Konzertfilme: Live für die Ewigkeit

»Billie Eilish – Hit Me Hard And Soft: The Tour« (Seattle, 2024). © Henry Hwu

»Billie Eilish – Hit Me Hard And Soft: The Tour« (Seattle, 2024). © Henry Hwu

Von Elvis über David Bowie bis Billie Eilish: Konzertfilme verbinden Ikonen, Innovation und Emotion – und boomen heute mehr denn je. Auch weil Regisseure und Musikstars das Genre immer wieder neu erfinden

Elvis Presley und Las Vegas: Das kollektive Gedächtnis hat vor allem die Spätphase des King of Rock 'n' Roll (1935–1977) abgespeichert. Jene Zeit, in der Presley bei seinen Konzerten in der Stadt in Nevada eine strass- und paillettenbesetzte, aufgedunsene und schweißnasse Selbstparodie abzuliefern schien. Dabei war der Start seiner Las-Vegas-Konzertserie am 31. Juli 1969 im International Hotel nicht weniger als ein Triumph. Eine Wiedergeburt als Rockstar. Um den historischen Auftritt angemessen zu würdigen, feierte das Label RCA 2019 die umjubelten Konzerte mit der Veröffentlichung von »Elvis Live 1969« – dokumentiert auf elf CDs.

Der australische Filmemacher Baz Luhrmann hat ebenfalls erfolgreich daran gearbeitet, das Bild Presleys als Livemusiker und Extremcharismatiker wieder ins Bewusstsein zu rufen. In seinem Film »Elvis« aus dem Jahr 2022, in dem Austin Butler den King verkörperte, vibriert der Mythos rekordverdächtig. Bei den Recherchen zu »Elvis« stieß Luhrmann auf 69 Kisten mit Konzertaufnahmen. Der Schatz gehörte dem Konzern Warner Bros. und lagerte in einer Salzmine in Kansas. Ein Teil der Mitschnitte besaß keine Tonspur und musste mit anderen Audioquellen synchronisiert werden. Für die technische Rekonstruktion war das von Peter Jackson gegründete Unternehmen Park Road Post Production in Neuseeland zuständig. Das Ergebnis war spektakulär. Es bildet die Basis für Luhrmanns »EPiC: Elvis Presley in Concert«, der im Februar in Deutschland angelaufen ist. Bei Proben oder auf der Bühne gab Presley, der in trivialen Filmen in Hollywood Seele und Selbstwertgefühl verloren hatte, alles. Bilder seines Managers Colonel Tom Parker, der Presleys Karriere maßgeblich lenkte, unterlegt Luhrmann mit dem Song »You're the Devil in Disguise«.

Presleys Stimme, Bühnenpräsenz, Enthusiasmus und Überwältigungsenergie elektrisieren das Publikum, darunter Cary Grant und Sammy Davis Jr. Bei den Proben motiviert Presley seine Musiker gut gelaunt zu Höchstleistungen. In diesem Rahmen ist er ganz bei sich selbst. Als die Stimme einmal erst mühsam in Gang kommt, gibt er zu Protokoll: »I feel like Bob Dylan slept in my mouth.« Luhrmann und sein Filmeditor Jonathan Redmond zeichnen ein faszinierendes Porträt und transportieren nebenbei Eckdaten zu Presleys Leben und Musikerlaufbahn. Wer das explosive »Suspicious Minds«, das transzendente »Oh Happy Day« und »Something« von den Beatles (»Very suggestive lyrics, man«) gesehen und gehört hat, erfährt gänsehautnah, was es heißt, »in the presence of greatness« zu sein.

Luhrmanns »EPiC« knüpft an eine Konzertfilmtradition an, die Werke wie »Monterey Pop« (1968), »Woodstock« (1970) und »The Last Waltz« (1978) hervorgebracht hat. Zu weiteren Höhepunkten gehören unter anderem »Pink Floyd: Live at Pompeii« (1972, allerdings ohne Publikum) und »Stop Making Sense«. In den letzten Jahren hat Taylor Swift Kassenrekorde gebrochen (»The Eras Tour«, 2023), während K-Pop ohne Konzertfilm praktisch nicht vorstellbar ist – gerade haben BTS ihre Rückkehr mit »Arirang« gefeiert. Konzertfilmkunst speist sich im besten Fall aus mehreren Quellen: einem historisch bedeutsamen Anlass, dem Auftritt überlebensgroßer Stars, Songs mit Ewigkeitscharakter, ikonischen Bildern und einer ausgeklügelten Dramaturgie. Ein virtuoser Editor und ein Meisterregisseur veredeln idealerweise das Material.

Im Fall von Michael Wadleighs Dokumentation »Woodstock« beobachteten 16 Kameras die »3 Days of Peace and Music« im August 1969. Martin Scorsese und seine langjährige Mitarbeiterin Thelma Schoonmaker waren am Schnitt beteiligt. Nicht alles überzeugt, das Splitscreen-Verfahren, das die Leinwand immer wieder in zwei Teile zerlegt, ermüdet auf Dauer. Filmhistoriker halten D. A. Pennebakers »Monterey Pop« für ästhetisch überlegen, aber der Mythos Woodstock mit Auftritten von Richie Havens, Joan Baez, Janis Joplin, Joe Cocker und Jimi Hendrix (»Star Spangled Banner«) übertrumpft jeden Konkurrenten.

