Kritik zu Ungeduld des Herzens
Würde man die Nennung im Vorspann verpassen, käme man womöglich gar nicht auf die Idee, dies sei eine Adaption des gleichnamigen Romans von Stefan Zweig. Das Langfilmdebüt von Lauro Cress verhandelt die Risiken von Mitgefühl und Verantwortung mit unbedingter Gegenwärtigkeit.
Irgendwann, Isaac verkehrt noch nicht lange im Haus der Familie Schwarz, richtet der Vater einen erstaunlichen Satz an ihn: »Isaac, du hast eine besondere Wirkung auf Menschen.« So hat er sich selbst bestimmt noch nicht wahrgenommen. Die Welt, in der er bisher lebte, hat ihn gelehrt, ungebärdig zu sein. Er musste ruppig wirken, um als Gefreiter beim Bund und in seinem Freundeskreis bestehen zu können.
Aber seit Isaac (Giulio Brizzi) sich für die Unachtsamkeit entschuldigt hat, mit der er die querschnittsgelähmte Tochter Edith (Ladina von Frisching) bei ihrer ersten Begegnung behandelte, ist er ein willkommener Gast auf dem Anwesen des Bauunternehmers. Der (Thomas Loibl) ist nicht von strenger, sondern gewährender Natur; auch Ilona (Livia Matthes) erkennt, dass er einen guten Einfluss auf ihre jüngere Schwester ausübt. Man lässt sogar zu, dass er Ediths alte, einst verhängnisvolle Begeisterung für den Motocross-Sport wieder aufflammen lässt. Die soziale und kulturelle Differenz, die den Migrantensohn von der reichen Familie trennen könnte, scheint aufgehoben. Den Ansprüchen seiner italienischen Mutter genügte Isaac nie recht, nun begibt er sich in einen Sog des Anstands.
Edith imponiert ihm: Sie ist eine Kämpfernatur. Selbstbewusst stellt sie die Regeln auf, wie mit ihr umzugehen ist. Auf Kränkungen reagiert sie rasch und offensiv. Gewiss, ihre Abgebrühtheit ist ein Panzer, aber auch ein untrüglicher Spiegel für die anderen. Sie fordert seine Empfindsamkeit heraus und er darf die Genugtuung spüren, sich neu zu erfinden. Sie öffnet ihn wie eine Wundertüte: Er spielt sogar feinsinnig Klavier. Aber was erwarten die zwei voneinander, nachdem sie erkannt haben, wie verletzbar sie sind? En passant betrügt Isaac sie mit der älteren Schwester; allerdings, bevor Edith und er ein Paar werden. Früher flirtete er mit jeder, die er traf.
Die Ungeduld des Herzens, die Stefan Zweigs Roman den Titel gab, benennt der Schriftsteller als »jene sonderbare Vergiftung durch Mitgefühl«. Mithin unterscheidet er scharf zwischen sentimentalem Mitleid und einer Gefühlsaufrichtigkeit, die die wirklichen Bedürfnisse des Gegenübers spürt. Isaac wird mit einer ungekannten Verantwortung konfrontiert, die einer ebenfalls unerwarteten Eitelkeit schmeichelt. Lauro Cress und sein Co-Autor Florian Plumeyer übertragen diesen Konflikt vom Ende der Donaumonarchie in die sacht unbestimmte Gegenwart einer Garnisonsstadt in Brandenburg. Sitten, Umgangsformen und Sprache sind rauer geworden, die Geschlechterrollen und der Status des Militärs haben sich entscheidend gewandelt. Dumpfe, archaische Rituale haben sich indes beim Bund erhalten. Isaac kann kein fescher Leutnant mehr sein wie in der Vorlage. Dass aus Ediths Reitunfall jetzt ein Sturz beim Motocross wurde, ist nicht unbedingt die naheliegendste Aktualisierung.
Plumeyer hat als Szenarist von Christoph Hochhäuslers »Bis ans Ende der Nacht«, auch dies eine Geschichte des Verrats an Gefühlen, gezeigt, dass er Genres gegen den Strich bürsten kann. Das Drehbuch erschöpft sich nicht darin, ein zeitgenössisches Äquivalent für die Elemente des Romans zu finden. Auf die Autoritätsfigur des weisen Arztes bei Zweig kann es getrost verzichten. Seine Gegenwärtigkeit ist entschieden und fein ziseliert. Vielleicht darf man sich die Zwiesprache zwischen Film und Roman ganz anders vorstellen, als es bei Adaptionen sonst der Fall ist. Gut möglich, dass die Autoren sich gedacht haben: Erst einmal erzählen wir unsere eigene Geschichte und schauen dann, wie sie sich zur Vorlage verhält. Das könnte die elektrisierende Frische ihres Zugriffs erklären, der ein Sprungbrett für einnehmende Darstellerleistungen ist. Die üblichen erzählerischen Reflexe des hiesigen Kinos erspart »Ungeduld des Herzens« seinem Publikum, beispielsweise ist der Vater mitnichten eine Karikatur selbstgerechter Hilflosigkeit. Zweig weiß die Neuverfilmung dabei jederzeit auf ihrer Seite. Diesen Autor muss man nicht entstauben; er ist kein Moralist, sondern ein unnachgiebiger Erforscher der Empfindungen. Seine Achtsamkeit lässt sich vom Ende der Donaumonarchie ins Zeitalter der Laktoseintoleranz überführen; nicht mühelos, aber mit robustem Taktgefühl.




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