Kritik zu All My Sisters

© Little Dream Pictures

2025
Original-Titel: 
Seh Khahar
Filmstart in Deutschland: 
20.08.2026
M: 
L: 
78 Min
FSK: 
12

Der iranische Filmemacher Massoud Bakhshi beobachtet in dieser Langzeitdokumentation seine beiden Nichten Mahya und Zahra und zeigt, wie der Druck von Familie und Gesellschaft in ihrer Jugend immer mehr wächst.

Bewertung: 4
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»Kannst du mal aufhören, solche Fragen zu stellen?!« Die kindliche Naivität, mit der Mahya den aufdringlichen Onkel zurückweist und sich nicht zu Religion äußern will, schafft Freiräume. Kinder sind so lange frei, wie ihr Handeln keine Konsequenzen haben kann. Im Teheran der Jahre 2005 bis 2023 wachsen die Schwestern Mahya und Zahra als unbeschwerte junge Mädchen auf, später kommt noch eine Dritte hinzu. Sie toben über den Spielplatz, sehen Shaun das Schaf im Fernsehen und hören alberne westliche Popmusik. Und schon da steht die Frage im Raum, ob man tanzen darf oder ob das trotz der kindlichen Freude schon eine unverzeihliche Sünde ist.

Doch mit der Zeit werden nicht nur ihre Fragen anspruchsvoller, sondern auch der gesellschaftliche Druck, sich so zu benehmen, wie es sich gehört. Vor allem die Großmutter vertritt strenge religiöse Werte und weist die Mädchen zurecht, wenn sie an der Richtigkeit der Regeln Zweifel äußern. »Damit nehmt ihr euch nur die Energie, die ihr zum Lernen braucht.« War das Kopftuch in Kindertagen eher ein lustiges Spielzeug, so wird es jetzt, mit dem Schuleintritt, zum Mittel der normierten Ununterscheidbarkeit. Mit der Kamera blickt ihr Onkel und Filmemacher Massoud Bakhshi von oben auf den Schulhof, wo über hundert Mädchen im identischen Gewand mit erhobenen Händen beten. Wie ein Blumenbeet wirkt dieses Bild, vom Wind leicht bewegt, eine Masse, in der die Einzelne untergeht. Streng ritualisiert und gegen jedes Individualitätsverständnis ist auch die Schulbildung, und doch passiert etwas, das diese unterdrückten Freiheitswünsche hervorbrechen lässt. Als Mahsa Amini am 16. September 2022 in Teheran eines gewaltsamen Todes stirbt, gehen auch die Schwestern auf die Straße und reihen sich ein, in die Rufe »Frau, Leben, Freiheit«. Mit diesen Bildern endet der Film und man wüsste gern, wie es für sie weitergeht, in einem Land, das Frauen immer noch stärker einschränkt als Männer und das sich gerade im Kriegszustand befindet.

Massoud Bakhshi liefert mit seinem mutigen Dokumentarfilm auch gleich sein Making-of mit. Aus dem Off erklärt er, warum man manchmal Haare sehen kann und warum dann wieder nicht, warum er manche Bilder abdunkelt oder vernebelt. Er gibt den beiden Kindern die Kamera und verlässt den Raum. Indem sie die Kamera ebenso in ihr Spiel einbeziehen wie ihre wasserstoffblonden Barbies, entsteht ein hoher Grad an Authentizität. Und dann zeigt er den inzwischen zu jungen Frauen herangewachsenen Mädchen sein Material und nimmt ihre Reaktionen auf. So ist diese Langzeitdokumentation ein künstlerisch bearbeiteter Blick auf zwei Realitäten, die gegenwärtige und die erinnerte. Wie schon in seinem beeindruckenden Spielfilmdebüt »Eine respektable Familie« bricht Massoud Bakhshi die gesellschaftlichen Bedingungen an der privaten Lebensrealität. Die Veränderungen im Iran können nicht vor noch so fest verschlossenen Türen bleiben, sondern durchdringen den Alltag und das Leben eines jeden. Und vor allem das Leben der Frauen.

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