Spätschicht im Empire-Supermarkt

Die »Star Wars« Fanfilm-Kultur
YouTube-Kurzfilm »Artoo in Love« (2015)

YouTube-Kurzfilm »Artoo in Love« (2015)

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einkaufen und werden von Darth Vader bedient... In der Fanfilm-Szene, die rund um die »Star Wars«-Serie entstanden ist, werden beliebte Figuren und Motive interpretiert, umgedeutet und bearbeitet. Ein schönes Beispiel für partizipatorische Kultur im Internet

Als Ende November letzten Jahres der Trailer zu »Star Wars VII« seine Premiere feierte, ging ein erleichtertes Aufatmen durch die Weiten des Internets. Kein Jar Jar Binks in Sicht, und die kurzen Impressionen des neuen Films erinnerten an den plastischen Look der ersten drei Star Wars-Filme. Wie der Trailer unter weniger erfreulichen Umständen hätte aussehen können, demonstrierte kurz darauf die fan-kreierte George Lucas' Special Edition auf YouTube. Zusätzlich zu den neuen Konflikten zwischen der hellen und der dunklen Seite der Macht versprach eine raunende Stimme weitere Einblicke in die Kassenbücher jener Handelsstreitigkeiten, die die Exposition der Prequels so schwerfällig machten. Neben dem digital eingefügten Geist des jungen Anakin Skywalker suchten sämtliche Schreckgespenster aus den Rechnern der Trickfabrik I.L.M. die Vorschau heim, die ältere Star Wars-Fans seit der 1997 um computeranimierte Effekte erweiterten Special Edition der ersten Trilogie fürchteten. Ein aus dem »Jurassic Park« geklonter Saurier bewegte sich durch die Wüste, das Laserschwert des neuen Schurken Kylo Ren erhielt weitere Klingen, und jedes Raumschiff war plötzlich von einer Vielzahl von Jägern umgeben. 



Die fingierte »Sonder-Edition« des Trailers zu »Das Erwachen der Macht« bildete die neueste Erweiterung eines über die Jahre hinweg mit viel Liebe zum Detail von Fans kuratierten Paralleluniversums. Seit den 1990er Jahren werden die Ereignisse, Schauplätze und Charakterbiografien aus der Stars Wars-Saga ausgelegt und fortgeführt durch eine Vielzahl von mit überschaubaren Budgets und unermüdlichem Engagement gedrehten Fanfilmen. Sie sind ein Musterbeispiel für die basisorientierten, auf Partizipation ausgerichteten Fankulturen, die der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins in seinem 2006 erschienenen Buch »Convergence Culture« als paradigmatisch für die kreativen Möglichkeiten der Netzkultur und die allgemeine Verfügbarkeit digitaler Produktionsmittel ausmachte.

Auf den ersten Blick mutet es wie eine besondere Ironie der Filmgeschichte an, dass ausgerechnet die Star Wars-Trilogie, die orthodoxere Cineasten gerne im Doppelpack mit dem »Weissen Hai« für das Ende von New Hollywood verantwortlich machen, eine ganze Subkultur von Do-it-yourself-Filmemachern inspiriert hat. In einer dialektischen Volte regte genau die kulturindustrielle Merchandise-Welle, durch die der ehemalige New-Hollywood-Regisseur George Lucas seine Unabhängigkeit von den etablierten Studios erkaufte, Fans dazu an, eigene Filme über das Star Wars-Universum zu gestalten. Im Unterschied zu anderen Franchise-Lizenzen beschränkten sich die Star Wars-Produkte nicht auf Darth-Vader-Kaffeetassen und Cornflakes in C3PO-Form, sondern umfassten als Expanded Universe Comics, Romane und Videospiele, in denen Geschichten um Nebenfiguren und in den Filmen lediglich angedeutete Schauplätze sich weiter entfalteten. Die Anfang der 1990er Jahre erschienene »Thrawn-Trilogie«, eine Buchreihe des Schriftstellers Timothy Zahn, führte Charaktere wie den ebenso eleganten wie intriganten Admiral Thrawn und die vielschichtige ehemalige imperiale Agentin Mara Jade ein, die in ihrer Popularität an die Leinwandhelden anknüpften. Im Videospiel-Universum der »Knights of the Old Republic« (2003) konnten die Spieler selbst entscheiden, ob sie sich auf die moralisch integre Seite der Jedi begaben oder sich von der dunklen Seite verführen ließen. Faninitiativen wie die regelmäßig auf Conventions auftretenden ehrenamtlichen Stormtrooper-Darsteller des internationalen Fanverbandes 501st Legion fanden schließlich sogar in das Universum der Romane und Comics Eingang.

