Interview mit May Spils über ihren Film »Nicht fummeln, Liebling«

May Spils am Set von »Nicht fummeln, Liebling!« (1969)

May Spils am Set von »Nicht fummeln, Liebling!« (1969)

Nach dem großen Erfolg von »Zur Sache, Schätzchen« legte May Spils mit »Nicht fummeln, Liebling« noch einen drauf: Die anarchische Komödie mit Werner Enke als lakonischer Slacker, mit Gila von Weitershausen als bürgerliche Studentin, die sich in die Subversion verliebt, und mit Henry van Lyck als krummhundiger »straight man« war ein voller Erfolg an den Kinokassen. Auch nach 50 Jahren hat der Film nichts von seinem Esprit verloren – auch, wenn er lange Jahre kaum je zu sehen war. Seit 30.11. ist der Film aus dem Jahr 1970 beim Label Indigo auf DVD erhältlich

Das »Fummeln« aus dem Titel ist eine der Sprachschöpfungen aus »Zur Sache, Schätzchen«, der zwei Jahre zuvor ins Kino kam..

Da fummelt ja Enke an der Uschi Glas beim Straßenbahnfahren. Das ist aber nicht einmal direkt sexuell gemeint, eher so das typische »Fummeln wir ein bisschen« – »Na, dann fummel halt«… Man weiß ja, wie's gemeint ist, das kann man variieren, wie man will. Heute ist im Rückblick diese Enke-Figur ein Unikum, und Spils-Enke-Filme sind schon ein eigenes Genre, auch wenn es nicht so viele von ihnen gibt. Manche Dinge sind ja in den Duden eingegangen, »Fummeln« zum Beispiel.

Wie sind Sie denn umgegangen mit dem großen Erfolg von »Zur Sache, Schätzchen«?

Das war ja ein Riesenerfolg, und der zweite Film ist daher immer der Schlimmste, weil man da nicht so abstinken will, ist ja klar. Wir brauchten eine Idee für den zweiten Film. Und wir kannten den Horst Söhnlein: Der hat ja mit Baader und Ensslin in Frankfurt Kaufhäuser angesteckt, das war 1968. Der Enke hatte mit dem 1966 gedreht in Klaus Lemkes Kurzfilm »Kleine Front«. Da haben wir die Idee gehabt: Enke ist in dem Film befreundet mit ein paar anständigen Revoluzzern, Otto Sander spielt den Hauptrevoluzzer. Die wollen ein Kaufhaus anstecken, machen auch eine große Übung, und Enke verhindert das dann alles. Das war die Idee, und das kam gut an. Wir haben den Lubitsch-Preis dafür bekommen.

Der Film ist sehr anarchisch. Die Enke-Figur verarscht ja in alle Richtungen, insbesondere auch die Polizei.

Wir wollten nicht den Spießerweg gehen, wir wollten nicht einfach normal lustig sein. Enke ist ja sehr skurril, hat eine sehr bizarre Fantasie, und er ist ja auch ganz philosophisch. Man darf nicht vergessen: In »Schätzchen« gibt es ja sogar eine Szene, da gehen die Uschi und der Enke durch den Englischen Garten, und sie reden über den Tod. Sie sehen ein altes Pärchen auf der Bank und sprechen darüber, wie es wohl sein muss, wenn man alt ist und wie schrecklich das ist, dass man selber sterben muss… Also er hat auch seine philosophischen Ecken, das weiß man ja.

Im nächsten Film, »Hau drauf, Kleiner«, steckt Enke sogar in einem Fass drin, wie Diogenes, eine klare Anspielung auf die Philosophiegeschichte. Haben Sie darüber geredet beim Konzipieren des Films?

Ja natürlich, das war im Drehbuch. Aber wir haben dann immer geschrieben »Es wird improvisiert«, weil Werner sich in solchen Dingen einfach nicht an den Text hält. An dieser Tonnen-Szene haben wir wahnsinnig lange gedreht, das Tonband fiel immer wieder aus, und das Fass rollte schlecht, es war auch eine langwierige Sache, bis wir den Text hatten. Den haben wir am Schluss gemacht zuhause auf meinem Tonbandgerät. 

Es gibt in »Nicht fummeln, Liebling« auch einige Slapstickszenen, beim Filmdreh in den Geiselgasteig-Studios oder beim Tennisspiel… Wie sind Sie das angegangen, das kann ja nicht improvisiert sein?

