Streaming-Tipp: »The Great«

»The Great« (Serie, 2020). © Hulu

»The Great« (Serie, 2020). © Hulu

Das Fräulein will an die Macht

Voller Vorfreude und großen Erwartungen steigt Prinzessin Friederike von Anhalt-Zerbst im Januar 1744 in eine Kutsche nach Russland, wo sie mit Zar Peter III. vermählt werden soll. Ihr Zukünftiger erweist sich schnell als narzisstischer Dummkopf, als dessen Lieferantin eines männlichen Nachkommen sie vorgesehen ist. Dies ist der Ausgangspunkt des Zehnteilers »The Great«, eine Art Bildungsroman, der flott inszeniert und in satirischem Ton den Aufstieg der preußischen Adelstochter zur russischen Kaiserin Katharina die Große erzählt. Doch was geschah damals wirklich? Und ist das überhaupt wichtig? Vieles ist zurechtgebogen in dieser »gelegentlich wahren Geschichte«, und es ist ratsam, auch als Zuschauer einen souveränen-verspielten Umgang mit historischen Fakten zu pflegen, um diese poppige Kostümkomödie über weibliches Empowerment mit all seinen Anachronismen zu genießen.

Katharina (Elle Fanning) ist eine intelligente, wenn auch bisweilen noch arg naive junge Dame, deren Ambitionen am Hof verkannt werden. Ihr Gatte (Nicholas Hoult) ist ein zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln wankendes Riesenbaby, Staatsgeschäfte und Kriege führt er nach dem Lustprinzip und ohne störende Detailkenntnisse. Katharina dagegen liest Voltaire und andere Philosophen der Aufklärung und träumt davon, mit deren gesellschaftspolitischen Idealen Staat und Volk Russlands zu erleuchten. Damit stößt sie auf Granit. Zudem machen ihr die mehr oder weniger unsichtbaren Hierarchien und Intrigen am Hof zu schaffen.

Fanning ist herausragend in der Hauptrolle zwischen aufmüpfigem Fräulein und ambitionierter Strategin, die schon bald mithilfe ihrer Kammerzofe Marial (Phoebe Fox), ihrem Liebhaber Leo (Sebastian de Souza) und dem progressiven Berater Orlo (Sacha Dhawan) den Staatsstreich plant. Kann das gut gehen? Auf den geschichtlichen Rekurs jedenfalls ist hier kein Verlass. Dabei ist die Debatte darum, was Populärkultur bei historischer Aneignung darf, seit jeher ermüdend. Die Details mögen nicht stimmen, doch mit dem Beziehungsgeflecht der Figuren und den Machtstrukturen lassen sich durchaus heutige Verhältnisse reflektieren.

Die eigentliche Krux der Serie sind die überdeutlichen Parallelen zu einem ebenfalls satirischen Filmporträt einer historischen Monarchin, Yorgos Lanthimos' »The Favourite«, über die englische Königin Anne (1665-1714), das letztes Jahr unter anderem mit dem Oscar für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Das stammte aus der Feder des Australiers Tony McNamara, der nun nach ganz ähnlichem Muster »The Great« schuf und damit ein eigenes Theaterstück aus dem Jahr 2008 adaptierte. Doch auch wenn hier das letzte Quäntchen satirische Schärfe und bösartige Verschrobenheit fehlt, das Lanthimos' Film ausmacht, lohnt sich die Serie doch als Hymne auf eine erstaunlich moderne, präfeministische Ikone, die sich ihren Platz an der Spitze des Staats erkämpft. Nicht der Macht per se wegen, sondern weil sie Reformen und gesellschaftlichen Fortschritt will.

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