Nahaufnahme von Luke Evans

A Leading Man Waiting to Happen
»Professor Marston & The Wonder Women« (2017). © Sony Pictures

»Professor Marston & The Wonder Women« (2017). © Sony Pictures

Ein Millionenpublikum hat ihn gesehen – als Drachentöter in den »Hobbit«-Filmen, als Vin Diesels Gegner in der »Fast & Furious«-Serie. Und wenn er kein richtig großer Star ist, liegt das vielleicht daran,dass Luke Evans in Nebenrollen, sagen wir, vierte Position auf dem Plakat, immer ein Feuerwerk zünden kann

Der Mann singt. Nicht so, wie viele Schauspieler das tun, mal ein paar Phrasen hinhauchen, mit Pianobegleitung … Nein, Luke Evans hat Gesang studiert und seine Laufbahn in Londoner Westend-Musicals begonnen. Auf YouTube häufen sich die Clips: Songs aus »Rent« oder »Taboo«, eine Tom-Jones-Adaption (»Delilah«) und ein Auftritt mit dem R&B-Sänger Usher in »Sexiest Male Vocalist Riff-Off«, den er blendend besteht. Evans kann soulig klingen oder rauh, er beherrscht auch das, was die Angelsachsen als belting bezeichnen – kontrolliertes Schmettern. Auf der Leinwand ist dieses Talent bisher allerdings nur einmal zum Einsatz gekommen: In Disneys Realversion von »Beauty and the Beast« hat er in der Rolle des selbstverliebten Haudraufs Gaston Emma Watson und ihren Prinzen an die Wand... nun ja, geschmettert.

Wenn Evans spricht, klingt seine Stimme ein bisschen brüchig. Ein reizvoller Kontrast zu der klassischen physischen Attraktivität, die ihn bekannt gemacht hat und möglicherweise sein Fluch ist. Der 1979 in Wales geborene Allrounder spielte seine erste breitenwirksame Filmrolle 2010 als schöner Apoll in dem Antiken-Actioner »Clash of the Titans«, und im selben Jahr verpasste Stephen Frears ihm in »Immer Drama um Tamara« (Tamara Drewe), der Adaption einer englischen Graphic Novel, eine ikonische Szene. Die zeigt ihn beim Holzhacken in lieblicher Landschaft, mit sonnenbeglänztem nacktem Oberkörper – wie ein Pin-up von Bruce Weber in Farbe, der Hotspot des Begehrens. Bei seiner Jugendliebe Tamara, die als freie Journalistin bereits über die englische Provinz hinausgekommen ist, scheint Andy, so heißt der junge Handwerker, trotzdem wenig Chancen zu haben. »Marriage«, seufzt er einmal frustriert im Gespräch mit einer Freundin, mit der er gelegentlich ins Bett geht, »remind me never to try it.« Darauf sie: »Andy, you're just a sex object. No one would have you.«

»Immer Drama um Tamara« (2010). © Prokino

Die perfekt modellierten Brustmuskeln, die er bei Frears enthüllte, sind zu einem Markenzeichen von Luke Evans geworden, quer durch alle Genres, quer durch eine mehr als dreißig Titel umfassende Filmografie. Und oft hat man das Gefühl, dass die Regisseure seine Kurven auf eine ähnliche Weise missbrauchen, wie Howard Hughes die von Jane Russell ausgebeutet hat: Das reicht vom athletischen Zeus in Tarsem Singhs »Immortals« – dem Film, mit dem sich das Sandalenepos selbst zerlegte: Mehr Kitsch geht nicht –, bis zu dem betrogenen Ehemann im Thriller »Girl on the Train«.

Dabei liegt etwas Großzügiges in der Art, wie dieser Schauspieler seinen Körper auf der Leinwand verschenkt: eine Abbitte für hundert Jahre Male Gaze, eine Entschädigung für all die Männerblicke, die weibliche Stars im Lauf der Filmgeschichte aushalten mussten. Leisten kann er sich das, weil seine Rollen auf einer konventionellen Virilitäts-Skala allemal im oberen Bereich liegen (und er es nebenbei versteht, seine persönliche Orientierung, er lebt offen schwul, aus der Debatte zu nehmen). In Evans' Portfolio finden sich viele kernige Typen, Krieger, Swashbuckler, Söldner – Owen Shaw in den »Fast & Furious«-Filmen –; er hat sich erfolgreich aus der Sparte der »hübschen Jungs«, herausgearbeitet, und wenn er über einem seiner Präzisionsoberlippenbärtchen die Stirn in Falten legt, empfiehlt er sich für ein Clark-Gable-Biopic. Überdies folgt er dem Gesetz, das schon für Johnny Weissmuller in den »Tarzan«-Filmen galt – es besagt, dass ein männliches Pin-up nicht lächeln darf.

