitlers als Jahrhundert-Coup präsentiert, 62 handschriftliche Kladden, die sich freilich kurz darauf als leicht zu durchschauender Schwindel herausstellten und zu einem der größten Medienskandale der Bundesrepublik wurden. Die Geschichte um Gerd Heidemann, einen vom »Dritten Reich« faszinierten und Nazidevotionalien sammelnden Starreporter, der mehr als ein Auge zudrückte, um dem bauernschlauen und im Akkord Gemälde, Briefe und Tagebücher heranschaffenden Fälscher Konrad Kujau auf den Leim zu gehen, ist so irre, dass sich bereits 1992 Helmut Dietl dem Stoff gewidmet und seine Kir Royal-erprobte feine Klinge darauf angesetzt hatte. Großes Kino mit Starbesetzung der Ära – Götz George, Uwe Ochsenknecht, Harald Juhnke.

Weitere 30 Jahre später scheint die Zeit reif für eine erneute Auseinandersetzung. Während bei Dietl alle Figuren und auch das Magazin noch fiktive Namen trugen, benennt die Serie Ross und Reiter: Mit Moritz Bleibtreu (Kujau) und Lars Eidinger (Heidemann) hat die von UFA Fiction produzierte Neuverfilmung zwei Hochkaräter besetzt und ist damit ab 30. November das Aushängeschild des neuen Streamingdienstes RTL+, der TVnow ersetzt.

Fast rührend naiv wirkt aus der zeitlichen Distanz diese Schummelei eines eitlen Reporters und eines schwäbischen Provinzmalers, die sich eine Weile für die Größten halten, in einer Ära lange bevor die Meinungshoheit klassischer Medien durch Internet und Fake News erodierte. Der Abstand von fast vier Dekaden macht die Serie zum period piece, wobei der ambitionierten Prestigeproduktion ihr Budget nicht nur anzusehen, sondern auch anzuhören ist: Allein der Soundtrack mit gefühlt jedem Frühachtzigerhit von NDW bis Cindy Lauper dürfte ein kleines Vermögen gekostet haben.

Geschrieben von einem Team um Produzent und Showrunner Tommy Wosch und flott inszeniert von Wolfgang Groos und Tobi Baumann nimmt sich die sechsteilige Miniserie trotz »Klarnamen« mehr Freiheiten als noch der Film. Im Zentrum steht die fiktive »Stern«-Jungredakteurin Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger), die ihre Chance wittert, die NS-Vergangenheit von »Derrick«-Star Horst Tappert aufzudecken, und bei Recherchen in einer SS-Mitgliederliste auf den Namen ihres eigenen Vaters (Ulrich Tukur) stößt, eines bekennenden Linken und angesehenen Juraprofessors an der Uni Hamburg. Diese an sich interessante Reflexion über die NS-Vergangenheit der Eltern und wie eine nachgeborene Generation damit umgeht, wird leider verwässert durch die auch 2021 im deutschen Fernsehen scheinbar unvermeidliche romantische Beziehung, die sich zwischen ihr und dem jüdischen Aktivisten und Nazijäger Leo Gold (Daniel Donskoy) anbahnen muss.

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