Moment der Wahrheit
Die Amerikanerin Janet Flanner langweilte sich enorm im Gerichtssaal. Ihrer britischen Kollegin Rebecca West erging es nicht anders: nach elf Monaten befänden sich Prozessbeteiligte und -Beobachter „im Würgegriff äußerster Monotonie“, sie schrieb gar von „Langeweile in einem gewaltigen historischen Ausmaß“. Das mutet ziemlich frivol an angesichts der Gräuel, die ab dem 20. November 1945 in Nürnberg verhandelt wurden. Aber wahrscheinlich verfolgten sie den Prozess schon zu lang, um nicht vom Einerlei der Beweisführungen und Zeugenaussagen ermattet zu sein.
Die Korrespondentinnen, die nacheinander im Auftrag des „New Yorker“ den ersten Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg verfolgten, ergingen sich selbstverständlich nicht nur in Ennui. Dieser blieb ihrer Kollegin Martha Gellhorn, die für „Colliers“ berichtete, ohnehin gnädig erspart: Sie war für ihre Reportage erst zur Urteilsverkündung angereist. Jedoch ist allen drei Zeugnissen eine gewisse anglo-amerikanische Blasiertheit zu eigen, was gar kein schlechter Passierschein für ihre Reise in das Unfassliche war. Sie alle kamen voreingenommen nach Nürnberg. Das nimmt nicht wunder, denn hier wurde Gericht gehalten über ein Deutschland, das sich von seiner niederträchtigsten Seite gezeigt hatte - und sie musste miterleben, wie schamlos sich diese Niedertracht im Gebaren der Angeklagten und ihrer Verteidiger fortsetzte.
Nun ist Langeweile einer der wenigen Vorwürfe, die man James Vanderbilts „Nürnberg“ nicht machen kann. Vielmehr darf man ihm jenen Zug ins Kolportagehafte ankreiden, den gerade jene Hollywoodproduktionen gern annehmen, die sich dazu legitimiert sehen, weil sie auf einer wahren Geschichte beruhen. Wie hautnah die Beziehung zwischen dem Gerichtspsychologen Rami Malek und Russell Crowe als Göring gerade noch an einer Buddy-Komödie vorbeischrammt, ist schon hanebüchen genug. Vanderbilt kann ein großartiger, recht eigentlich unamerikanischer Erzähler des Scheiterns sein, wie das Drehbuch für „Zodiac“ und sein Regiedebüt „Der Moment der Wahrheit“ beweisen. Überzeugen Sie sich selbst, sein Film ist in dieser Woche angelaufen.
Wenn Ihnen jedoch an belastbareren Erkenntnissen über den Prozess gelegen ist, empfehle ich den Band „Im Herzen des Weltfeindes“, der die Reportagen der drei Korrespondentinnen versammelt. Er ist im Frühjahr in der Edition Tiamat erschienen, die heute unverzichtbarer denn je ist. Das Vorwort des Historikers Ingo Müller über den amerikanischen Chefankläger Robert H. Jackson („Justice Jackson“, den Michael Shannon hinreichend würdevoll verkörpert) ist ein aufschlussreicher Einstieg in die komplexe Gemengelage. Immerhin geht es um einen Präzedenzfall; Nie zuvor wurden „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ als Anklagepunkt betrachtet; auch einen interalliierten Gerichtshof.hatte es bis dahin nicht gegeben. Jackson, ein Spezialist für das Völkerrecht, legte Wert darauf, dass keine Siegerjustiz geübt wurde; in einem fairen Prozess musste es auch die Möglichkeit von Freisprüchen geben. Dass er darauf bestand, dass die Verhandlung so leidenschaftslos wie möglich geführt wurde, wird mit zum zeitweiligen Überdruss der Beobachterinnen beigetragen haben. Im Nachwort porträtiert Verleger Klaus Bittermann („Bittermännchen“, wie ihn mein Buchhändler liebevoll nennt) zugeneigt die drei Autorinnen; ein aufmerksames Lektorat hätte ihm nicht geschadet. Dazwischen bleibt die Perspektive weiblich. Dazu gehört auch die Illustration durch Fotos, die Lee Miller von dem in Ruinen liegenden Nürnberg aufgenommen hat, Trümmerbilder, in denen Vergangenheit und Gegenwart mulmig koexistieren. Ihr Porträt von Gellhorn ist bestechend.
Die drei Reporterinnen überführen die Beschuldigten durchs genaue Hinsehen. Sie studieren das Verhalten und die Physiognomie der Angeklagten mit geduldiger Akribie, die zwischen Abscheu, Verwunderung und Faszination schillert. Flanner kommentiert aus langer betrachtung heraus, Gellhorn urteilt abschließend. Natürlich drängen sich Görings Talent zur Theatralik, seine Vulgarität sowie „die vertraute Fleischlichkeit seines Gesichts und teuflische Geschicklichkeit“ (Flanner) in den Mittelpunkt. Seine Stattlichkeit hat er nicht vollends eingebüßt, obwohl er abgemagerter ist als Crowe. West gelangt bei ihm zu einer kurios homophoben Einschätzung – er wirkt auf sie wie eine noch unbekannte Art von Homosexuellen, erinnert sie mitunter an eine Puffmutter, Eine Verwandlung ins Feminine fällt allerdings auch schon Flanner auf: Früher hatte er das Gesicht eines fetten Tenors, nun glich er einer korpulenten Altistin; in beiden Fällen eine Diva. West macht in den Reihe der Angeklagten (sie werden von allen nur beim Nachnamen genannt) die Sorte aus, „die Ärger in Parks macht“. Sie verfolgt den Prozess lange genug, um ihren physischen Verfall und ihre verblichenen Persönlichkeiten zu protokollieren. Märtyrer sind nirgendwo in Sicht: Auf der Anklagebank wird beharrlich, offensichtlich und unbekümmert gelogen. Die Beschuldigten spielen auf Zeit. Faszinierend, wie West ihre physiognomischen Studie auch auf die deutsche Architektur überträgt: zu groß, zu repräsentativ, zu großspurig.
Sie sparen allerdings auch nicht mit Kritik an der alliierten Gerichtsführung.Flanner urteilt mit der Gründlichkeit eines Snobs, dem auch das Unvermögen der amerikanischen Ankläger, zumal „unsere Unwissenheit über Europa“, ins Auge fällt. Das Irrlichtern der sowjetischen Juristen verblüfft alle drei. West erwähnt als einzige die französischen Ankläger, darunter Auguste Champetier des Ribes (ein Großvater der Kamerafrau Caroline Chzampetier). Sie ist sowieso die aufmerksamste unter den Beobachterinnen, beschäftigt sich kritisch mit Zeremoniell und Versagen im Prozessverlauf. Der glänzende britische Vertreter der Anklage, Sir David Maxwell Fyfe, findet ihrer aller Zustimmung: Er verfügt über „Rechtsprestige“, was Richard E. Grant im Film großartig trifft. An einem neuralgischen Punkt herrscht eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen ihm und ihren Berichten. Ein Einwand, den ich gegen Vanderbilts Interpretation hege, ist wie er sich auf das entscheidende Verhör Görings fixiert: Er reduziert es pragmatisch auf ein packendes Duell. Das schien mir zu sehr vom Kino her gedacht, aber historisch wohl nicht akkurat. Aber genauso beschreiben die Korrespondentinnen den finalen Wendepunkt des Prozesses. Wer weiß, vielkleicht hat er ihre Reportagen gelesen. Ich wünschte nur, insgesamt etwas sorgfältiger.




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