Nein, das ist natürlich im Drehbuch. Das war richtig ausgearbeitet, wie Karl Schönböck – als er selbst – sich am Filmset immer wieder verspricht und Enke im Hintergrund erscheint und alles falsch macht. Das war perfekt ausgearbeitet. Auch die Tennisszene war beschrieben. Nur die direkten Schläge, da wurde dann improvisiert. Die haben halt wild Tennis gespielt und ihre Sätze dazwischen gehabt. Im Schneideraum habe ich das dann mit der Cutterin zusammengesetzt. Das dauert ja auch ein paar Wochen, bis man da alles zusammenhat.

Hat Enke mitinszeniert?

Hinter der Kamera stehe ich und sage: Mach das, mach das, mach das, und Enke macht seine Schläge. Er improvisiert natürlich dann auch mal sein wildes Tennisspiel, beispielsweise. Das kann man nicht vorhersagen, wenn er wie wild Tennis spielt am Schluss. Ich wusste, was ich machen kann. Wenn Enke mal nicht gut war, hab ich gesagt: »Komm Enke, nochmal«, hab ihn angestachelt. Der hat manchmal rebelliert, aber ich sag: »Nein, ich weiß, das kannst du besser.« Es war schon ein Kampf da.

Wie sind Sie eigentlich zum Film gekommen?

Ich war in Bremen an der Berlitz-School und habe meinen Dolmetscher gemacht in Englisch. Dann habe ich in Hamburg ein halbes Jahr als Auslandskorrespondentin bei einer Werbefirma gearbeitet. Das gefiel mir aber gar nicht. Mit einer Freundin, die Krach zuhause hatte, habe ich einmal eine Reise nach München gemacht, das fanden wir so toll, dass wir uns entschlossen haben, nach München zu ziehen. Wir hatten nebenbei eine Mannequin-Schule besucht, eine Ausbildung für den Laufsteg in Abendkursen. Und ich hatte von meinem Opa einen Bauernhof geerbt. Ich bekam also monatlich immer eine kleine Pacht dafür. Wir haben uns in München etabliert und auch sofort Jobs gekriegt, ich habe zum Beispiel für Betty Barclay Mode vorgeführt auf Modeschauen. Und dann habe ich diese Münchner Filmclique kennengelernt.

Die sogenannte Münchner Gruppe…

Genau, das waren Klaus Lemke, Rudolf Thome, Max Zihlmann, auch Marran Gosov.

… der »Engelchen von Bamberg« mit Gila von Weitershausen gedreht hat…

Damals war ja München total in. Und man traf sich natürlich häufig. Ich war mit Enke liiert, und wir waren oft in Kneipen und haben über Filme diskutiert.

Der »Kleine Bungalow«, Ihre Stammkneipe, ist ja in dem Film auch verewigt.

Ja, in einer kurzen Szene sucht die Gila den Enke.
Ich war sowieso filmbegeistert, vorher in Bremen oder in dem Nest, in dem ich aufgewachsen bin, war ich immer im Kino. Das spießige Leben fand ich einfach schrecklich, Kino war einfach toll. Ich bin dann auch eine Woche nach Oberhausen gefahren, zu den Kurzfilmtagen, und habe mir angesehen, was diese Jungs da machen, Lemke war dort mit »Kleine Front«, und Enke war auch dabei. Und ich habe gesagt: Was die da machen, das kann ich auch. Als Enke bei Lemke gedreht hat, habe ich ja schon Script gemacht, habe zugesehen. Ich habe dann ein Drehbuch geschrieben und selbst die Hauptrolle gespielt in meinem Kurzfilm »Porträt«, der einen kleinen Preis gewonnen hat. Danach konnte ich weitermachen, ich habe »Manöver« gedreht, einen weiteren Kurzfilm mit mir und Enke, und nachdem der so wahnsinnig gut ankam in Oberhausen, haben wir gesagt: OK, machen wir einen Spielfilm.

War es als Frau schwieriger, einen Film auf die Beine zu stellen, als für Männer?

Es ist nicht so einfach. Männer sind ja harte Konkurrenz. Aber es ging einigermaßen. Ich konnte mich durchsetzen, muss ich sagen. Eigentlich war es bei den späteren Filmen schwieriger als am Anfang. Wahrscheinlich haben die mich gar nicht so richtig ernst genommen, die anderen Regisseure, oder die Konkurrenz. Aber nach diesem Riesenerfolg mit dem Schätzchen-Film haben Enke und ich uns fast geschämt, weil wir so in den Himmel gehoben wurden. Wir hatten Wahnsinnskritiken, es war unglaublich, was mit uns passiert ist.

