»Schamlos« (1968) & »Geißel des Fleisches« (1965)
»Schamlos« (1968). © Subkultur Entertainment
Ambitioniertes Bahnhofskino aus Österreich: Eddy Sallers atmosphärisch dichte Schwarz-Weiß-Filme aus den Sixties erstmals auf Blu-ray und mit reichlich Bonusmaterial.
Unter der Dusche sticht der Mörder zu. Inhaltlich inspiriert vom »Wiener Opernmord«, inszenatorisch von »Psycho«, erzählt »Geissel des Fleisches« vom Einzelgänger Jablonsky, der nur dann sexuelle Befriedigung verspürt, wenn er eine Frau würgt. In den Würgeszenen hält der Film lange drauf – natürlich nur, damit der Zuschauer nachvollziehen kann, dass die junge Polizeibeamtin, die am Ende des Films beinahe sein jüngstes Opfer geworden wäre, immer wieder mit einer Holzlatte auf ihn einschlägt.
Auch »Schamlos« ist ein Film der Nacht. In einer namenlosen Großstadt kommt es zum Bandenkrieg in der Unterwelt: Die Alteingesessenen um Richard Kowalski (souverän vom Berliner Playboy und Gelegenheitsschauspieler Rolf Eden verkörpert), dessen Karosseriebetriebe ihm einen legitimen Anstrich verleihen, werden herausgefordert von dem jungen Alexander Pohlmann (Udo Kier in seiner ersten Hauptrolle), der zu Beginn über seine Freundin aus dem Off verkündet, sie sei »so heiß wie ’ne leergeschossene MP«. Ihr gewaltsamer Tod wird zum Auslöser der Ereignisse.
Beide Filme beginnen mit einem bei Exploitation-Filmen nicht unüblichen Vorspann, zugleich Warnung und Verlockung. Beide Filme, komplett on location gedreht, wurden leider nachsynchronisiert, wohl mit Rücksicht auf den deutschsprachigen Markt, umso befreiender, wenn Kowalskis Sekretärin mit hartem Wiener Akzent spricht. Während »Geissel des Fleisches« zwischen Gerichtsprozess und Rückblenden zu den Taten wechselt, ist Schamlos in seiner Erzählweise raffinierter. Er fügt Gegenwart und Vergangenheit puzzleartig zusammen, wobei die Musik von Gerhard Heinz zwischen sixtiesmäßigem Beat und psychedelischen Klängen changiert und eine Materialaktion von Otto Mühl einen Hauch von Avantgarde hineinbringt – am Ende, nach einer irren Szene (eine Rückprojektion als Todesfalle), behalten allerdings die alteingesessenen Gangster die Oberhand. Die Nahaufnahme vom blutüberströmten Gesicht des toten Pohlmann lässt der Film lange stehen.
Initiator der Exploitation dürfte vor allem Produzent Herbert Heizmann gewesen sein, der in anderen Arbeiten auch schon mal Teile früherer Filme einfügte. In den Siebzigern produzierte er auch Eddy Sallers letzte Filme, zwei Sexfilme, die alle Inszenierungsqualitäten seiner beiden Schwarz-Weiß-Filme vermissen lassen. Saller (geboren 1930 in München), der zuvor als Regieassistent, Industrie- und Werbefilmregisseur arbeitete, starb 2003 in Armut.
Im Bonusmaterial (jeweils um die drei Stunden) kommen zu Wort der Regieassistent Peter Leidenfrost, die Darstellerin Edith Leyrer (sie sprechen über die Mitwirkenden), der Komponist Gerhard Heinz (der in 92 Minuten seine Karriere Revue passieren lässt) und, besonders unterhaltsam, Udo Kier, nach einer Vorführung 2018. Die Booklets enthalten die leicht gestraffte Fassung von Michael Reutz’ Diplomarbeit (2009) mit Produktions- und Rezeptionsgeschichte sowie Filmanalyse. Unter den mehrfachen DVD-Editionen versammelte »Exploitation Austria – Schamloses Österreich« alle vier Filme Sallers auf zwei DVDs.
Schamlos A 1968 R: Eddy Saller. Da: Udo Kier, Rolf Eden, Marina Paal, Herbert Kersten. Anbieter: Subkultur Entertainment.
Geißel des Fleisches A 1965 R: Eddy Saller. Da: Herbert Fux, Edith Leyrer, Hans Obonya, Josef Loibl. Anbieter: Subkultur Entertainment.
VÖ: 31. März 2026




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