Bildet Banden? Haben sie getan!

Es gibt viele Arten, die Filmgeschichte nachzuerzählen. Zu den gebräuchlichsten gehört, bestimmte Tendenzen aufzugreifen, die Entwicklung der Industrie zu rekapitulieren oder sich an Regie- oder Schauspielerkarrieren zu orientieren. Finden Sie nach dieser Aufzählung nicht auch, dass es da noch eine Menge Luft nach oben gibt?

Das Berliner Arsenal bietet ab morgen (7.10) eine fesselnd neue Perspektive an. Mit der Reihe „Just revolutionary – Die Filme des Ninjin Clubs“ (https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/just-revolutionary-die-filme-des-ninjin-clubs/) erschließt sich das japanische Nachkriegskino aus einem unverhofften Blickwinkel: Drei Schauspielerinnen, allesamt Anfang der 1930er geboren, gründen Mitte der 50er Jahre ihre eigene, unabhängige Produktionsfirma. Ineko Arima, Keiko Kishi und Yoshiko Kuga sind mithin zu diesem Zeitpunkt blutjung und stehen noch am Anfang ihrer Karrieren. Was für eine Courage! Von diesem Club hatte ich bis zur Programmankündigung des Kinos noch nie gehört. Verheißungsvolles Neuland.

Dass Schauspieler zu Produzenten werden, ist im japanischen Kino zu diesem Zeitpunkt eine Neuerung. Toshiro Mifune gründet seine eigene Firma meines Erachtens viel später. Auch im Hollywoodkino ist das in dieser Zeit noch längst nicht gang und gäbe, John Wayne fängt damit an, dann folgten Kirk Douglas, Burt Lancaster und Cary Grant. Die fabelhafte Ida Lupino wiederum gründet „The Filmmakers“ schon ein wenig früher als ihre Kollegen, aber vor allem zu dem Zweck, ihre Regiekarriere zu lancieren. Das japanische Dreigestirn bildet sich noch zu anderen Zwecken, ihre Filmproduktion soll die Tür öffnen für anspruchsvollere Projekte, die auch weibliche Figuren stärker in ihr filmisches Recht setzt.

Die drei Schauspielerinnen mögen heute nicht mehr ganz so bekannt sein wie ihre Kolleginnen Setsuko Hara oder Tanaka Kinuyo, aber sie können ihren Starruhm durchaus in die Waagschale werfen. Sie bürsten das zeitgenössische Kino nicht auf Krawall, aber eröffnen ihm ungekannte Freiräume. Noch einmal: Was für eine Courage! Dazu verbünden sie sich mit den großen Studios, der Shochiku und Toho, sowie mit etablierten Meistern (Ozu, Mizoguchi). Zugleich helfen sie mit, einer neuen Generation den Weg zu ebnen, namentlich Masaki Kobayashi. Kon Ichikawa und Masahiro Shinoda. Dabei entstehen Werke von epochaler Bedeutung und weltweiter Ausstrahlung, allen voran Kobayashis „The Human Condition“/„Barfuß durch die Hölle“-Trilogie. Meine Bewunderung für Shinodas „Pale Flower“ ist seit dem Eintrag „Orientierung“ vom 14. 2. 2922 eigentlich nur noch größer geworden. Was die Drei alles gestemmt haben! Der kapitale Misserfolg von Kobayashis teurem „Kwaidan“ (halb Geisterfilm, halb preisgekrönter Kunstfilm) brach der wagemutigen Unternehmung 1964 das Genick.

Von nun an steht dieser Eintrag im Zeichen der Vorläufigkeit. Jetzt muss die eigentliche Aufgabe beginnen, die mir das umfängliche Programm des Arsenal aufgibt: die genauere Betrachtung der Filme und der Frauenrollen in ihnen. Einige kenne ich, andere will ich jetzt unbedingt sehen. Also demnächst mehr.

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