Eine Königsdisziplin

Die Titel darf man sich ruhig erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: „Spezialkommando Feuervogel“, „Hammerhead“ , „Kommisar X - Drei gelbe Katzen“ und „Roboter der Sterne“. Nach Kanon klingt das alles nicht. Was also haben sie in einem Filmmuseum zu suchen? Oder anders, wenngleich ebenso rhetorisch gefragt: Bedeutet ihre Musealisierung nicht vielmehr eine Endstation?

Das Filmmuseum Düsseldorf zeigt diese und weitere Reißer vom 6. bis 8. 2 unter dem hübsch ausgreifenden Motto „42nd-Street-Düsseldorf-35mm-Weekender“. Mit seinem Anfang ist schon mal ein Ort benannt, an denen sie eigentlich gehören, die Schmuddelkinos von New York, die ihre große Zeit in den 1970ern hatten und längst verschwunden sind. Der Untertitel „Im Bahnhofskino um die Welt“ verweist zudem auf ihr hiesiges Äquivalent. Solche Februarwochenenden haben in der Black Box des Filmmuseums Tradition: Das Festival läuft bereits zum 12. Mal. Warum nur bekommt man so wenig mit von den Düsseldorfern? Da waren die Veranstaltungshinweise von epd Film wirklich für etwas gut.

Ich war nur einmal dort, Ende der 80er, als sich die Ausläufer meines Studiums und meine journalistischen Anfänge überschnitten. Damals wurde das Filmmuseum von Klaus Jaeger geleitet und lag an anderem Ort, aber das Kino hieß bereits Black Box. Auch dies ein Wochenende: „Les Vampires“ von Louis Feuillade wurden vorgeführt und davor sowie danach sprachen Feuillades Enkel Jacques Champreux und der große Leonid Trauberg, offenbar ein Stammgast seinerzeit. Die Sowjetunion existierte noch, aber ein verdienter Meisterregisseur wie er durfte schon ausreisen. Ein unvergessliches Erlebnis, insbesondere erinnere ich mich an dessen liebenswürdig anti-kapitalistische Spitze, Feuillades größte Inspiration sei dessen Boss Léon Gaumont gewesen. Die spektakulären „Vampire“ fügen sich natürlich prächtig in unser heutiges Thema. Höchste Zeit also, die Fragen die Fragen des Anfangs zu vergessen. Stattdessen darf man heute, wo es nur noch wenige wackere Videotheken gibt, von einer Rückkehr dieser Filme zu ihren Ursprüngen auf Zelluloid sprechen. Sie laufen in 35mm-Kopien und der deutschen Synchronfassung – was traditionell mit erheblichen Reibungsverlusten und dreisten Umdeutungen einherging. Schlägt man sie auf Wikipedia nach, entdeckt man , dass sie international unter sehr unterschiedlichen Titeln herauskamen. („Hammerhead“ beispielsweise lief in Italien als „Traficanti di piaceri“ und in Frankreich als „Les requins volent pas“) Was gleichermaßen darauf verweisen könnte, dass ihr Inhalt als eine volatile Masse angesehen wurde, die nationalen Geschmäckern anzupassen war. Es bestätigt aber auch, dass die Filme tatsächlich um die Welt gingen.

Einige von ihnen stehen freilich längst unter Klassiker-Verdacht, etwa Dario Argentos famoser „Suspiria“ oder „Der Trip“ aus der Schmiede von Roger Corman. Auch „Andy Warhol's Dracula“, in dem Udo Kier den Grafen mit verzücktem Akzent spielt, kommt mit einem gewissen Renommee daher. Eine Mogelpackung muss man das nicht nennen, obwohl streng genommen Paul Morrisey Regie führte. Andere wurden gar von großen Studios wie Columbia („Hammerhead“) oder MGM („Rabbits“ / „The Night of the Lepus“) herausgebracht, aber wohl ohne allzu großes Engagement. Ersterer war der glücklose Versuch des Produzenten Irving Allen, 1968 an den Erfolg seiner „Matt Helm“- Reihe anzuschließen. Immerhin hat ihn David Miller inszeniert, der bei dem fabelhaften Film Noir „Maskierte Herzen“ und dem noch großartigeren Spätwestern „Einsam sind die Tapferen“ Regie führte. Am Drehbuch wirkte John Briley mit, der später mit „Gandhi“ bekannt wurde und sich unzweifelhafte Genre-Meriten mit „Der Schrecken der Medusa“ erwarb. William F. Claxton, der Regisseur von „Rabbits“, konnte 1972 auf eine nicht ganz so illustre Karriere zurückblicken. Interessanter ist hier einmal mehr der Produzent, A.C.Lyles, dessen Zyklus von B-Western aus den 60ern unverdrossene Freunde hat und der hier das gleiche Rezept befolgte, Stars in der Abenddämmerung ihrer Karriere (Stuart Whitman, Janet Leigh, Rory Calhoun) zu besetzen. Filmemacher mit einer eigenen Handschrift waren bei den meisten Titeln ohnehin nicht vonnöten; einen gewissen kinetischen Elan musste sie aber schon mitbringen. Aber vor allem kehrt das Kino am kommenden Wochenende zu einem seiner Grundimpulse zurück: der Schaulust.