Der gescheiterte Versuch, ihn als Star eines eigenen Franchise zu etablieren, die Origins-Story »Dracula Untold«, bindet seinen Sex-Appeal denn auch in eine betont strenge, düstere Geschichte ein: Auf dem Grafen Vlad Tepes, der sich zum Vampir machen lässt, um einen türkischen Eroberungsfeldzug zu stoppen, lastet das ganze Gewicht der Maskulinität. Vater, Gatte, Herrscher, Soldat: Man sieht, wie all diese Ansprüche den Helden zerreißen – es ist eine vitale, kraftvolle Performance in einem Männerepos, wie es sie kaum noch gibt. In Ben Wheatleys J. G. Ballard-Verfilmung »High-Rise« ist Evans der proletenhafte Rebell aus den unteren Geschossen, und in seinem Konflikt mit Tom Hiddlestons faltenfreiem, nach oben orientierten Akademiker spiegelt sich auch eine Kluft im englischen Starsystem wider – Hiddleston gehört zum urbanen Kulturadel, Evans ist in einer walisischen Kleinstadt aufgewachsen und hat mit 16 Schule und Elternhaus verlassen.

Schon der Part des Andy Cobb in »Immer Drama um Tamara« offenbarte indes eine Qualität, die Luke Evans' Leinwandpersona für zeitgenössisches weibliches Publikum erst recht interessant macht. Andy kann am Ende doch bei Tamara landen – weil er dieser so oft unterschätzte Typ ist, der Frauen einfach gut tut. Auch als Bard the Bowman in den »Hobbit«-Filmen wirkt Evans sehr geerdet. Bard ist offensichtlich als Reprise auf den guerillerohaften Aragorn aus dem »Herrn der Ringe« angelegt: dunkel und wild im Ledermantel – hier Schaffell –, mit Haaren, die nach einer Pflegespülung verlangen. Aber anders als Aragorn, der König in Wartestellung, ist Bard überhaupt nicht scharf darauf, sich in die Politik von Mittelerde einzumischen. Fanfiction-Autorinnen sehen in ihm vor allem einen fürsorglichen Single-Dad, der drei Kinder mit harter Arbeit durchgebracht hat – und man glaubt sofort, dass seine schwieligen Hände nicht nur darin geübt sind, einen Bogen zu spannen, sondern auch Teig zu kneten und Betten zu beziehen. Wenn es etwas gibt, das die Verhandlungen im Vorfeld der von Peter Jackson ins Lächerliche getriebenen »Schlacht der fünf Heere« zusammenhält, dann ist es die Art, wie Evans einen Hauch erschöpfter Genervtheit in den hysterischen Disput seiner glamourösen Ko-Stars – Lee Pace als Elbenkönig, Richard Armitage als Zwergenchef – mischt.

2014, als das »Hobbit«-Finale und »Dracula Untold« herauskamen, hätte man denken können, Evans habe sich für Hauptrollen in Blockbustern qualifiziert, aber bis heute ist er a leading man waiting to happen. Selbst in der Titelrolle von »Professor Marston and the Wonder Women« tritt er gelassen hinter die Kolleginnen Rebecca Hall und Bella Heathcote zurück. Der Film erzählt in fiktionalisiert-gestraffter Form, wie die Superheldin Wonder Woman zu der feministischen, im BDSM-Spektrum angesiedelten Ikone wurde, die uns die Filmversion bedauerlicherweise vorenthalten hat: geboren aus einer ungewöhnlichen, polyamourösen Beziehung zwischen dem Psychologen William Moulton Marston, seiner Frau und Mitarbeiterin und einer Studentin. Angela Robinson setzt diese Geschichte auf der Basis jüngerer Erkenntnisse als milde Feier flottierenden Begehrens, auch zwischen den Frauen, in Szene – hier wird niemand objektifiziert, hier sind alle verführerisch, aber kein »Süßstoff für die Augen«.

In den letzten fünf Jahren hat Evans in wilder Folge rund fünfzehn Filme gedreht. Er hat Hauptrollen in kleinen gespielt wie dem Zwei-Personen-Thriller »10 x 10« und Nebenrollen in großen wie jetzt in »Midway«; in der Serie »The Alienist«, einer im New York des 19. Jahrhunderts angesiedelten Profiler-Geschichte, gibt er den gutaussehenden, aber gequälten Sidekick von Daniel Brühl.

Alles in allem ein ausgesprochen facettenreiches Bild. Und vielleicht nimmt Evans, befeuert von den positiven Kritiken für seinen schmetternden Gaston, noch einmal die Kurve. Das Singen, hat er gesagt, sei seine wahre Liebe. Ende November erscheint sein erstes Album, Coversongs. Titel: »At Last« – endlich.

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