Berlinale: Zwei Bücher zur Retrospektive

Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen

Keine Frage: Frauen stehen im Bereich der Filmkunst hintan. Filmarbeit war ein wichtiger Teil der Frauenbewegung der 1970er; Jutta Brückner blickt im aktuellen epd Film-Heft auf diese Zeit zurück, auf die Fragen, die sich die Filmemacherinnen damals gestellt haben, auf die Probleme, auf die sie gestoßen sind, auf die Probleme, die bis heute weiter bestehen. Auf diese Wunde will die diesjährige Retrospektive den Finger legen; dass dieser Finger mahnend zu sein scheint und nicht streichelnd, scheint mir vorab ein Problem zu sein bei der Konzeption der Retro. Filme von Filmemacherinnen: Das wird offenbar in einem Großteil der Filmauswahl auf den, sagen wir, feministischen Film reduziert.

Die Retro nun zeigt Filme von Brückner; von Helma Sanders-Brahms, von Helke Sander; das sind Filme, die offensiv »Frauenthemen« in »Frauenfilmen« bringen. »Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwa, alleinerziehende Mütter, Fragen der Verhütung, das Liebes- Und Zusammenleben von Männern und Frrauen sowie das Verhältnis von Töchtern zu ihren Müttern und Vätern« zählen Connie Betz, Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother im Vorwort zum von ihnen herausgegebenen Begleitband zur Retrospektive auf. Ich frage mich da unwillkürlich: Frauen können doch Filme machen, die alle Themen abdecken, die jeden etwas angehen – reduziert eine solche Auswahl nicht das weibliche Filmemachen auf das »weibliche« Filmemachen?

Immerhin startet die Filmauswahl zeitlich 1968 mit »Zur Sache, Schätzchen« von May Spils; der ist natürlich über alles erhaben. Aber warum fehlt Dörries »Männer«? So doof ich persönlich diesen Film finde – nicht nur wegen seines Erfolges gehört er in eine solche Reihe, auch könnte gerade im Vergleich mit dem »Schätzchen«-Film, etwa in Bezug auf die Darstellung des Mannes, etwas Fruchtbares rauskommen.

Der bei Bertz+Fischer veröffentlichte Band zu Retro – wie immer reich bebildert – freilich macht dann doch Lust auf die Filme (naja, vielleicht nicht auf alle…): In bewährter Weise wechseln sich Übersichtstexte ab mit von Filmemacherinnen verfassten Essays zu einzelnen Werken, die in der Retro gezeigt werden; wo die übergreifenden Artikel die Pole Selbstbestimmung und Selbstermächtigung umspannen, blicken beispielsweise Eva Trobisch oder Tatjana Turanskyj auf DEFA-Filme, die nochmal eine andere Perspektive jenseits der westdeutschen Frauenbewegung aufkommen lassen.

Da trifft es sich gut, dass bei Bertz +Fischer nun auch der Band »Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme« herausgekommen ist, in der Schriftenreihe der DEFA-Stiftung, herausgegeben von Cornelia Klauß und Ralf Schenk – inklusive zwei DVDs mit Filmen der porträtierten Filmemacherinnen. Das Buch versammelt Porträts zu 63 Regisseurinnen, die für die DEFA gearbeitet haben – bei Lang- und Kurzfilm, Doku, Werbefilm, Wochenschau oder Trickfilm. Und es öffnet sich ein Panorama der Arbeitsbiographien, die einerseits stets ideologisch eingespannt waren, die aber andererseits auch Möglichkeiten aufwiesen, die in der BRD undenkbar waren. (Und sich dabei durchaus nicht nur auf Frauen-Probleme reduzieren: Das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Abteilungen und Institutionen von Filmhochschule und diversen DEFA-Bereichen, die sich mitunter nicht sehr grün gewesen zu sein scheinen, bietet spannende Einblicke ins Funktionieren (oder Nicht-Funktionieren) eines untergegangenen Landes.) Ich habe, zugegebenermaßen, viel zu wenig Ahnung von der DEFA und auch viel zu wenige Filme gesehen. Das werde ich nun in der Retro nachholen – die gerade im Vergleich west- und ostdeutscher »Frauenfilme« durchaus die eine oder andere Erkenntnis aufweisen wird.




Karin Herbst-Meßlinger, Rainer Rother (Hrsg.): Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen.
216 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen. Verlag Bertz+Fischer, Berlin 2019. 25 Euro.

 

 


Cornelia Klauß, Ralf Schenk (Hrsg.): Sie. Regisseurinnen der DEFA und ihre Filme. 416 Seiten, viele Abbildungen. Inkl. 2 DVDs mit insgesamt 18 Filmen, davon zwei Langfilmen. Verlag Bertz+Fischer, Berlin 2019. 29 Euro.

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