Kritik zu 28 Years Later – The Bone Temple

© Sony Pictures

2025
Original-Titel: 
28 Years Later – The Bone Temple
Filmstart in Deutschland: 
15.01.2026
L: 
109 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Im zweiten Teil der neuen Zombie-Trilogie heben Alex Garland und Nia DaCosta das Horrorgenre in eine neue Dimension

Bewertung: 4
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Ein einzelnes Wort steht im Zentrum von »The Bone Temple«, dem zweiten Teil der von Danny Boyle und Alex Garland konzipierten »28 Years Later«-Trilogie: Nächstenliebe. Dahinter steht eine radikale Idee, die eng mit christlichen Vorstellungen und Traditionen verknüpft ist und von der heute wieder revolutionäre Sprengkraft ausgehen könnte. Sir Jimmy Crystal (Jack O'Connell), der Anführer einer kleinen Gruppe von marodierenden Überlebenden, denen sich der junge Spike (Alfie Williams) am Ende von »28 Years Later« widerwillig angeschlossen hat, führt dieses Wort ständig auf den Lippen. Immer wieder erteilt er den »Jimmies«, wie er seine mit blonden Perücken und grellfarbenen Trainingsanzügen ausstaffierten Jüngerinnen und Jünger nennt, den Befehl, sie sollten anderen Überlebenden der Apokalypse »Nächstenliebe« zuteilwerden lassen. Nur bedeutet das eben nicht Nächstenliebe im eigentlichen Sinn. Jimmy meint vielmehr das genaue Gegenteil, also Folter und Mord, Barbarei und entgrenzte Grausamkeit. Er pervertiert und invertiert christliche Vorstellungen im Sinne seines Herrn, des »Alten«, wie er Satan nennt.

Aber es gibt in dieser von Nia DaCosta inszenierten Fortsetzung noch eine Figur, die sich dieser vollkommenen Umkehrung aller Werte konsequent widersetzt. Im ersten Teil der Trilogie hat der von Ralph Fiennes gespielte ehemalige Arzt Dr. Kelson Spikes Mutter Erlösung geschenkt. Nun entwickelt er eine ganz besondere Beziehung zu einem »Alpha«, einer Mutation unter den »Rage«-Zombies, die aus der Masse der Untoten durch ihre Stärke und eine gewisse Fähigkeit zu Planung und Strategie heraussticht. Nachdem er einen Alpha, den er Samson (Chi Lewis-Parry) tauft, mehrfach mit einem Betäubungsmittel außer Gefecht gesetzt hat, kommt dieser immer wieder zu ihm zurück. Im gemeinsamen Morphiumrausch entsteht fast so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden, zumindest eine Beziehung, die den Arzt dazu bewegt, ernsthaft an einem Gegenmittel zu arbeiten. Ein Akt wahrer Nächstenliebe, die unter dem Monströsen das erkennt, was ein Leben im Guten wie im Bösen ausmacht.

Der ständige Wechsel zwischen den Handlungssträngen um Jimmy und Dr. Kelson schafft ein ebenso faszinierendes wie radikales Gleichgewicht. So weit ist Drehbuchautor Alex Garland bei keinem anderen Teil der Reihe gegangen. Natürlich zeugen auch »28 Days Later« und »28 Years Later« von seinem illusionslosen Blick auf die menschliche Natur und auf das brüchig gewordene Fundament westlicher liberaler Demokratien. Aber »The Bone Temple« hebt das Horrorgenre in eine Dimension, die es nur äußerst selten erreicht.

Zusammen mit der Regisseurin Nia DaCosta, die stilistisch seinen eigenen Regiearbeiten viel näher steht als Danny Boyle, hat Garland eine philosophische Horrorvision um ein grundsätzliches moralisches Dilemma erschaffen. Einige der Überlebenden sind hier eine viel größere Bedrohung als alle Zombies. Ihre infantile, von den »Teletubbies« inspirierte Grausamkeit offenbart das absolute Unmenschliche im Menschlichen. Für diese Seite unserer Existenz findet DaCosta erschreckend schöne, von klassischer Malerei inspirierte Bilder. So stürzt sie das Publikum noch tiefer in die Widersprüche der menschlichen Natur, ohne sie auf irgendeine Weise aufzulösen.

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