Mysteriöse Objekte
Niemand kommt zufällig ins Filmgeschäft. Aber soll man deshalb gleich von Fügung sprechen?Im Fall von Derek Jarman scheint mir die erste Option dennoch angemessen, denn im Zufall schwingt schließlich Anarchie mit. Vielleicht einigen wir uns vorerst auf zuvorkommende Umstände.
Sie sahen vor, dass er 1970 während einer Zugfahrt nach London die Kostümbildnerin Shirley Russell traf. Die Begegnung beeindruckte sie so sehr, dass sie umgehend ihrem damaligen Ehemann von ihr berichtete. Ken Russell, der damals bereits energisch an seinem Ruf als Enfant terrible des britischen Kinos arbeitete, engagierte ihn vom Fleck weg als Szenenbildner für sein nächstes Projekt. Wie es sich für eine anständige Anekdote gehört, gibt es von ihr mehrere Versionen. In einer Variante war es nicht Shirley Russell, sondern deren Assistentin, die ihn dem Regisseur empfahl.
Gleichviel, der 28jährige Jarman war künstlerisch damals kein unbeschriebenes Blatt, er hatte schon gelegentlich für die Bühne gearbeitet und vor allem das Szenenbild zu einer vielbeachteten Choreographie von Frederick Ashton entworfen. Als Vorbereitung für die Arbeit im Kino war dieser Erfahrungsschatz allenfalls hinreichend. Das sollte sich indes als Segen erweisen, denn der Debütant hatte keine Ahnung, was man beim Film alles nicht machen durfte. Mithin genau der richtige Komplize für ein Projekt, das ein Sakrileg in Kaskaden war: „Die Teufel“. Warner Bros. und die Zensoren hatten wenig Freude daran, wie hier zwei begnadete Ketzer an einem Strang zogen.
Heute kommt Russels Skandalon erneut in unsere Kinos, freilich zum ersten Mal nach 55 Jahren in dessen Director's Cut. In der Rubrik „Wieder im Kino“ stimmt Marcus Stiglegger in die Tabubrüche und Zensurgeschichte des ketzerischen Films ein. (Wie verwickelt letztere ist, kann man ausführlich in der aktuellen Ausgabe von „Sight and Sound“ sowie vielerorts im Netz nachlesen.) Die Wiederaufführung in den USA, wo er im letzten Monat als „Ken Russell's The Devils“ herauskam, war ein riesiger Nischenerfolg. Der hiesige Start ist eine treffliche Gelegenheit, Jarmans künstlerischen Beitrag in den Blick zu nehmen, die einem schier den Atem verschlägt. Ein solch ikonoklastisches Production Design hatte es im britischen Kino noch nicht gegeben. Er konnte aus dem Vollen schöpfen: Das Budget von „The Devils“ betrug zwei Millionen Pfund – mehr, als später Jarmans sämtliche eigenen Regiearbeiten zusammen kosten sollten.
Angeblich waren es aufwändigsten Dekors, die seit „Cleopatra“ in Pinewood errichtet worden waren. Die Produktion nahm praktisch das gesamte Studiogelände ein. Die Ausstattungsabteilung wies Jarman auf einige verfallene Mauern hin, die von einem früheren Film über das 17. Jahrhundert übrig geblieben waren, aber der Neuling hatte ganz eigene Vorstellungen: Damals musste die Stadt Loudon, wo die notorische Hexenverfolgungen stattfanden, ganz neu gebaut worden sein! Er und Russell ließen sich auch nicht von „Mutter Johanna von den Engeln“ inspirieren, der 1961 die gleiche Geschichte erzählte; Jerzy Kawelorowicz' entschieden unkatholische Version war ein eher klassischer Skandalfilm. Bei ersten Blick auf die mächtige Kathedrale, den stolzen Palast und die einschüchternden Stadtmauern wird klar, dass sie andere Vorbilder vor Augen hatten: Fritz Langs Monumentarfilme „Die Nibelungen“ und „Metropolis“. Grandioser Expressionismus allerorten, kalte Geometrie und scharfe Kanten. Das erste Dekor indes, eine Bühnentravestie nach Botticellis „Geburt der Venus“ am Hofe von Louis XIII, nimmt übrigens die queeren Szenerien von Jarmans späteren Regiearbeiten vorweg, namentlich „Caravaggio“. Es ist eine Weile her, seit ich den Film gesehen habe, aber ich glaube, er hat im Vorspann noch einen zusätzlichen Credit: „Masterious Objects done by Derek Jarman“.
Seine Szenenbilder sind hemmungslos anachronistisch. So darf man sich ein 17. Jahrhundert vorstellen, in dem es schon Art Deco gab! Ein fortwährender Exzess. Das Innere des Klosters, in dem die Oberin Vanessa Redgrave und ihre Nonnen von blasphemischen Visionen heimgesucht werden, ist Jarmans Meisterstück: Die enormen Dimensionen und schrägen Wände sprengen jede Vorstellung von einem Ort, an dem Menschen heimisch werden könnten. Für dies weißgekachelte, sterile Pandämonium nahm Aldous Huxleys Vorlage „Die Teufel von Loudon“ beim Wort: „The Excorcism of Sister Jeanne was equivalent to a rape in a public lavatory.“ Ein Farbfilm in Schwarzweiß: Brüsk und gleißend bricht das britische 20. Jahrhundert in die Historie der frühen Neuzeit ein. Jarman zieht seine Lehren daraus: Als Regisseur wird er immer wieder unterschiedliche Epochen überkreuzen.











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