Film-Podcasts: Lass uns drüber reden

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Wieso baut eigentlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk so viele Wort-Kultur-Sendungen ab? Schließlich lassen sich die Leute gern was aufs Ohr geben, wie der Podcast-Boom der letzten Jahre zeigt. Hier ein Streifzug durch die Szene der Cineasten-Podcasts: die Fluffigen, die Kritischen und die Historischen

Yves ist wütend über den neuen Bond. Richtig empört ist er, dass man ihm so einen Film vorgesetzt hat. Marco mochte ihn auch nicht sonderlich, aber er kann sich nicht mal mehr zu Enttäuschung aufraffen. »Ich fühle nur noch Gleichgültigkeit«, sagt er. Und das, obwohl ihm Bond-Filme seit seiner Kindheit viel bedeuten. Im Podcast »Nerd & Kultur« reden die beiden Filmfans drüber. Und obwohl es die Sendung erst seit August gibt, ist sie laut Spotify-Charts bereits der erfolgreichste Filmpodcast Deutschlands. Das heißt: Wahrscheinlich hören jede Woche viele Tausend Menschen zu.

Gespräche über Film öffnen einen Raum, der in der klassischen Filmkritik oft zu kurz kommt. Denn wer diesen Gesprächen zuhört, bekommt nicht nur eine Einschätzung zu einem Film angeboten, sondern gleich mehrere, die im Dialog stehen. Sie befeuern einander, offenbaren unterschiedliche Blickrichtungen und blinde Flecke. Das macht sie wertvoll.

Mit ein paar Gleichgesinnten genau diese Art Gespräch zu führen und es aufzunehmen, wie es die YouTuber Yves Arievich und Marco Risch getan haben, ist die einfachste Art, einen Filmpodcast zu starten. Und weil sehr viele Menschen Meinungen zu Filmen haben, gibt es eine Menge Podcasts über Film. Fast 200 Einträge zählt allein das deutschsprachige »Filmpodcastverzeichnis« des Kulturwissenschaftlers Thomas Laufersweiler auf dessen Website. Die vielfache Menge existiert für Interessierte auf Englisch und in anderen Sprachen.

Für fast jedes Thema und aus fast jeder Perspektive gibt es einen Podcast, in dem Menschen über Filme sprechen. Es gibt Podcasts über Schmuddelfilme (»Bahnhofskino«) oder Superheldenfilme (»Superhero Unit«), Podcasts aus filmanalytischer (»Ein Filmarchiv«), psychologischer (»Brainflicks«) oder feministischer (»Die Filmlöwinnen«, »Ned Wuascht«) Perspektive. Es gibt öffentlich-rechtliche (»Cinema Strikes Back«) und crowdfinanzierte (»Cuts – der kritische Filmpodcast«) Podcasts zum aktuellen Kino, Podcasts zu Filmografien einzelner Personen (»Can't Get Enough of Keanu«). Es gibt Podcasts mit Wissenschaftlern (»Projektionen« mit epd-Film-Autor Marcus Stiglegger) und Podcasts mit Comedians, die über schlechte Filme witzeln (»How Did This Get Made?«). Sogar Film-Quizshows (»Wendeltreppe ins Nichts«) finden ihr Publikum.

Wer nicht mit anderen Filmfans reden will, kann stattdessen Filmschaffende interviewen. Das Medium Podcast hat sich als perfekt dafür erwiesen, längere Gespräche zu führen, wie sie in Promotion-Junkets oder gedruckt kaum noch möglich sind. Je prominenter die Person, die die Fragen stellt, desto schneller wandeln sich allerdings auch diese Gespräche von journalistischen Interviews zu harmlosen Plaudereien, etwa in Steven Gätjens Podcast »Kino oder Couch«, in dem er mit seinen Gästen über deren Filmgeschmack spricht, oder in »Films to Be Buried With« mit Schauspieler und Autor Brett Goldstein (»Ted Lasso«).

Die Form eröffnet jedoch auch die Möglichkeit, den Menschen im Filmgeschäft eine Bühne zu bieten, die sonst selten im Rampenlicht stehen, und so mehr über die vielen verschiedenen Rollen bei einer Filmproduktion zu erfahren. Im Podcast der Deutschen Filmakademie »Close up.« etwa interviewen Schauspielerin Susanne Bormann und Regisseur Christian Schwochow nicht nur direkte Kolleginnen und Kollegen, sondern Vertreterinnen und Vertreter aller denkbaren Gewerke, vom Bühnenbildner bis zur Casterin. Da erzählt dann Kameramann Wolfgang ThalerWorkingman's Death«), dass er schon seit frühester Kindheit zu allem Bilder im Kopf hatte, und Claudia Steffen berichtet offen über die Mühen und Belohnungen des Lebens als unabhängige Filmproduzentin. Im Schwesterprojekt »Filmskript« spricht Heide Schwochow gemeinsam mit Constantin Lieb übers Drehbuchschreiben. Die Produktion beider Podcasts liegt bei noch einem Schwochow, Heides Mann Rainer ist Hörfunkproduzent.

