Kritik zu Rains Over Babel

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Inspiriert von Dantes Inferno, ­entwirft Gala del Sol in ihrem Langfilmdebüt ein wildes Kino der Nacht.

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Im Babel wird um Lebensjahre gespielt. La Flaca (Saray Rebolledo), der Tod in Gestalt einer glamourösen Diva mit Afro und funkelnden Fingernägeln, sitzt Nacht für Nacht an der Bar und lässt Verzweifelte Karten ziehen oder Würfel werfen. Wer gewinnt, bekommt Zeit. Wer verliert, zahlt mit Jahren, Dienst oder Leben. In diesem heruntergerockten Club in Cali, der als Fegefeuer funktioniert, setzt die kolumbianische Regisseurin Gala del Sol ihr Langfilmdebüt »Rains Over Babel« an. Inspiriert von Dantes Inferno aus der »Göttlichen Komödie«, überträgt sie daraus Motive in ein retrofuturistisches Nachtmilieu und bevölkert es mit einem weitverzweigten Ensemble. Da ist Dante (Felipe Aguilar Rodríguez), ein ehemaliger Soldat mit Gedächtnislücken, der seit Jahrzehnten als Seelensammler für La Flaca arbeitet. Sein Vertrag läuft aus, an diesem Tag will er seine Vergangenheit zurückholen. Oder Monet (Johan Zapata), der an einer Überdosis stirbt und versucht, vor dem Verwesen in seinen Körper zurückzukehren. Uma (Celina Biurrun) will La Flaca zu einem weiteren Pokerspiel zwingen, um Zeit für ihre schwer kranke Tochter zu gewinnen. Parallel dazu bereitet Jacob (William Hurtado), Sohn eines homophoben Predigers, heimlich seinen ersten Drag-Auftritt vor. Eine sprechende Echse ist ebenfalls Teil dieser Zwischenwelt.

Del Sol erzählt all diese Geschichten nicht entlang einer klassischen Dramaturgie, sondern als Nebeneinander von Wegen durch die Nacht. Babel erscheint als konsequent stilisierter Raum aus Neon, Graffiti und Camp-Details, mit Kostümen zwischen New Romantic und Punk und einem Sounddesign, das comichaft jede Bewegung akzentuiert. Die Musik fungiert als weiterer Erzähler. Der Soundtrack wechselt mühelos zwischen Salsa, Trap, Techno und Flamenco bis hin zu einem Konzertfinale, das die vielen Fäden in einem gemeinsamen, energiegeladenen Moment aufgehen lässt.

Das Rauschhaft-Überbordende ist Teil des Konzepts. Figuren tauchen auf, verschwinden, kehren zurück, ohne dass jede Beziehung ausbuchstabiert würde. Am klarsten entwickeln sich die Linien um Dante und Jacob, deren Konflikte zwischen Schuld, Erinnerung und Selbstbehauptung am deutlichsten konturiert sind. Andere bleiben Skizzen, die eher das Milieu verdichten, als eigene Bögen schlagen. Man spürt den kollektiven Ursprung des Projekts: del Sol entwickelte den Stoff während der Pandemie mit einer Gruppe junger Darsteller*innen aus dem Theater heraus, aus Improvisationen und Gesprächen. Inhaltlich kreist »Rains Over Babel« um Schulden, Begehren, religiöse Repression und Selbstbehauptung. Bigotterie erscheint als Bedrohung, die queere Gemeinschaft als Schutzraum, das Spektakel als Akt des Widerstands. Der Film setzt dabei weniger auf psychologische Feinzeichnung als auf Atmosphäre und Ausstattung, Körper und Sound. Das Ergebnis ist ambitioniert, bewusst zu viel, zugleich klar in seiner Haltung: ein Nachtstück über Menschen, die mit der eigenen Vergänglichkeit hadern und dabei lernen, sich selbst ernst zu nehmen. Zumindest ein Stück weit.

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