63. Nordische Filmtage Lübeck

Action in Reykjavik
»Cop Secret« (2021)

»Cop Secret« (2021)

Die Nordischen Filmtage in Lübeck fanden in diesem Jahr hybrid statt – nach der digitalen Ausgabe im letzten Jahr – und konnten 25 000 Besucher in die Kinos und vor die Bildschirme ziehen

Nein, so etwas hätte es früher dann doch nicht gegeben. Eine Actionfilmparodie im Wettbewerb eines doch eher dem Autorenfilm verpflichteten Festivals. Nun, der isländische Beitrag »Cop Secret« (Leynilögga) mit zwei Supercops aus Reykjavik und dem angrenzenden Landkreis, die sich nicht nur erotisch finden, sondern auch eine sinistre Truppe von Hightech-Gangstern bekämpfen müssen, gibt seinem Publikum Zucker, mit rasanten Autostunts, einer tickenden Bombe und einer Filmmusik, die an TV-Serien der 80er Jahre erinnert. Regisseur Hannes Thor Halldórsson war einmal Torwart der isländischen Fußballnationalmannschaft, bei der WM 2018 hat er einen Elfmeter von Lionel Messi gehalten. Mit Cop Secret hat er sich einen Traum erfüllt, eine wilde Mixtur aus »The Fast & the Furios« und John Woo, Copthriller und »Die Hard 3«. 

Diesen Film auch noch zum Eröffnungsfilm zu küren – sollte das programmatisch sein? Thomas Hailer jedenfalls, der neue künstlerische Leiter der Filmtage, hat sonst erst mal gut daran getan, die eingespielten Sektionen beim Alten zu lassen und dafür Akzente neu zu setzen. Als neue Reihe kam eine Hommage hinzu, die in diesem Jahr der Schauspielerin Trine Dyrholm gewidmet war, schon öfters Gast der Filmtage, etwa vor zwei Jahren mit Die Königin. Im Wettbewerb lief in diesem Jahr Die Königin des Nordens (Margrete den fØrste), in dem sie die Titelrolle spielt, die dänische Königin Margrete, die im 15. Jahrhundert Dänemark, Norwegen und Schweden zu einer großen Union vereinte. Zwar ist der Film visuell opulent (und Dyrholm hervorragend), doch geht es Regisseurin Charlotte Sieling eher um politische Ränke und um die Zeichnung einer durchaus ambivalenten Frauenfigur, einer eisernen Lady, die für ihre Machterhaltung einiges zu tun bereit ist. 

Einen neuen Akzent setzten sicherlich auch die, wenn man so will, Horrorfilme in dem in diesem Jahr nur 14 Filme umfassenden Wettbewerb. Im zweiten isländischen Beitrag »Lamb« (Dýrið) von Valdimar Jóhannsson erobert eine merkwürdige Kreatur die Herzen eines abgeschieden lebenden Farmerehepaars. Und im norwegischen »The Innocents von Eskil Vogt entwickeln Kinder paranormale Eigenschaften. Wenn man sich als Zuschauer erst einmal auf diese Prämisse eingelassen hat – und das gelingt dem Regisseur gerade durch die Langsamkeit der Erzählung ziemlich gut –, entsteht eine ganz eigene Kinderwelt, in der die Erwachsenen nur noch am Rande vorkommen.

»Die Königin des Nordens« konnte den Publikumspreis gewinnen, der Hauptpreis ging, zusammen mit dem kirchlichen Interfilm-Preis, an »The Gravediggerʼs Wife« des in Finnland lebenden Somaliers Khadar Ayderus Achmed. Im Mittelpunkt steht Guled, der in einem Slum in Djibouti City wohnt. Sein Job lebt vom Unglück der anderen, viel mehr als seine provisorische Hütte und die Schaufel, mit der er die Leichen bestattet, besitzt er nicht. Seine Frau leidet an einer lebensbedrohlichen Infektion der Niere, sein Sohn hat sich von seinen Eltern etwas abgenabelt. Um das Geld für die Operation seiner Frau zu bekommen, macht sich Guled auf in das Dorf, aus dem er kommt, um die Ziegenherde seiner Familie zu verkaufen. Ein klares soziales Anliegen. Aber daneben erzählt »The Gravediggerʼs Wife« mit vielen auch poetischen Momenten auch von der einzigen, großen Liebe und archaischen Familienverhältnissen. 

Zwei herausragende Wettbewerbsbeiträge gingen bei der Preisvergabe leider leer aus: »As in Heaven« (Du som er i himlen), Tea Lindeburgs realistisch-impressionistische Rekonstruktion einer Kindheit im ländlichen Dänemark des 19. Jahrhunderts, und Bent Hamers wunderbar lakonischer »The Middle Man«, der wie viele Filme dieses Jahrgangs nicht in Skandinavien spielte, sondern in einer der verarmten Gegenden des Mittleren Westens der USA. Man kann sich damit trösten, dass »As in ­Heaven« schon beim Festival von San Sebastian mit dem Regiepreis bedacht wurde – und der Film von Bent Hamer demnächst ins Kino kommen wird.

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