Im US-Podcast »Scriptnotes« geben ebenfalls schon seit vielen Jahren zwei Drehbuchautoren Tipps aus der eigenen Praxis weiter. Und Kameramann Roger Deakins hat gemeinsam mit seiner Frau James während der Pandemie einen Podcast namens »Team Deakins« gestartet, in dem er sich mit Kolleginnen und Weggefährten über die Arbeit austauscht. Der Informationsgehalt der Gespräche variiert, aber manchmal reicht es schon aus, einen Einblick zu erlangen, wie Filmprofis miteinander sprechen, wenn sie (scheinbar) unter sich sind. Wenn Deakins mit seinem Kollegen Bill Pope über die Arbeit an »Matrix« spricht und dabei sehr respektvoll zwei Sehschulen aufeinandertreffen, kann das genauso faszinierend sein, wie wenn zwei Key Grips im Interview die unterschiedlichen Auffassungen des Berufs in den USA und in UK beschreiben.

Natürlich lässt sich das Medium Podcast, das zum konzentrierten Zuhören mit Kopfhörern einlädt, auch über Gespräche hinaus nutzen. An Podcasts zum Thema Film, die eine längere Geschichte erzählen, hat sich allerdings bisher in Deutschland noch keiner wirklich gewagt. Umso spannender sind dafür einige Projekte aus den USA, die bereits abgeschlossen sind und sich daher perfekt für einen Podcast-Binge eignen.

In »The Plot Thickens« von Turner Classic Movies etwa wird von Staffel zu Staffel eine andere Episode der Filmgeschichte als aufwendige Feature-Serie mit vielen O-Tönen erzählt. In der gerade beendeten zweiten Staffel nutzt Reporterin Julie Salamon ihre vor dreißig Jahren eingefangenen All-Access-Interviews am Set von Brian De Palmas »Fegefeuer der Eitelkeiten«, um die Geschichte des historischen Flops zu rekapitulieren. »The Rialto Report« hingegen stöbert längst vergessene Akteurinnen und Akteure aus der klassischen US-Pornoszene auf, erzählt ihre Geschichten – und führt wie im Fall des Produzenten John T. Bone auch mal ganze Interviews über das Gefängnistelefon.

Auch darüber hinaus gibt es kreative Sonderformen, etwa den Podcast »Blockbuster«, der die Biografien berühmter Regisseure als aufwendige Biopic-Hörspiele vertont. Und die Filmhistorikerin Karina Longworth hat sich mit »You Must Remember This« in die Herzen vieler Cineastinnen und Cineasten gepodcastet, indem sie ihre tief recherchierten Geschichten über klassische Hollywood-Karrieren wie ein Hörbuch vorträgt. Die Stimme, die sie dafür annimmt, gleicht selbst der eines Filmstars aus den 1940ern, inklusive Mid-Atlantic-Akzent.

»Join us, won't you?«, lädt Longworth zu Beginn jeder Folge ein. Es ist diese kokette Frage, die das ganze Filmpodcast-Universum zusammenzuhalten scheint. Welchen Podcast man hören will, hängt am Ende stark davon ab, zu welchen der sprechenden Personen man eine Beziehung aufbauen kann. Sehr oft geht es weniger um kritische Autorität und mehr um thematische und persönliche Sympathie. Mit der Zeit werden die Podcast-Hosts mehr noch als klassische Kritikerinnen und Kritiker zu alltäglichen Begleiterinnen und Begleitern. Es ist fast, als würde man die Gespräche mit ihnen gemeinsam führen.

Unser Autor wirkt selbst an einem Podcast mit: In »Kulturindustrie« geht es auch um Film.

Podcast aus dem Museum

Eine immer wieder überraschende Mischung bietet der Podcast »Alles ist Film« des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums (DFF) in Frankfurt am Main, das auch Gastgeber der Reihe »Was tut sich – im deutschen Film?« ist. Als Abonnent kann man nie ganz sicher sein, wann eine neue Folge erscheint, wie lang diese sein wird und ob es um ein Objekt aus der Sammlung, die Konzeption der aktuellen Ausstellung oder ein Filmgespräch gehen wird. Reinhören lohnt sich aber fast immer.

Podcasts als Bonusmaterial

Dass Podcasts als Werbeinstrument taugen, haben auch die Studios verstanden. Diese Podcasts nehmen die gleiche Rolle ein wie Bonusmaterialien auf Heimvideo-Medien. Aktuell gab es etwa einen offiziellen Podcast zu »Keine Zeit zu sterben«, der in Interviews verschiedene Aspekte des Bond-Franchise aufblättert. Streaminganbieter wie Netflix, HBO und Apple TV leisten sich ebenfalls verschiedene Podcasts als Begleitmaterialien zu ihrem Angebot.

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