67. Kurzfilmtage Oberhausen

Ergreifend
»Leo« (2021). Regie: Moein Rooholamini

»Leo« (2021). Regie: Moein Rooholamini

Die 67. Kurzfilmtage Oberhausen reflektieren die Pandemieerfahrung und zeigen politisches ­Bewusstsein

Auch die diesjährige 67. Ausgabe der Kurzfilmtage Oberhausen musste als Onlinefestival stattfinden. Eigentlich wird traditionell der Lichtburg-Filmpalast, einer der schönsten Orte in der symptomatisch von Schließungen und ­Trading-Down geprägten Fußgängerzone der Oberhausener Innenstadt, in der ersten Maiwoche zu einem vielsprachigen Festivaltreffpunkt. Nachwuchstalente, gestandene Kurzfilm-Nerds, Szenepublikum und Gäste aus dem Ruhrgebiet mit ihren Kindern kommen sich in den Schlangen vor dem Einlass oder beim Plausch auf der Straße näher. FilmemacherInnen stellen sich in Filmtalks vor; selbst das Anstehen in den provisorischen Cateringzonen des Festivals bietet ein entspanntes Spektakel.

All das funktioniert in Pandemiezeiten nicht. Doch das Festival wurde nicht mehr wie im vergangenen Jahr auf kaltem Fuß von der fortgesetzten Schließung seiner Spielorte überrascht. Akkreditierung, Ticketkauf und Onlinepräsentation der zahlreichen Programmsektionen, eingebettet in ein dem Kino nachempfundenes schwarzes Bildschirmdesign, verliefen reibungslos. Ein virtueller Festivalspace sorgte für die Vernetzung der Gäste, wo immer sie sich vor ihre Kameras setzten, und jeden Abend untermalte das musikalische Set eines einsamen DJs die gewisse Leere, die sich nach zu viel digitalem Bilderkonsum auszubreiten drohte. 

Die Kurzfilmtage gingen das Dilemma eines neuerlichen Onlinefestivals proaktiv an, indem ein spezieller »Internationaler« sowie ein »Deutscher Online-Wettbewerb« der Stadt Oberhausen eingerichtet wurden, dotiert mit Preisgeldern von 75 000 Euro, zwei weitere Sektionen neben den etablierten. Das Festival unterstreicht damit seine Politik, mit finanzierten Auszeichnungen von mehr als 50 000 Euro ein Zeichen zur Unterstützung der Kunstform zu setzen, denn KurzfilmregisseurInnen finden außerhalb von Festivals kaum noch die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu zeigen und zu refinanzieren. 

Erstaunlich viele Filme des Festivals gingen das Momentum der Pandemieerfahrung an. So besuchte die Schweizerin Dominique Margot in »Zoom sur le Cirque« via Video die in aller Welt verstreuten, unter misslichen Überlebensbedingungen weitertrainierenden Artisten und Clowns des Cirque de Soleil, während die japanische Regisseurin Yuri Muraoka in »Toumei na watashi« in einem melancholischen Puzzle aus Standbildern, Found Footage und animierten Sequenzen ihre Krise im Corona-Jahr reflektiert, in dem sie nach einem Selbstmordversuch beginnt, das Leben neu zu entdecken. 

Lyrische, fast kontemplative Bilder und Stille beziehungsweise subjektive, flüsternde Voiceover-Stimmen hinterließen in vielen Filmen auch im zerstreuten Format einer Bildschirmprojektion intensive Wirkung – mag sein weil das Festival Programme mit vier bis sechs Filmen bündelte, die den roten Faden der Auswahl spürbar machten.

Ein schönes Einzelbeispiel für solche Introvertiertheit war der Gewinner des FIPRESCI-Preises {»if your bait can sing the wild one will come«} »Like Shadows Through ­Leaves« von Lucy Davis, eine singapurisch-finnische Produktion, in der die älteren Bewohner eines vor dem Abriss stehenden Wohngebiets in Singapur von ihrer mythisch-animistischen Nähe zu den Vögeln im nahe gelegenen, künftig als Bauland geltenden Dschungelstreifen erzählen. 

Ein deutlich politisches Bewusstsein prägte einen großen Teil der aktuellen Filme in den unterschiedlichsten visuellen Gestaltungsformen. »Proll!«, ein Kurzspielfilm von Adrian Figueroa, der den Deutschen Online-Wettbewerb gewann, beschreibt in düsteren Farbtönen eindringlich den Alltag dreier Großstadtmenschen mit prekären Jobs: Ein gestresster Lieferfahrer, ein entlassener Fleißarbeiter in einer bankrotten Kartonagenfirma und eine Homeoffice-Gefangene mit Textverarbeitungsjobs im Niedriglohnbereich können weder auskömmlich leben noch ihre existenzielle, zu keiner Solidarität mehr fähige Verlorenheit überwinden. 

­Die vielen wunderbaren Geschichten mit Kindern wären einen eigenen Festivalbericht wert. Hier nur ein ergreifendes Beispiel: Leo, ein Zehnjähriger in Moein Rooholaminis iranischem Film, steht mit einem Duschkopf als Mikro und zwei zusammengebundenen Trinkgläsern als Fernglas an einem Zaun. Begeistert ahmt er den Tonfall eines Fußballreporters beim Kommentieren eines Spiels nach. Deutlich wird, dass er dies als Zeitvertreib für seinen blinden Bruder tut, bis ein Stockhieb gegen den Zaun das Spiel unterbricht. Die Kinder befinden sich in einem Flüchtlingslager, Soldaten in Uniform weisen sie zurück. Filme des Festivals, die nicht vergessen werden sollten, sind noch bis Ende Juni auf der Festivalplattform »This Is Short« zu sehen.

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