Ich habe gelesen, Sie seien die erfolgreichste Regisseurin nach Leni Riefenstahl.

Ja, ich war die erste nach dem Krieg. Ich habe das gar nicht so ernst genommen, ich wollte Filme machen und damit basta. Was jetzt auch im Nachhinein so hochgejubelt wird, die 68-Bewegung und so: Das war eine wirklich tolle Zeit, aber wenn man mittendrin ist, merkt man gar nicht, wie außergewöhnlich das ist, da findet man das völlig normal. Jetzt im Nachhinein, was alles den 68ern angedichtet wird, da kann ich lachen. Man tut ja manchmal so, als seien damals alle übereinander hergefallen und hätten plötzlich den Sex so außerordentlich betrieben. Das stimmt auch nicht. Natürlich war alles einfacher: Wenn man bis dahin im Hotel übernachtete, musste man ja verheiratet sein. Wenn Enke und ich verreisen wollten, mussten wir uns immer Eheringe an die Finger stecken. Sonst hätten sich die Hotelleute strafbar gemacht.

Haben Sie Ihre eigenen Filme auch in der Gruppe, in den Kneipen diskutiert?

Wir waren wirklich ständig in Kneipen oder Cafés, aber später, als wir Erfolge hatten, hat sich die Gruppe voneinander entfernt. Aber nicht aus bösem Willen, es waren einfach alle am Drehen. Lemke hat gedreht, Thome hat gedreht, Zihlmann war mit Drehbüchern beschäftigt. Wir haben gearbeitet, wir sind nicht mehr so wie vorher in Kneipen rumgesessen, wenn man einen Film dreht, ist man ja ein Jahr beschäftigt.
Wir haben nicht ständig über unsere eigenen Filme geredet, sondern über andere. Wir waren ja Fans von Godard, »Außer Atem«, oder »Frühstück bei Tiffany«, »Jules und Jim«, Hitchcock, auch alle Western, James Dean… Wir haben über Filme diskutiert, die wir gesehen haben. Aber wir haben nicht die eigenen Filme analysiert. Wenn Lemke einen Film gemacht hat, haben wir ihn angesehen, fanden ihn prima, später auch, in den 70ern, wenn er mit Cleo Kretschmer gedreht hat, toll. Aber in Kneipen diskutiert haben wir das nicht.

Was waren die filmischen Einflüsse auf Ihre Filme – »Außer Atem« war ja eher bei Krimigeschichten von Lemke, oder bei Thomes »Detektive« ein offensichtlicher Einflluss…

Für Enke und mich war »Außer Atem« fantastisch, wir fanden natürlich Belmondo toll und die Jean Seberg. Gila von Weitershausen musste tatsächlich eine Frisur haben wie Jean Seberg, die kurzen Haare, das wollte ich so.

Sie haben Ihre Filme ja Learning By Doing gemacht, da gab es also keine eindeutigen Vorbilder?

Nein, es war tatsächlich Learning by Doing, wir haben so gedreht, wie es im Drehbuch stand. Auch improvisiert, immer mal wieder auch etwas verändert, beim Dreh erkennt man ja auch, wie die Dialogsätze besser wirken, wie es besser funktioniert.

Sie haben Ihre Filme ja auch selbst produziert…

Da hatten wir sicherlich mehr Freiheiten und konnten uns Zeit lassen. Aber irgendwann kommen die Termine, und wenn dann die Premiere ansteht und alles fertig werden muss, auch die Musik – ich war ja da im Studio auch immer mit dabei: Ich kann nur sagen, die späteren Filme waren schwerer als die beiden ersten.

Sollen Ihre weiteren Filme auch rauskommen auf DVD?

Jetzt kommt »Nicht fummeln, Liebling«, und wir wollen die nächsten auch rausbringen. Wir leben ja schließlich nicht ewig und wollen, dass die auf dem Markt sind. Und vielleicht freuen sich ja ein paar Leute noch dran. Finanziell bringt das nicht viel, sind ja uralte Filme. Ich sag immer: Unsere größten Fans sitzen fast schon im Rollstuhl, so lange ist das her. Aber es gibt auch ein Haufen junger Leute, die die Filme entdecken. Ob die Eltern da empfehlen: Guckt euch das an, das weiß ich nicht. Aber wir haben erstaunlich viele junge Fans.

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»Nicht fummeln, Liebling!« (signiert von May Spils und Werner Enke, exklusiv bei jpc)

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