Netflix: »Halston«

»Halston« (Miniserie, 2021). © Jojo Whilden / Netflix

© Jojo Whilden / Netflix

Modischer Modemacher

Mutti ist an allem schuld. Weil Hallie Mae Frowick unter ihrem herrschsüchtigen Mann leidet, bastelt ihr der kleine Roy einen Strohhut mit Federn. Damit sie aufhört zu weinen. Es ist seine hilflose Art, mit dem Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Indiana zurechtzukommen. Und es wird ihn ein Leben lang prägen. In Chicago, wo er Hutmacher lernt, und später in New York, wo Roy Halston Frowick die amerikanische Damenmode revolutioniert und unter seinem zweiten Vornamen zur Ikone aufsteigt.

Halston war vor zwei Jahren bereits Thema eines sehenswerten Dokumentarfilms von Frédéric Cheng, nun widmet sich ein opulenter Netflix-Mehrteiler dieser schillernden Persönlichkeit – und ist dabei oft wenig schmeichelhaft. Er zeigt wie Halston (Ewan McGregor) mit dem Pillbox-Hut für Jackie Kennedy zur Amtseinführung ihres Gatten Modegeschichte schreibt, und schnell zu einem der führenden Modeschöpfer aufsteigt, mit Kreationen, die moderner sind als die Haute Couture aus Paris und Mailand. Dank des durchschlagenden Erfolgs führt er in den späten 70er, frühen 80er Jahren ein wildes Glamourleben: mit Busenfreundin Liza Minelli (Krysta Rodriguez) feiert er, als gäbe es kein Morgen; das Kokain wird auf Silberschalen serviert und haufenweise weggeschnupft, ein venezolanischer Callboy namens Victor Hugo (Gian Franco Rodriguez) wird sein impulsiver Liebhaber und sein Verderben. Auch seine Kreationen, die US-Fashion-Geschichte machten, werden ausgiebig gewürdigt, Supersuede etwa, einer Art Kunststoff-Wildleder, oder der asymmetrische Flakon zu seinem ersten Parfum. Die Ideen freilich stammen oft von anderen Talenten, die er gekonnt um sich schart, der Schmuckdesignerin Elsa Peretti (Rebecca Dayan) oder seinem Illustrator Joe Eula (David Pittu).

Es wird also abermals vom gequälten Genie erzählt, dem klassischen Biopic-Topos, – aber leider kommen bei »Halston« weder das Leid noch das Genie je wirklich zum Vorschein. Dabei scheint Ewan McGregor auf den ersten Blick die passende Besetzung. Ein Schauspieler, der sich nie vor Entblößungen scheute und dabei ambivalente, oft auch süchtige und/oder queere Figuren verkörperte. Er tut hier sein Bestes, eine wenig Sympathie weckende Figur zu spielen, bleibt aber merkwürdig unnahbar, Schmerz und Trauma werden gezeigt, aber nicht spürbar. Stattdessen setzt die Miniserie auf schnippische Einzeiler, die ebenso wie die Momentaufnahmen von Halstons exzentrischen Gesten (stets mit Zigarette, oft mit Sonnenbrille) und fantastischen Kreationen geradezu danach schreien, in Twitter-Memes verwandelt zu werden. Diese Rechnung zumindest ging zum Start voll auf.

Interessant ist auch, was unerwähnt bleibt: die Freundschaft mit Anjelica Huston etwa, die in den 70er Jahren vor ihrer Hollywoodkarriere als Model eine »Halstonette« war. Oder auch was mit dem Ex-Schaufensterdekorateur passiert, nachdem ihn Halston am Ende der ersten Folge wegen Speed-Sucht rausgeworfen hat: Er heißt Joel Schumacher und wurde Hollywoodregisseur. Viele Jahre später nannte er Halston »einen meiner liebevollsten, gütigsten Freunde«. In der Serie ist davon leider nichts zu sehen.

Der Kopf hinter der Miniserie ist Ryan Murphy, der mit Serien wie Hollywood und zuletzt Ratchet sein Faible für Camp, für das Schillernde zwischen Glamour und Gosse, Größenwahn und Scheitern, weiter perfektioniert hat. Und dem mit »Der Mord an Gianni Versace« vielleicht bereits die bessere Miniserie über einen Modezaren gelang. Bei »Halston« schrieb Murphy mit am Drehbuch, das lose auf der Biografie »Simply Halston« von Stephen Gaines basiert, und fungierte als Produzent, ist also der »Serienmacher«, auch wenn die fünf Folgen von Daniel Minahan inszeniert wurden und Sharr White als Creator zeichnet. Mit einer Flut an Netflix-Produktionen läuft Murphy bald Gefahr, dabei Halston nicht unähnlich, selbst eher Fließband als prägnantes Ereignisfernsehen zu liefern.

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