Das 16. Zürich Film Festival

 Foto: Fabienne Wild for Zurich Film Festival

Foto: Fabienne Wild for Zurich Film Festival

Mit Stars aus Europa und Masken im Kino schafft man volle Säle trotz Corona

Zürich setzte auch im Corona-Jahr als erstes größeres Festival im deutschsprachigen Raum auf das klassische Festivalflair: mit Stars wie Juliette Binoche, Johnny Depp, Moritz Bleibtreu oder Til Schweiger auf dem grünen Teppich, vielen Filmemachern und Publikumsdiskussionen vor Ort und NICHT hybrid oder online. Trotz Maskenpflicht auch im Kinosaal kamen 68 000 Zuschauer und für eine Auslastung von etwa 60% waren es gefühlt oft ziemlich volle Säle. 

Punkten konnten die Programmacher vor allem mit Schweizer Filmen und Serien, die sich selbstkritisch mit Themen wie Migration/illegaler Einwanderung, Vergangenheitsbewältigung und dem Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft befassten. Eröffnet wurde das ZFF mit der Schweizer Produktion »Wanda mein Wunder« (deutscher Kinostart am 17.12. im Verleih von X-Filme) von Bettina Oberli, die zusammen mit Cooky Ziesche auch das Drehbuch schrieb. Amüsant, nachdenklich und ironisch beleuchten die Autorinnen, wie eine polnische Pflegekraft (großartig Agnieszka Grochowska) in einer gut betuchten Schweizer Familie zunächst hoch gelobt wird, weil sie den 70 jährigen, bettlägerigen Patriarchen so liebevoll pflegt – dann aber schnell auch nur noch »Die Polin« ist, wenn es zu Problemen kommt. Als Wanda dann auch noch schwanger wird – von einem Mitglied der Familie –, kippt die Stimmung völlig. Das ist mitunter amüsant, leicht schräg, durchaus unterhaltsam, aber der Film braucht ein wenig, um seinen Rhythmus zu finden. 

Sehr überzeugend war »Spagat« von Regisseur Christian Johannes Koch, der in Babelsberg an der HFF Konrad Wolf studierte. Dort geht es um eine Schweizer Lehrerin, die trotz eines liebevollen Ehemanns und der gemeinsamen 16-jährigen Tochter eine Affäre mit dem Vater einer ihrer Schülerinnen eingeht. Ein weiteres Problem ist: der Mann ist Ukrainer und lebt seit sechs Jahren mit seiner 14-jährigen Tochter illegal in der Schweiz. In dem zunehmend packenden Drama schafft es der Regisseur gleichzeitig von einer leidenschaftlichen Liebesaffäre als auch von einer Coming-of-Age-Geschichte und einem Einwanderungsdrama zu erzählen. Komplex und vielschichtig. 

Bewegend und opulent dagegen die bisher teuerste Schweizer Serie der letzten Jahre. In »Frieden«, der 1945 nach Kriegsende einsetzt, geht es um eine Familie, die eine Textilfabrik betreibt, um Altnazis, die in der Schweiz nach dem Krieg untertauchen, und um jüdische Kinder und KZ-Überlebende, die dort ein neues Zuhause finden sollen. In der gut gefilmten und hervorragend besetzten Miniserie überzeugen u.a. der Schweizer Jungstar Max Hubacher (»Der Hauptmann«, »Gott Du kannst ein Arsch sein«), Stefan Kurt und Annina Walt. Das Drehbuch schrieb Petra Volpe, Regie führte Michael Schaerer, der im Interview betonte: »Die Nachkriegszeit ist ein relativ unbeflecktes Territorium. Nach dem Krieg stand die Schweiz enorm stark unter Druck von den Alliierten, weil man die Schweiz eher zu den Achsenmächten gezählt hat und diese Kollaboration eigentlich gespürt hat. Sehr schnell hat sich dann der Fokus auf die Sowjetunion verschoben und dieses neue Bedrohungsszenario. Da war man dann wieder sehr schnell auf der Seite der "Guten"«.

Im November wird »Frieden« im Schweizer Fernsehen laufen. ARTE könnte diese äußerst sehenswerte Serie, die mit so hervorragenden Darstellern glänzt, auch noch in diesem Jahr ausstrahlen.

Besonders stark vertreten war in diesem Jahr das französische Kino u.a. mit zwei Filmen, die das Cannes-Label 2020 trugen: »Mein Liebhaber, der Esel und ich« ist eine Komödie von Caroline Vignal um eine Lehrerin, die sich mit einem Esel abplagt, um auf einer Wanderroute ihren Lover zu treffen, der jedoch verheiratet ist. Einige Szenen sind durchaus komisch, und Hauptdarstellerin Laure Calamy sieht man sonst nur in Nebenrollen. Aber solche netten Feelgoodfilme neigen dazu, sich zu wiederholen. Andererseits braucht das Kino derzeit auch Unterhaltungsfilme, und 500 000 Franzosen sahen das Werk immerhin im Kino, das ab 22.10. auch in Deutschland startet. 

Noch ohne deutschen Verleih aber wesentlich origineller war das Banlieuemärchen »Gagarine«, das in der gleichnamigen Sozialsiedlung in einem Pariser Vorort spielt, die den Namen von Juri Gagarin trug, lange Zeit als Vorzeigesiedlung der kommunistisch geführten Vorstadt galt und im Vorjahr abgerissen wurde. So mussten sich die beiden Filmemacher Fanny Liatard und Jérémy Trouilh bei den Dreharbeiten im Vorjahr beeilen. Die Mischung aus Sozialdrama, Märchen und einem Schuss Raumfahrtfilm ist überaus gelungen und »Gagarine« dürfte in Frankreich noch für Furore sorgen und jede Menge César-Nominierungen einstreichen. 

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