Martin Scorsese hat 1978 mit »The Last Waltz« Musikfilmgeschichte geschrieben. Das Abschiedskonzert von The Band in San Francisco 1976 versammelte Künstler wie Ronnie Hawkins, Bob Dylan, Muddy Waters, Neil Diamond, Eric Clapton, Ringo Starr, Ronnie Wood und Emmylou Harris. Scorsese hatte alle Auftritte perfekt geplant, mit Storyboards und einem Drehbuch für Kameraleute und Beleuchter. Chefkameramann Michael Chapman, zu dessen siebenköpfigem Team Vilmos Zsigmond und László Kovács gehörten, tauchte die Auftritte in eine zugleich zeitlos und dramatisch anmutende Theaterraum-Ästhetik. 2008 schenkte Scorsese den Rolling Stones und ihren Fans mit »Shine a Light« ein Konzertfilm-Highlight. Hier waren es 16 Kameras, die 2006 im New Yorker Beacon Theatre zwei Benefizkonzerte der Band aufnahmen. Die technische Brillanz der Bilder von Robert Richardson und die flüssige Montage von David Tedeschi haben nichts von ihrer Wirkungskraft verloren.

Scorseses Kollege Jonathan Demme lieferte mit »Stop Making Sense« auf gleichem Niveau ab. Hier kommen alle Elemente einer Erfolgsformel zusammen: Topregisseur (»Das Schweigen der Lämmer«), die Talking Heads auf dem Höhepunkt ihres Könnens, ein suggestiver Spannungsaufbau, Performancekunst-Effekte, Songs wie »Heaven« und »Psycho Killer« sowie David Byrnes XXL-Anzug. Ein Film von 1984 und für alle Zeiten.

Apropos Zeit. Brett Morgen hat fünfeinhalb Jahre Arbeit in »Moonage Daydream«, eine Doku mit viel Livematerial über David Bowie, gesteckt. Morgen ging es nicht um eine konventionell-chronologische Nacherzählung einer Karriere, die in den 1970er Jahren im Glamrock-Kosmos Fahrt aufnahm und in Weltruhm und universaler Anerkennung mündete. Morgen wollte Bowie, der 2016 im Alter von 69 Jahren gestorben ist, auf Augenhöhe begegnen. Mit allen Mitteln der Filmkunst – »Sound and Vision«, um es mit einem Songtitel zu sagen.

Der Filmemacher inszeniert Attacken auf alle Sinne des Publikums. Manchmal hört es sich an, als würde von der Leinwand aufs Parkett geschossen, im nächsten Augenblick fühlt man sich wie in einer Achterbahn, wenn rasant zusammengeschnittene Fragmente einer Bildercollage die Sehnerven herausfordern. Mit »Hallo Spaceboy« kommt im Film erstmals die Musik zu ihrem Recht, und ekstatische Fans der 1970er schildern ihre Erlebnisse mit dem Idol: »I kissed his hand.« Der Musiker, dessen Stilwechsel, wandelbare Identitäten und Neuerfindungen legendär sind, erscheint in einer Konzertszene mit roten Haaren, Schminke und Ohrringen. Er überrascht auch beinfrei, in psychedelisch bunten Outfits. Bowie konnte alles tragen.

Beim Konzert am 3. Juli 1973 im Hammersmith Odeon in London offenbart er die Härte und Kompromisslosigkeit eines von seiner Mission durchdrungenen Künstlers. Beim Finale der »Ziggy Stardust«-Tour überraschte Bowie das Publikum, und vor allem seine Kollegen, auf der Bühne mit der Ankündigung vom Ende seiner Kunstfigur. Eine ungewöhnliche und nicht unumstrittene Art, Bandmitglieder zu feuern.

Was kommt als Nächstes? »Power to the People«, das Konzert von John Lennon und Yoko Ono in New York 1972, als limited release (29.4.–3.5.). Und dann möglicherweise noch ein neues Meisterstück des Genres. Am 8. Mai startet »Billie Eilish – Hit Me Hard and Soft: The Tour« im Kino. James Cameron ist neben Eilish Co-Regisseur des während der im September 2024 angelaufenen Welttournee entstandenen und mit PR-Superlativen annoncierten Konzertfilms in 3-D. Cameron ließ in aller Bescheidenheit wissen, dass er dem Publikum ein »innovatives neues Konzerterlebnis« bieten wolle. Und: »No one's shot a concert film on this scale before.« Cameron, Schöpfer von »Terminator«-, »Titanic«- und »Avatar«-Kinohits, ist kein Mann leerer Versprechen. Eilish, gerade mal 24 und seit Jahren schon eine der wichtigsten Musikerinnen des Pop, hat den Besten verdient. Oder, um es mit einem Songtitel zu sagen: »The Greatest«.

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