Wiederum bietet sich Hans Schifferle als Gewährsmann an, um sich auf das Programm einzustimmen. Sein Essay „In den Katakomben des Sehens“, in dem Wim Wenders eine unrühmliche Rolle als Snob spielt, gehört zu den schönsten Texten des Bandes, auf den ich im vorangegangenen Eintrag verwies. Er ist ein verwegenes Manifest: keine Apologie dessen, was man gern Trash nennt, sondern eine Anstiftung, sich vorurteilslos unordentlichen, schwefelhaften, ja illegitimen und unterschlagenen Filmen auszusetzen. Hans entdeckte ihre Erhabenheit. Liest man ihn, gewinnt man eine Ahnung, dass das Bahnhofskino eine Königsdisziplin sein könnte. Der Spionagethriller „Hammerhead“ ist ein Beispiel eines von der Filmgeschichtsschreibung aussortierten Films, der nun beträchtlichen Kultstatus genießt. Zu Greifen bekam ich ihn bedauerlicherweise nicht, ebenso wenig wie die asiatischen Programmbeiträge. Was ich an Ausschnitten auf Youtube entdeckte, war vielversprechend – namentlich das Massaker, das bei einer Bühnenperformance unter Schaufensterpuppen angerichtet wird. Er spielt weitgehend im Swinging London und lässt sich heftig in dessen Atmosphäre fallen. Szenen aus dem Lissabon-Teil gab es leider nicht. Darin smuss sich eine Harpune als ziemlich nützlich erweisen. .

Die „Kommissar X“- Reihe gehört ebenfalls zum Korpus der Euro-Spy-Welle, die in den 60ern anbrandete. Der von Tony Kendall verkörperte Titelheld ist mitnichten Polizist, sondern ein Privatagent. (Der in Rom geborene Hauptdarsteller nahm seinen Künstlernamen übrigens auf Anraten von Vittorio de Sica an, der in „Andy Warhol's Dracula“ sein darstellerisches Gnadenbrot fristet). Das Publikum der Serie bekam zwei Helden zum Preis von einem. Dem leidlich charmanten Kendall steht tatkräftig der Sandalenfilm-Veteran Brad Harris zur Seite, der auch die Stunts koordiniert hat. Gekonnt, wie er die Explosion einer Ampulle vereitelt, ohne überhaupt zu wissen, dass sie mit Glyzerin gefüllt ist! Im damaligen Ceylon muss das Gespann einem Geheimbund – eben jenen drei gelben Katzen – das Handwerk legen und nebenbei das schlagfertige Entführungsopfer Ann Smyrner retten. Irgendwie geht es auch um bizarre Menschenversuche, deren Zweck ich nicht vollends verstanden habe. Gleichviel, der Film weiß mit seinen exotischen Schauwerten zu prunken und fängt das Lokalkolorit heftig ein; der von den Einheimischen gemiedene „Todessee“ ist ein eindrucksvoller Gegenpol zur sonstigen Idylle. Anschlussfehler genieren Regisseur Rudolf Zehetgruber nicht im mindesten (da hat er Godard auf seiner Seite). Überhaupt ist sein Werk wahnsinnig turbulent geschnitten.

In „Night of the Lepus“ geht ebenfalls ein wissenschaftliches Experiment schief, aber in gemächlicherem Tempo. Der Fahrstuhlmusik-Soundtrack ist kein Kontrapunkt, sondern eine kuriose Bekräftigung..In der texanischen Provinz mutieren Kaninchen zu zähnchenfletschenden Bestien, die bald so groß wie Wölfe werden. Sie bewegen sich in ominöser Zeitlupe, was ebenso wenig Furcht einflößt wie die Großaufnahmen ihrer Augen und niedlichen Beißer. Sie knabbern eigentlich nur an den Opfern, aber mit Kunstblut wird nicht gespart. Das war, bevor der Nagetier-Horror mit „Willard“ seine große Blüte erlebte. Allerdings bringt das Forscherehepaar Whitman und Leigh ein bemerkenswertes Bewusstsein für das ökologische Gleichgewicht ein: „Wenn die Kaninchen ausgerottet sind, kommen die Heuschrecken.“ Eine maßgebliche strategische Rolle bei der Bekämpfung der Plage spielen Autoscheinwerfer in einem Drive-In-Kino. Noch so ein Ort, an den dieses Filmprogramm wunderbar passen würde.

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