Mobile Fallanalyse

Valeska Grisebach, die viel davon versteht, deutete das Genre unlängst als einen architektonischen Raum, in den die Frauen bisher wie von einer Seitenbühne hineinschauen. In »Das geträumte Abenteuer«, der in wenigen Tagen in unsere Kinos kommt, verlässt ihre Heldin beherzt diese Kulisse. Ist das Fernsehen dem Kino in dieser Hinsicht schon lange voraus?

In der Serie, die Lars Becker seit zwei Jahren um die BKA-Beamtin Gloria Achaempong entwickelt, steht die Titel stiftende Heldin unangefochten mitten im Raum. Morgen Abend (21.9.) läuft ihr zweiter Fall zur besten Sendezeit im ZDF: »Die Polizistin und die Todesstille«. Er schließt nur mit der Protagonistin an die erste Folge »Die Polizistin und die Sprache des Todes« von 2024 an, den seinerzeit sechs Millionen ZuschauerInnen auf dem Bildschirm verfolgten. Darüber hinaus geht es um ein völlig anderes Verbrechen in einem völlig anderen Ambiente. Auf eine Mordserie in der ostfriesischen Provinz folgt jetzt die Ermittlung in einem Mordfall im Drogenmilieu von Frankfurt. Achaempong ist eine notwendig flexible Fallanalystin, denn ihr Revier ist die gesamte Bundesrepublik. Ohnehin stellt sie als erste afro-deutsche Kriminalistin im hiesigen Fernsehen alles auf Anfang.

Becker ist kein unbesungener Held auf diesem Terrain, sondern längst eine alter Hase. Seine aufgeweckte „Nachtschicht“-Saga aus Hamburg begann 2003 und ist damit die Polizeifilmreihe mit der drittlängsten Laufzeit nach dem »Tatort« (zu dem er einige Folgen beitrug) und »Polizeiruf 110«. Parallel dazu hat er eine Reihe über zwei leidenschaftlich zwielichtige Polizisten (gespielt von Nicolas Ofczarek und Fritz Karl) lanciert sowie »Der gute Bulle«, in dem Armin Rhode, der bereits ein Zentrum der „Nachtschicht“ bildete, die Titelrolle spielt. Im Kino hst er sich auch schon getummelt und gerade seinen Roman "Es wird Steine regnen" veröffentlicht, der sein Stammgenre mit der Science-Fiction vermählt. Trotz dieser hochkarätigen Kreativität hatder Autor-Regisseur jedoch nie Bekanntheit und Ruhm seines Kollegen Dominik Graf errungen. Wenn der einen neuen Fernsehkrimi dreht, wird das von uns Kritikern regelmäßig als eine Offenbarung gefeiert. Bei der Ausstrahlung eines neuen Becker hingegen herrscht gemeinhin jener routinierte Enthusiasmus, der dem  Zuverlässigen gilt.Bei mir äußert er sich meist in einem freudigen "Prima, wieder einmal!" Während bei Graf immer gleich dessen Kino-Ambitionen mitgedacht werden, die eben nun im Fernsehen ausgelebt werden dürfen, erscheint sein norddeutscher Kollege als ein wackerer Arbeiter im Steinbruch seiner Gattung. Was vielleicht einfach nur eine Frage hanseatischer Zurückhaltung ist. Er wurde zwar in Hannover geboren, aber ich verorte ihn hauptsächlich in Hamburg, wo er sich als Betreiber einer Kneipe in St. Pauli eine profunde Milieukenntnis erwarb.

Das Konzept (mithin die Herausforderung, der Reiz, das Vergnügen) seines neuen Vorhabens besteht also darin, die Protagonistin in unterschiedliche Umgebungen und Situationen zu stellen. Kein Problem, denn seine Hauptdarstellerin Thelma Buabeng ist fabelhaft. Der Auftakt ist in dieser Hinsicht schon mal grandios gelungen. In der nordfriesischen Provinz wird sie mit xenophoben Vorbehalten konfrontiert, die man vor drei, vier Jahren - oder sagen wir: vor Corona – für anachronistisch gehalten hätte. Die pariert sie mit Gelassenheit und unerschütterlicher Ironie (im nächsten Fall ist eine andere Art von Robustheit gefragt), welche freilich auch einen schönen Resonanzraum finden in dem Verhältnis zum Polizisten vor Ort. Pieper, den Artjom Gilz so großartig entspannt spielt, dass man sich dereinest gern eine Wiederbegegnung wünschen würde, steckt diese Mentalität in den Knochen, aber sein Pflichtgefühl und Streben nach Professionalität überwiegen etwaige Vorurteile. Er merkt, dass er enorm viel von ihr lernen könnte, aber er denkt auch darüber nach, wie er in der Gemeinschaft dastehen wird, wenn die Frau vom BKA wieder abgereist ist. Derweil übersetzt er für sie zuverlässig die heimische Mentalität. Es ist eine Welt der kurzen Wege, in der jeder jeden kennt und wenn etwas passiert, weiß man, wer es war. Achaempong besitz im Gegenzug den unvoreingenommenen Blick der Fremden, der jedes bezeichnende Detail auffällt.

Der Unterschied zum Milieu in Frankfurt liegt darin, dass man sich hier kennt. Während im ersten Fall das trocken norddeutsche Temperament noch eine Verwandtschaft besitzt zu Beckers „Nachtschicht“-Personal, kommt im zweiten ein weiteres Element daraus zur Geltung: die Umgänglichkeit, die zwischen Polizei und Halb- und Unterwelt herrscht. Die ist freilich verworrener, korrupter, als es Armin Rhode und seinem Team je unterkam. Gloria Achaempong ist unmittelbar verstrickt, da sie ein Verhältnis mit dem ermordeten Undercover-Ermittler hatte. Derlei persönliche Betroffenheit gleichen in deutschen Fernsehkrimis gern überhand, aber Beckers Heldin ist dann doch souverän genug, um ihrem Urteil vertrauen zu können. Die Moral der kurzen Reichweite ist hier ohnehin immens ertragreich, wenn man die weiblichen Figuren betrachtet, die sich im Milieu bewegen. Bei ihnen kommt Beckers Lust zum Tragen, seinen Krimi-Figuren eine alerte Schläue zu geben, eine ganz geistesgegenwärtige Mischung aus Selbstverständnis und Mutterwitz. Die Dialoge bersten vor abgeklärter Lakonie. Die Replik der Frau des Ermordeten auf die Frage, ob er von irgendjemand bedroht wurde, ist unbezahlbar: „Nur von mir.“ Auch das migrantische Dilemma, dass sich in dem empörten „kulturell feiern wir Weihnachten gar nicht“, fand ich wunderbar.

Hoffentlich gibt es bald einen dritten Fall. Ich bin sicher, dass die unerschütterliche Polizistin im zweiten nicht übermäßig viel Federn ließ. Mal schauen, wohin es sie dann verschlägt. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird sie dringend gebraucht.

 

 

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