Nachruf: Jean-Paul Belmondo

9.4.1933 – 6.9.2021
Jean-Paul Belmondo mit Jean Seberg in »Außer Atem« (1960)

Jean-Paul Belmondo mit Jean Seberg in »Außer Atem« (1960)

Er musste sich nicht entwickeln. Jean-Paul Belmondo war von Anfang da, ein Wunder ungeschlachter Präsenz, deren Facetten nur nach und nach freigelegt werden mussten. Vielleicht arbeitete sein Vater ebenso, der Bildhauer Paul Belmondo. Die Lehrzeit, die er bis zu seinem Durchbruch in Jean-Luc Godards »Außer Atem« 1960 absolvierte, war kurz: Gerade einmal drei Jahre und eine Handvoll Filme brauchte er, um ein Star zu werden. 

Ganz so reibungslos war der Auftakt von Belmondos Karriere natürlich nicht verlaufen. Zweimal fiel er durch die Aufnahmeprüfung am Konservatorium. Endlich angenommen, fand ihn sein Schauspiellehrer undiszipliniert. Der junge Eleve entschied, dass man diesen Beruf ohnehin besser in den Cafés von Paris erlernte, wo sich das Verhalten der Passanten gründlich studieren ließ. Godard las ihn tatsächlich von der Straße auf. Die Produzenten, denen vorher seine ramponierte Nase nicht gefallen hatte, waren erstaunt, dass mit ihm ein neuer Typ von Star geboren wurde. In »Außer Atem« plauderte er munter auf die Kamera ein; er imitierte Humphrey Bogart – und war dabei in seinem Hang zur großspurigen Geste schon ganz er selbst. 

1960 war auch insofern entscheidend, als klar wurde, dass Belmondo nur mit einem Bein im Lager der Nouvelle Vague stand. Er trat in Claude Sautets »Der Panther wird gehetzt« auf, wo er zeigte, wie prächtig sich sein Talent in der französischen Spielart des Kriminalfilms, dem polar, entfalten sollte. Fortan arbeitete er mit den großen Meistern (Jean-Pierre Melville) und zuverlässigen Gesellen (Jacques Deray, José Giovanni, Henri Verneuil) dieses Genres. Und im selben Jahr stellte er in Peter Brooks »Stunden voller Zärtlichkeit« unter Beweis, dass ihm auch die Verletzbarkeit gut zu Gesicht stand. 

1962 zog er in »Cartouche«, der Bandit schließlich das Register, das ihn für die nächsten Jahrzehnte zu einem der größten Kassenmagneten des europäischen Kinos machen sollte: das des unbekümmerten, frechen Abenteurers. Sein entschlossener Gang und sein breites Grinsen kündeten von Siegessicherheit: Wen er anlächelte, der hatte schon verloren. Dank seines komödiantischen Elans war er dem ewigen Rivalen Alain Delon immer eine Nase voraus. In Philippe de Broca fand er einen Regisseur, der diese Verve ideal in Szene setzte. »Von Abenteuer in Rio« (1964) bis »Der Unverbesserliche« (1975) schickte der ihn auf halsbrecherische, temporeiche Eskapaden, bei denen Belmondo die Stunts selbst ausführte. Die Zuschauer liebten ihn für solch ehrliches Handwerk. Ihm gaben sie einen Kosenamen – ­B­ébel –, Delon nicht. Gleichwohl verstanden die Zwei sich gut und bildeten 1970 in Borsalino ein Traumpaar. 

Belmondos Tatkraft und Leichtfertigkeit disponierten ihn nicht allein fürs Genrekino. In Mauro Bologninis »Das Haus in der Via Roma« und François Truffauts »Das Geheimnis der falschen Braut« erlebte er die Liebe als Martyrium der Selbstverleugnung; in Godards Pierrot »Le Fou« und Louis Malles bürgerlichem Schattenspiel »Der Dieb von Paris« unterlief er die Selbstgewissheit seiner Kinofigur. Als Betrüger »Stavisky«, der in den 1930ern eine Staatsaffäre auslöste, gelang ihm unter der Regie von Alain Resnais ein Meisterstück der Brechung: Das Großspurige schloss Zweifel nicht aus. Der relative Misserfolg seines Films mit Truffaut fiel in eine Zeit der Orientierungssuche, der seiner Arbeit mit Resnais schmerzte ihn auch als Produzenten. 

Mit »Angst über der Stadt« (1975) verwandelte er sich endgültig in eine unverwechselbare Marke. Das Marketing seiner Action-Reißer war komplett auf ihn ab­gestimmt. Auf den Plakaten prangten nur sein Nachname und ein gemaltes Porträt. Sie liefen zum traditionell besten Start­termin (Allerheiligen) an und hatten in Frankreich selten weniger als vier Millionen Zuschauer. 

Sein Vater fragte enttäuscht: »Wann übst Du endlich wieder deinen Beruf aus?« In den späten 1980ern geriet diese Maschinerie ohnehin ins Stocken. Aber für Bébel, der auch privat stets gute Laune demonstrierte, war der Ruhestand keine Option. Er kaufte sich ein Theater an den Champs-Élysées, wo er zeigen konnte, dass er die große Geste noch immer beherrschte. Ein Schlaganfall bremste ihn 2001 nur geflissentlich. Er thematisierte ihn in seinem letzten Leinwandauftritt in »Ein Mann und sein Hund« (2008), heiratete ein zweites Mal und wurde erneut Vater. Nun ist er im Alter von 88 Jahren zur Ruhe gekommen.                  

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