Apple TV+: »Physical«

»Physical« (Serie, 2021). © Apple TV+

»Physical« (Serie, 2021). © Apple TV+

Bis auf die Knochen

Wenn vom geheimen Leben einer Person die Rede ist, meint man damit meist »Affäre« in irgendeiner Form. Im Fall von Sheila (Rose Byrne) sind es drei Burger- und Pommes-Frites-Portionen, mit denen sie fremd geht. Und das mit Stil: Wenn sie die Tüten im McDonalds-Drive-Through abgeholt hat, mietet sie sich in einem Motel ein, zieht die Vorhänge zu und macht das Bett zur Festtafel, auf dem sie die Burger platziert. Dann reißt sie sich die Kleider vom Leib, kniet nieder und beißt hinein. Hinterher geißelt sie sich, ganz wie nach einem sündigen Akt. »Du blöde fette Kuh, das ist das letzte Mal, morgen esse ich gesund und gehe mindestens eine Stunde zum Balletttraining«, erklingt aus dem Off ihre innere Stimme, während man sie nach Haus zu Mann und kleiner Tochter fahren sieht. Dort hält sie die perfekte Fassade einer gut funktionierenden Ehefrau aufrecht, die das Abendessen kocht und ihren niedergeschlagenen Mann aufheitert, der gerade Probleme mit seinem Lehrerberuf am College hat. Man schreibt das Jahr 1981, Sheila und ihr Mann haben ihr bisheriges Leben als progressive, linksliberale Kalifornier verbracht, nun ist der Republikaner Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt worden und die Werte ihrer »Counterculture« drohen endgültig außer Mode zu geraten.

»Physical« gehört zum bislang noch sehr übersichtlichen Portfolio des Streamingportals von Apple, dessen Anfänge mit hämischer Kritik bedacht wurden: Viel Geld für wenig Außergewöhnliches werde da ausgegeben. Aber vielleicht sind es die Kritiker, die erst auf den Geschmack kommen müssen. Ähnlich wie bei »Ted Lasso«, dem größten Überraschungshit bislang auf Apple TV+, zeigt sich auch bei der Serie »Physical«, dass das Etikett Comedy dem Inhalt nicht gerecht wird, dafür ist hier zu viel Herzblut zu spüren. Und wo »Ted Lasso« noch in einem Fußball-Fantasy-Land angesiedelt ist, das wenig Ähnlichkeit mit dem realen England hat, da bringt »Physical« dem Zuschauer eine ganz konkrete historische Realität nahe: das von den Idealen von Love-and-Peace enttäuschte Südkalifornien, in dem aus New-Age-Ideen wie Yoga Businessmodelle werden.

Dass die Hausfrau Sheila zur Aerobicskönigin mit Video-Imperium aufsteigen wird, weiß man aus den ersten Bildern der Serie. Bis dahin aber ist es ein steiniger Weg, bei dem sie sich vor allem selbst im Weg steht. Der große Handlungsbogen mag wenig Überraschung bieten, womit »Physical« verblüfft, ist die Darstellung seiner Heldin im Zentrum. Nicht nur dass Sheilas Essstörung samt ihrer Ambivalenz von Selbstschädigung, Heimlichkeit und Narzissmus dargestellt wird, ohne dass ihr Charakter dahinter ganz verschwindet – es wird auch gezeigt, wie es dieser klugen Frau verblüffenderweise an Selbstvertrauen fehlt, was ihre Beziehungen stark beeinträchtigt. Sheila hat keine Freunde, erst recht keine Freundinnen. Sie ist auch dem Zuschauer oft wenig sympathisch. Ihre Konflikte mit dem eignen Körper und der eigenen Rolle im Leben fühlen sich allerdings so realistisch an wie selten in Film oder Fernsehen.

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