Kritik zu Amores Perros
Drei Lebenswege kreuzen sich in Mexico City
Für Alfred Hitchcock war die Verfolgungsjagd »der endgültige Ausdruck des filmischen Mediums«, für Siegfried Kracauer war sie pure »physische Realität«. Beide Merkmale scheinen auf »Amores Perros« zuzutreffen, dem Debütfilm des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu. Der Film beginnt mit einer rasanten Autoverfolgung durch die engen Straßen Mexico Citys, bei der zwei Jugendliche und ein verletzter Hund von Ganoven gejagt werden. Die Hatz endet im Aufprall zweier sich verkeilender Wagen. Abrupt kommt eine Handlung zum Stehen, die an kinematografischer Intensität ihresgleichen sucht, um sodann zurückzuschauen und die Vorgeschichte zu beleuchten.
Es bedarf einer gewissen Portion Unverfrorenheit, nach diesem schockierenden Entrée für die Lebenswege der beiden Personen Interesse erwecken zu wollen, die auf solche Weise aufeinandertreffen, sowie für eine weitere Person, die am Straßenrand die Szenerie beobachtet. Mit großer Sympathie und aufmerksamem Auge verfolgt Regisseur Iñárritu das Leben seiner drei Protagonisten an verschiedenen Orten in Mexico City. Mit Verve (und einer agilen Handkamera) hält er sich dicht bei den Geschehnissen auf und flicht drei autonome Erzählstränge zusammen, die sich an mehreren Stellen wie zufällig berühren und im Moment des Autounfalls kulminieren.
Seine Protagonisten behandelt Iñárritu mit der größtmöglichen Umsicht. Obwohl sie als Archetypen – sie repräsentieren ebenso verschiedene Altersgruppen wie soziale Milieus – erkennbar bleiben, sind sie immer glaubwürdig. Ihm gelingt eine soziale Momentaufnahme: Da ist Octavio (Gael García Bernal), ein junger Arbeitsloser ohne Aussicht auf Ausbildung und Job. Er lebt vom illegalen Hundewettkampf und hat sich in die Freundin seines Bruders verliebt, mit der er durchbrennen will. Da ist Valeria (Goya Toledo), die als Model arbeitet, bis sie nach dem Unfall mit Octavio und nach einigen Komplikationen ein Bein und ihren Job verliert. Und schließlich ist da Chivo (Emilio Echevarría), ein einstiger Universitätsprofessor, der im Zuge seiner politischen Radikalisierung und anschließenden Desillusionierung erst zum Guerrillero, dann zum Stadtstreicher und Gelegenheitskiller wird.
»Amores Perros« erzählt vom Scheitern, aber auch von einer unbeugsamen Hoffnung – womöglich einer Erlösungssehnsucht. Denn im entscheidenden Moment des Unfalls gelingt es den Protagonisten nicht, ihrem Leben eine neue Wendung zu verleihen. Zerschunden, doch unverdrossen hängt Octavio weiterhin Susana (Vanessa Bauche) an, obwohl sie ihn hintergangen hat. Valeria kann ihr Schicksal nicht fassen, wenn sie nachts aus dem Fenster starrt und auf der gegenüberliegenden Hauswand nicht mehr ihr überlebensgroßes Konterfei prangt, sondern das Schild »Werbefläche zu vermieten«. Und Chivo, der seine Einnahmen als Auftragsmörder gespart hat und seiner Tochter in Form einer Apanage zukommen lässt, gelingt bloß diese fragwürdige Wiedergutmachung. Wie auch für die zwei anderen Figuren bleibt am Ende offen, wie sein Leben weiter verlaufen wird.
Die Stärke von »Amores Perros« ist seine Haltung gegenüber der Unausweichlichkeit der Ereignisse und ihrer Konsequenzen, seine Binnenintegrität. Nie gewinnt man den Eindruck, die Dinge hätten sich anders entwickeln können. Dazu bleibt der Film vor allem stilistisch der Oberfläche verhaftet, fängt den Lauf der Geschehnisse lediglich ein, ohne ihn zu bewerten. Der Stil von Regisseur Iñárritu, der fürs mexikanische Fernsehen mehrere Filme produziert und auch einen im Internet zugänglichen Werbefilm für BMW gedreht hat, ließe sich als Ästhetik der Möglichkeiten beschreiben, als etwas, das Siegfried Kracauer, der ja den Dokumentarfilm unfilmisch fand, als »Errettung der äußeren Wirklichkeit« verstand. Nur selten ist im Kino eine so glückliche Übereinstimmung von Stil und Haltung zu sehen.











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