Kritik zu Nightborn

© Alamode Film

Die finnische Regisseurin Hanna Bergholm verhandelt in ihrem zweiten Horrorfilm, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief, Themen wie Elternschaft und postpartale Depression.

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Die erwartungsfrohen Gesichter von Saga und Jon strahlen etwas Übertriebenes aus. Der Glanz in den Augen ist Talmi, das vorfreudige Lächeln beinah schon ein festgefrorenes Grinsen, ihre in eine glückliche Zukunft gerichtete Zuversicht wirkt falsch. Unterwegs ist das Ehepaar in einem kleinen Auto im Wald, auf einer schmalen und immer schmaler werdenden Straße, die immer tiefer in die grüne Wildnis hineinführt, die bald nur noch Piste ist, dann Pfad, ein kaum befestigter Hohlweg, eine Schleuse, die einen Übergang markiert. Denn dann öffnet sich der Wald zu einer Lichtung, auf der ein hübsches, wenngleich stark überwuchertes Holzhaus steht. Hier kann man es aushalten. Mag auch die faulige Schwelle beim Übertreten einbrechen und im Kinderzimmer bereits ein stattlicher Baum wachsen. Das braucht ein paar Reparaturen, verkündet zuversichtlich Jon, der Engländer, und London könne sich zum Teufel scheren, denn hier, im Kindheitshaus der Finnin Saga werde man die Familie mit den gewünschten drei Kindern gründen. Und dann gehen sie hinaus in den tiefen, finsteren Wald mit den Bäumen, die aussehen, als hätten sie einst Gestrauchelte unheimlich überformt, und zeugen unter einer riesigen Tanne ein Kind.



Bereits Hanna Bergholms Kinodebüt »Hatching« (2022) drehte sich um die Themen Fortpflanzung, Mutterschaft, Eltern-Kind-Bindung und die widerstreitenden Gefühle, die sich um diesen ganzen Komplex herum anlagern. Allerdings macht Bergholm in Hatching kein Geheimnis um die Fremdartigkeit des Nachwuchses. Immerhin handelt es sich um ein Raben-Ei, das von einem präpubertären Mädchen zu überraschender Riesengröße ausgebrütet wird. Dass daraus ein niedliches Menschenbaby schlüpft, ist von vornherein nicht anzunehmen. Nightborn hingegen bezieht einen guten Teil seiner Unheimlichkeit und Spannung daraus, dass wir das Gesicht des Kindes nicht sehen. Wir hören es entsetzlich und ausdauernd plärren, und so mancher Gratulant blickt eher betreten in die Wiege, aber das passiert schließlich auch »ganz normalen« Babys. Für Jon, den vernünftigen Engländer, ist der rasch wachsende Säugling ohnehin schlicht sein Sohn; und auf den ist er stolz, selbst wenn er stark behaart ist und aus seinem Steißbein ein kleines Schwänzchen zu sprießen scheint. Saga hingegen, sozialisiert in der finnischen Sagenwelt, die Trolle kennt, spricht das ihr entsprungene Wesen hartnäckig als »es« an. Und sie beharrt darauf, dass damit etwas nicht stimmt, das sage ihr ihr Instinkt. Aber ist es tatsächlich der Mutterinstinkt, der Furchterregendes einflüstert? Oder ist es eine postpartale Depression, die bekanntlich mit mannigfaltigen Gefühlen der Be- und Entfremdung, ja gar des Ekels und der Angst vor dem fundamental Anderen einhergeht, das im neuen Lebewesen verkörpert ist? Jon ist aufgeklärt genug und meint, nicht das Kind sei verkehrt, sondern Sagas Beziehung zu ihm; lies: Im Zweifelsfalle trägt die Mutter die Schuld.



Im vergangenen Jahr forschten in dieser Grauzone der wirklichkeitsverzerrenden und bindungszerstörenden Projektionen bereits die beiden Filme »Mother’s Baby« von Johanna Moder und »Die My Love« von Lynne Ramsay. Beide spielten dabei geschickt mit Horror-Tropen und adressierten solcherart auch (endlich) das Tabu der sogenannten Rabenmutter. Wie sich überhaupt in der letzten Zeit auffallend viele Filme mit dem Thema Mutterschaft beschäftigen und der Tatsache, dass ein Baby zu bekommen eben nicht automatisch bedeutet, eine glückliche Frau zu werden; geschweige denn die Erfüllung des Geschlechtscharakters, was immer das sein soll. Weitere Beispiele wie »Tully« (Jason Reitman, 2018), »Nightbitch« (Marielle Heller, 2024) und »If I Had Legs I’d Kick You« (Mary Bronstein, 2025) legen das Augenmerk darüber hinaus auf überforderte, erschöpfte, zu Tode gelangweilte Mütter (und Ehefrauen) und folgen einer spezifischen Wahrnehmungsweise, die zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit keine Grenze mehr zieht. Alle diese Filme machen deutlich: Eine Mutter zeichnet aus, dass sie auch ein Monster lieben kann.

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