Zweifel erforschen: Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

»Soviet Elegy« (1989)

»Soviet Elegy« (1989)

Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sind Deutschlands wichtigstes Festival dieser Art. In ihrer 65. Ausgabe stellten sie neben den diversen ­Wettbewerben das Frühwerk Aleksandr Sokurovs vor

Seine Filme bestünden nur aus Fehlern, meint der russische Filmemacher Aleksandr Sokurov. Das Kino sei außerdem nicht wichtig und insbesondere nicht zu Großem fähig. Und doch: Die diesjährigen Kurzfilmtage in Oberhausen widmeten ihm mehrere Profilprogramme, ein ausführliches Gespräch und adaptierten für ihn sogar das ausgelatschte Format einer Masterclass. Mit einem Kino des Zweifelns hatten seine Filme dann überraschend wenig zu tun.

Lange vor seiner »Faust«-Adaption (2011) begleitete Sokurov in dokumentarischen Arbeiten über Jahre gewichtige Leute und Ereignisse. Allein zweimal traf er Boris Jelzin und damit den ersten demokratischen Präsidenten Russlands, sprach mit ihm zur Zeit des Niedergangs der Sowjetunion über seine politische und persönliche Krise. »Soviet Elegy« (1989) wurde in Oberhausen 1990 mit dem Großen Preis ausgezeichnet, 2019 strahlte der Film über viele aktuelle Beiträge hinaus. Eine unerwartete Annäherung und souveräne Erkundung weichender politischer Macht durch wesenseigene Mittel des Kinos: Kadrage und Montage, lange, durchdringende, geduldige Blicke.

Drei der noch weniger bekannten Arbeiten erforschen den Krieg. Das Festival zeigte die längste, noch dazu jeden Tag: »Spiritual Voices« (1995) konzentriert sich für 327 Minuten und in fünf Kapiteln auf Gesichter und Landschaften an der Grenze von Tadschikistan zur Zeit des Bürgerkriegs. Junge russische Männer erleben Kämpfe, warten auf Neujahr. Ein magisches Gewitter zu geisterhafter russischer Popmusik. Sokurov verzerrt den Ton zu Echos. Einige der stärksten Momente des Festivals bauen sich in den Stunden dieses Films auf und ebben wieder ab. Oberhausen sucht nach Grenzerfahrungen und behandelt diese Arbeit wie eine Installation. Eine frustrierende digitale Kopie macht die Wiederholungen möglich. Das Verlassen und Betreten des Raums ist unkompliziert, während in den anderen Programmen nur die Lichtpausen Publikumsbewegungen zulassen.

Handschriften sollen nicht verfließen, sondern nebeneinanderstehen, das ist in Oberhausen schon lange so – neuerdings auch im Zugeständnis an eine Handschrift aus der Region: Das Festival bat Rainer Knepperges, Mitgründer der selbst verwalteten Initiative »Filmclub 813«, ein Programm mit Filmen aus NRW zusammenzustellen. Knepperges tritt in seiner künstlerischen und filmkritischen Arbeit für eine uneitle Filmpraxis ein, er erzählte im Gespräch über die Unberechenbarkeit von Imitationen und die Qualität von Zufällen. Fehler im eigenen Film zu suchen und zu korrigieren, das sei der größte Fehler, meinte er, und wies Sokurovs manierierte Rhetorik in ihre Grenzen. »Vielfalt erforschen«: Im ersten Film des Blocks ging es um Beton, ganz einfach. Die Menschen, die können ihn bemalen, sich ihre Welt nach Belieben formen. Nur die Tiere, die können das nicht.

Menschliche Eitelkeiten verhandelte auch die Künstlerin Magda Tóthová, als sie die Philosophin und Trump-Lieblingsautorin Ayn Rand in einem Vortrag auseinandernahm. Die Kapitalisten lieben Rands Bücher seit Jahren, weil sie einfordern, der Mensch habe selbstgerecht zu sein und nur die Pflicht, das zu tun, was ihm (Maskulinum!) selbst nützt. Tóthová stand öffentlich dagegen auf – um die Fähigkeit dazu ging es erneut in vielen Facetten dieses Festivals. Der Begriff der Projektion bedeutet bei Rand übrigens, Minderheiten zu schaffen und zu stigmatisieren – sich ein Bild zu machen, das die eigene Arroganz nährt. Hoffentlich ganz anders als im Kino, wo die Verzerrung und Vergrößerung durch Licht, also die Projektion, zum Erkennen und Durchschauen der Verhältnisse, letztlich des Menschen führen kann.

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