Als einer der ersten und populärsten Vertreter der Star Wars-Fanfilme gilt der 1998 unter der Regie von Kevin Rubio für ein Budget von 1200 Dollar entstandene »Troops«. Entgegen ihrem Image als tölpelhafte Handlanger des technokratischen Imperiums erweisen sich in dieser an die Reality-Serie »Cops« angelehnten Persiflage die Stormtrooper als fürsorgliche und etwas behäbige Provinz-Cops. Aus den anfangs meist parodistischen Variationen der Fanfilme entwickelten sich zunehmend eigene Seitenstränge des medienübergreifenden Mythen-Patchworks. Der »Phantom Edit« (2000) reduzierte die umstrittene »Episode I« auf 104 Minuten Länge, minus Handelsstreitigkeiten und Jar Jar Binks. »Star Wars Uncut« (2010) und »The Empire Strikes Back Uncut« (2014) schufen aus über 400 von Fans in unterschiedlichen Stilen nachinszenierten Einstellungen eigenwillige Remakes, bei denen animierte Lego-Figuren, selbst gebastelte Kostüme und mit Haushaltsgeräten improvisierte Special Effects zum Einsatz kamen. In »Artoo in Love« (2015) verliebte sich der zuverlässige Astromech-Droide R2D2 in einen Briefkasten, und »Don't Go In the Endor Woods« (2008) warnte im besten Exploitation-Stil vor den in den Wäldern des Mondes Endor lauernden, nach Menschenfleisch gierenden Teddybären. Der für nächstes Jahr angekündigte, in den frühen 2000er Jahren von Patrick Read Johnson begonnene »5-25-77« über die autobiografische Erfahrung der ersten Star Wars-Sichtung kann sich mit seiner komplizierten, über ein Jahrzehnt umfassenden Produktionsgeschichte durchaus mit Richard Linklaters Langzeitprojekt »Boyhood« messen. Der Animationsfilm »Tie Fighter« (2015) vollzieht den Wechsel auf die dunkle Seite im ausgefeilten Anime-Stil. 



Seit 2002 vergibt Lucasfilm einen eigenen Preis für die besten Star Wars-Nachwuchsfilme. Neben dem Hauptpreis umfasst die Verleihung Kategorien wie »Publikumspreis«, »Bester Dokumentarfilm«, »Beste Komödie«, »Bester Animationsfilm«, »Beste visuelle Effekte« und den Sonderpreis »Spirit of Fandom«. Zu den einprägsamsten Preisträgern zählt die 2007 begonnene Webserie »Chad Vader: Day Shift Manager« von Aaron Yonda und Matt Sloan, durch die sich der einst bedrohliche Sith-Lord zum allseits beliebten YouTube-Star wandelte.

Stellenweise erinnert das Szenario an die »Clerks« (1994) des Independentregisseurs und Comicautors Kevin Smith, die während ihrer Arbeit an der Supermarktkasse über das Schicksal der namenlosen Facharbeiter auf dem noch nicht fertiggestellten zweiten Todesstern aus »Die Rückkehr der Jedi-Ritter« fachsimpeln. Darth Vaders jüngerer Bruder Chad arbeitet im Empire-Supermarkt in einer Kleinstadt in Wisconsin. Obwohl unter den Kollegen ein sehr freundliches, nahezu familiäres Betriebsklima herrscht, kann sich der dunkle Lord einige Manierismen einfach nicht abgewöhnen. Den Filialleiter, der am liebsten vertrauensvoll mit seinem Vornamen angesprochen werden würde, nennt er nach wie vor seinen Gebieter. Kunden, die sich lediglich an der Gemüsetheke nach dem Preis für Tomaten erkundigen wollen, bietet er an, dass sie gemeinsam mit ihm über die Galaxis herrschen könnten. Immerhin schafft er es zu Beginn der zweiten Staffel, ein Laser-Check-out-System in die Supermarktkasse einbauen zu lassen. Ansonsten gibt sich Vader umweltbewusst und fährt selbst im Tiefschnee mit dem Fahrrad zur Arbeit, während er sein von John Williams komponiertes eigenes Thema vor sich hinpfeift. Diesem liebenswerten Tollpatsch traut man kaum zu, dass er bei schlechter Laune ganze Planeten sprengen oder seine Kollegen strangulieren würde. Die tiefe Stimme und theatralische Gestik des Originals imitierte Matt Sloan derart genau, dass er seitdem als Synchronsprecher für den anderen Vader in den Star Wars-Videospielen eingesetzt wird.



Nach mehr als fünfzehn Jahren bilden die Star Wars-Fanfilme ein anschauliches Archiv der Diskurse um die Rezeption und Aneignung der Saga mit hoher Eigendynamik. Zugleich schaffen sie einen Gegenakzent zur drohenden Luxussanierung durch Disney als neuen Eigentümer der Star Wars-Galaxis. Gegen die sterile Idylle setzen sie die Leidenschaft der Garagenbasteleien, die dem standardisierten Merchandise wieder eine persönliche Handschrift verleiht. Im chaotischen Alltag des Empire-Supermarkts erscheint als Abweichung von der filmischen Heldenreise selbst Darth Vader wie ein Working-Class-Hero.

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