Amazon: »Goliath« Staffel 4

»Goliath« (Staffel 4, 2021). © Amazon.com

»Goliath« (Staffel 4, 2021). © Amazon.com

Plädoyers an der Theke

In der dritten Staffel der Serie »Goliath« war der Rechtsanwalt Billy McBride (Billy Bob Thornton) von einem Freund ins kalifornische Central Valley gerufen worden, wo Anwohner als Folge illegalen Wasserverbrauchs buchstäblich auf dem Trockenen saßen. Die Weite der Plantagen prägte diese Episoden, gleißende Sonne, Kabriofahrten auf einsamen Landstraßen. Staffel vier markiert nun einen radikalen Bruch. Billy ist seiner Mitstreiterin Patty Solis-Papagian (Nina Arianda) nach San Francisco gefolgt und lebt in Chinatown. Hier tappt er durch enge, trübe Gassen, durch Dunst, strömenden Regen. Die Sonne zeigt sich allenfalls weit weg am Horizont.

Staffel vier ist eine »série noire«, auch inhaltlich. Pattys Kanzlei bereitet eine Klage gegen ein Pharmaunternehmen vor, das wissentlich Opioide auf den Markt bringt, die laut eigenen nichtöffentlichen Studien in die Abhängigkeit führen. Und einmal mehr bekommen es Patty und Billy mit einem mächtigen Gegner zu tun – David gegen Goliath.

McBride ist seit Jahren angeschlagen, ein Trinker. Sein Zustand hat sich verschlimmert, seit er im Central Valley angeschossen wurde und sechs Minuten ohne Leben war. Obendrein wurde er während seines Aufenthaltes dort unter Drogen gesetzt. Das Zeug scheint noch nicht vollständig abgebaut. Immer wieder verwischen sich Traum und Realität zu wilden Trips, mehrfach findet er sich als Sheriff auf dem Set von 12 Uhr mittags wieder.

Wie zuvor bewegen sich die Autoren auf dem Fundament eines Anwalts-Procedural; es gibt Winkelzüge, Finten, Whistleblower. Angereichert werden diese Genremerkmale aber um eine Fülle weiterer Motive psychologischer, philosophischer, metamedialer Art. Wie bereits in Staffel drei gibt es intensive Thekengespräche mit Vertretern der Gegenseite, reizvoll, weil hier uneigentlich, anspielungsreich, mehrdeutig gesprochen wird.

Erdacht wurde die Serie ursprünglich von Jonathan Shapiro und David E. Kelley, Letzterer Jurist und erfolgreicher Seiteneinsteiger ins Fernsehmetier. Mit den von ihm als Showrunner verantworteten Folgen von »L.A. Law« und eigenen Serien wie »Picket Fences«, »Chicago Hope«, »Ally McBeal« oder auch »Boston Legal« mit William Shatner und James Spader hat Kelley Klassiker geschaffen. Zuletzt war er mit Adaptionen von Kriminalromanen beim Publikum erfolgreich – »Big Little Lies« (bei uns auf Sky ausgestrahlt) und »Big Sky« (Disney+). Handwerklich selten anfechtbare Produktionen, jedoch ohne den etwas versponnenen Kelley-Touch. Einst galt er in der Branche als Wunderkind, weil er im Alleingang für mehrere Serien gleichzeitig die Drehbücher schrieb und auch selbst produzierte. Wenn er sich neuen Projekten zuwandte, gab er die Federführung ab, was oft, siehe »Chicago Hope«, einen Qualitätsabfall bedeutete. Bei »Goliath« schied er dem Vernehmen nach aufgrund von kreativen Differenzen aus. Der Regisseur Lawrence Trilling übernahm die Produktionsleitung, die Autoren Jennifer Ames, Steve Turner und Kollegen legten »Goliath« fortan experimenteller an und setzen bei der Optik stärker auf kulinarische Qualitäten.

Eines übernahmen sie vom weiterhin als Produzent geführten Kelley: Die Rechtsfälle orientieren sich an realen Ereignissen.

OV-Trailer

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