Buch-Tipp: »Alfred Hitchcock 1: Der Mann aus London«

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Unter den Dächern von London

Derzeit ist es ein wenig Mode, Biografien in Comicform zu liefern. So war es, nach etlichen Zitaten und Gastauftritten, nur eine Frage der Zeit, bis Alfred Hitchcock eine eigene große Comicbiografie bekam, mitsamt seiner »dunklen Seite« versteht sich, auf die keine Reflexion des Werks seit Donald Spotos Buch verzichten kann und die auch der Film »Hitchcock« (2012, Sacha Gervasi) nicht ausließ, der wiederum auf die Biografie »Alfred Hitchcock and the Making of Psycho« von Stephen Rebello zurückgriff. Auch für die Comicbiografie ist »Psycho« der Schlüssel. Mit einem grandiosen, ganzseitigen Panel von der Erstaufführung in Paris, November 1960, beginnt der erste Band, »Der Mann aus London«. Der zweite und letzte Band »Der Meister des Suspense« soll im Januar 2021 erscheinen. 

Natürlich geht es nicht allein darum, die Geschichte des kleinen, korpulenten britischen Genies nachzuzeichnen, das seine vollständige Entfaltung in Hollywood erlebte, es geht auch um eine innere Kontinuität. Man kann sie vielleicht in einem fiktiven Theaterzitat zusammenfassen, das im Comic mehrfach wiederkehrt: »Die Gespenster sind unglücklich, weil sie nicht finden, was sie suchen, und wenn sie es finden, gehen sie glücklich fort und kommen nie wieder.« Die Gespenster des Alfred Hitchcock haben nie gefunden, was sie suchten, dafür hinterließen sie ihre Spuren in einer Reihe von Filmen, von denen einige zu den wichtigsten der Kinogeschichte gehören. Nicht nur gemessen an dem, was Kritik und Theorie dazu zu sagen haben, sondern vor allem an dem, was sie in Menschen auslösen, die sie sehen. Diese Gespenster sichtbar zu machen, wäre eine große Aufgabe für eine Comicbiografie.

Für diese Aufgabe hat man zwei Meister ihres Fachs (erneut) zusammengebracht, den alten Hasen Noël Simsolo als Szenaristen, der so ziemlich alles gemacht hat, was man in der Welt der Erzählbilder machen kann, vom Drehbuchautor bis zum Biografen, vom Schauspieler bis zum Comicautor (»Pornhollywood«, eine grandiose grafische Noir-Fantasie zur Traumfabrik der 30er Jahre) und Dominique Hé, der mit der Albenserie um Marc Mathieu (deutsch: »Ein Abenteuer des Marc Marell«) seit den 80er Jahren gezeigt hat, wie man mit den Stilmitteln der Ligne claire durchaus zeitgemäß arbeiten kann. In »Pornhollywood« haben die beiden noch eine stimmungsvolle Kolorierung verwendet; »Hitchcock« ist eine Arbeit, die ganz auf Schattierungen zwischen schwarz und weiß setzt. 

Nach dem Eröffnungsbild, das mit seiner liebevollen Architektonik und der Besucherschlange im Regen vor dem Filmpalast die Tonlage vorgibt, schneidet die Geschichte in die Privatsphäre und eine (wohl nicht nur) kulinarische Missstimmung im Hause von Alfred und Alma. Die nächste Erzählebene wird durch eine Plauderei von Hitch und Cary Grant während des Drehs zu »Über den Dächern von Nizza« vorgegeben; Grant zeigt sich da als wissbegieriger Begleiter, als gälte es, das Truffaut'sche »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?« in ein »Hitch, warum haben Sie das gemacht?« zu wenden. Und damit ist der Raum geschaffen für die Rückblenden: In seine Jugend, die Folgen einer definitiv schwarzen Pädagogik zuerst im Elternhaus, dann in der Jesuitenschule, die Mutterbindung, die Beziehung zu Alma Reville, die Kämpfe mit missgünstigen Kollegen im britischen Filmbusiness, die Erfahrungen in Deutschland, das reduzierte Privatleben und die Besessenheit von allen Aspekten des visuellen Erzählens bis zur spannungsreichen Begegnung zweier merkwürdig verwandter Seelen, Charles Laughton und Alfred Hitchcock (bei »Jamaica Inn«).

Diese graphic biography ist immer dort großartig, wo sie sich auf das Bildhafte, die Stimmungen, die Bewegungen, die Zeichen und Objekte konzentriert. Wie bei vielen Künstlern der Ligne-claire-Tradition, die sich von der Abstraktion ihres Gründervaters Hergé lösen, sind auch bei Dominique Hé die Bildkomposition, das architektonische Detail und die Gestik der Figuren ein Fest für die Augen. Woran es dagegen ein klein wenig hapert, sind die Charaktere selbst. So etwa bekommt der Cary Grant des Comic nur wenig Kontur und keine rechte continuity. Auch kommt gelegentlich die biografische Pflichterfüllung dem Erzählfluss in die Quere. Die Fakten im Leben des Master of Suspense und die Kraft seiner poetischen Gespenster begegnen sich hier immer wieder in großen Bildern, sie laufen aber auch immer wieder auseinander. Trotzdem: Das Buch ist ein großer ästhetischer Genuss, ein grafisches Meisterwerk und ein Dokument von liebevollem Respekt. Wenn wir nur nicht schon so viel wüssten über die Fakten und die Gespenster im Leben von Alfred Hitchcock.

 

Noël Simsolo/Dominique Hé: Alfred Hitchcock 1: Der Mann aus London. Übers. von Tanja Krämling. Splitter-Verlag, Bielefeld 2020. 160 S., 24 €.

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