Kritik zu Babystar
Alles ist öffentlich im Leben der Familie Sommer, besonders das Leben von Tochter Luca, dem Star der Family-Influencer. Das geht aber nicht lange gut im Film von Joscha Bongard.
Ein erster Riss zeigt sich schon ganz am Anfang des Films. Ein junges Journalistenteam ist bei der Familie Sommer zu Hause in deren Eigenheim, das so nach heiler Welt aussieht, dass man es kaum glauben mag. Das Haus ist Schauplatz der Social-Media-Aktivitäten der Familie, und die 16-jährige Luca (Maja Bons) deren Star. Aber als Luca nach ihren Freundinnen gefragt wird, sagt sie, dass sie zu beschäftigt sei, aber ihre Eltern liebe – und immerhin vier Millionen Follower habe.
Seit ihrer Geburt, daher auch der Titel, hat Luca die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Eltern (Bea Brocks, Liliom Hegwald) und ihrer Fans. Aber sie ist auch ein Produkt, das konsequent von den Eltern in die Welt gesetzt und aufgebaut wurde – und den Reichtum der Familie begründete und mehrte, worauf Mutter Stella immer gern hinweist. Luca ist unter ständiger Beobachtung, so wie Truman in die Truman Show – nur dass ihrem Leben die Glaskuppel fehlt. Alles ist öffentlich bei ihr, auch Intimes, wenn ihre Mutter sie in einem Beitrag über Menstruation und Eisprung aufklärt.
Die Eltern, gewissermaßen die Unternehmensgründer, sind die Strippenzieher im gemeinsamen Business, dem alles Content ist. Und sie entwickeln mit KI auch einen Avatar mit der Figur ihrer Tochter. Beim Erwähnen eines Markennamens ertönt ein Piepsen, und oft blendet »Babystar« das Internetbild ein, mit Kommentaren an den Seiten. Nie stellen sich die Eltern die Frage nach ihrer Verantwortung, den Zuschauern jedoch drängt sich diese Frage geradezu auf. Einmal liegen Stella und Chris an ihrem Pool, und Luca taucht extrem lange unter, so als ob sie ertrinken würde. Ihre Eltern merken es nicht.
Immer wieder zeigt Joscha Bongard in seinem Film, der im letzten Jahr in der »Discovery«-Sektion des Festivals von Toronto seine Premiere hatte, die Räume des Hauses, oft von der Decke gefilmt, wie von einer Beobachtungskamera. Auf den ersten Blick sieht das alles sehr ästhetisch aus, wie von einem Designer gestaltet, doch je länger die Bilder anhalten, umso mehr schleicht sich ein Gefühl der Kälte und Leere ein. Und die Stahltüren zum Anwesen wirken wie Gefängnistore.
Der zweite große Riss entsteht, als die Eltern Luca offenbaren, dass sie ein zweites Kind wollen. Luca, die von Maja Bons in einer beeindruckenden Mischung aus Naivität und Härte gespielt wird, fühlt sich an den Rand gedrängt. Sie wird nicht mehr der große Star sein. Und sie reagiert mit Rebellion, verlässt das gemeinsame Haus, sucht sich sogar, wenn auch nicht erfolgreich, eine Ersatzfamilie, selbstverständlich öffentlich. »Ich will nicht mehr das Produkt von anderen sein«, sagt sie. Und natürlich vermarkten die Eltern die Geburt des zweiten Kindes mit gehörigem Werbeaufwand. Dass sich aber am Ende das Verhältnis zwischen Luca und ihren Eltern gewissermaßen als Kooperation zweier Geschäftsmodelle einpegelt, gehört zu den Feinheiten dieser klug analysierenden Mediensatire.





Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns