Kritik zu Do You Love Me

© Rapid Eye Movies

2025
Original-Titel: 
Do You Love Me
Filmstart in Deutschland: 
07.05.2026
L: 
79 Min
FSK: 
12

70 Jahre Beiruter Geschichte, ­montiert von Lana Daher aus Archivmaterial, Musikclips, Fotografien und Privataufnahmen.

Bewertung: 4
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Die Liste von Förderinstitutionen für diesen Film – vom Arab Fund for Film and Culture über das Doha Film Institut und verschiedene französische Förderer bis zum Sundance Institute – ist beeindruckend. Noch länger ist die Aufstellung zitierter Filme und Musiktitel im Abspann. Denn »Do You Love Me« ist ein Montage- oder Kompilationsfilm, der komplett aus vorgefundenen Bild- und Tonfragmenten (20 000 insgesamt, heißt es) zusammengeschnipselt ist: Spiel- und Dokumentarszenen, Fotos oder Musiclips aus 70 Jahren libanesischer Kulturgeschichte, die zeigen, welche kulturelle Strahlkraft Beirut, die Metropole zwischen Corniche und Libanon-Gebirge, in der Identität des Landes und des Orients insgesamt hatte und hat. Besonderer Bonus ist eine begleitende Website mit einem kommentierten Index von vielen dieser Quellen (www.doyouloveme.film/browse).

Die Beiruter Filmemacherin und Künstlerin Lana Daher wurde 1983 mitten im Libanesischen Bürgerkrieg geboren, der trotz seines offiziellen Endes 1989 bis heute nachwirkt. 1982 entstand auch Jocelyne Saabs dokumentarische Reflexion dieses Kriegs »Beyrouth, ma ville«, die Daher in ihrem Film stückweise zitiert. In einem Ausschnitt wandert die Filmemacherin durch die Ruinen ihres zerstörten großbürgerlichen Beiruter Familienhauses und spricht über die vorausgegangenen Bombardements durch die israelische Armee und den eigenen Verlust an Heimat und Identität. Doch Dahers Film zeigt neben brennenden Häusern und Bauruinen auch die Waffen der eigenen Clans und klandestine Kofferraum-Deals, Familienszenen, Hochzeiten, Tänze, Friedhöfe und das selbstverständlich immer präsente Meer.

Und es gibt Musik, wie den titelgebenden Popsong der Gruppe Bandaly ­Family in englischer Sprache mit arabischem Rhythmus, der in den 1970er Jahren Furore machte. Themenkomplexe des assoziativ montierten Films sind neben den andauernden Kämpfen die sektional konfessionelle Zersplitterung, die auch jenseits der direkten Gewalt erodierende Zerstörung von Stadtraum durch Spekulation und der chronische Geschichtsverlust des ganzen Landes, den Daher mit ihrem Filmessay zugleich thematisiert und therapieren will. Übersichtliche Einordnungen gibt es dennoch nicht: »Diese Desorientierung ist Teil der Reise. Welcome to Lebanon«, so lautet ihr Motto am Anfang.

Eine schöne Verbindung gibt es zu Rania Rafeis dieses Jahr im Forum der Berlinale vorgestelltem Dokumentarfilm »The Day of Wrath: Tales from Tripoli«, der sich auf eine andere Weise ähnlichen Themen der Schwesterstadt im Norden Libanons nähert. Auch sie betont den Verlust von historischem Bewusstsein und Erinnerungskultur in einem Land, dessen Schulen die komplizierte und gewaltvolle jüngere Geschichte gar nicht erst lehren. Am Schluss gibt es in Dahers Film eine Totale auf eine winzige blasse Sonne hinter giftigfarbigen Qualmwolken über einer Gruppe Hochhäuser mit Hubschraubergeknatter. Dass diese Ansicht im April 2026 wieder einmal beängstigend aktuell ist, gibt dem Film unerwünscht neues Gewicht.

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