Filmfestival Zürich: Drohungen und Versprechungen

»Untouchable – The Rise and Fall of Harvey Weinstein« (2019). © BBC/Hulu

»Untouchable – The Rise and Fall of Harvey Weinstein« (2019). © BBC/Hulu

Das Filmfestival Zürich zeigte die deutschsprachige Erstaufführung des Dokumentarfilms »Untouchable – The Rise and Fall of Harvey Weinstein«

Am Donnerstag den 17.10. lief diese Doku über den einstigen Hollywoodmogul in der deutschsprachigen Schweiz an. Ein deutscher Kinostart ist nicht in Sicht, auch keine VOD/DVD- oder TV-Aufführung. Als die Regisseurin kürzlich beim Filmfestival in Zürich ihren Film persönlich vorstellte, nannte sie zwei große europäische Länder, die bisher an ihrem Film nicht interessiert sind: Deutschland und Italien. Das ist beschämend, weil die renommierte Dokumentarfilmregisseurin Ursula Macfarlane einen gut recherchierten und keinesfalls dogmatischen Film über Weinstein und seine Allmachtfantasien gedreht hat, der viel über die Hierarchien innerhalb der Filmbranche aussagt, über Feigheit, Zivilcourage und Machtmissbrauch. 

Zu Beginn sieht man Hope d'Amore, ein Opfer Weinsteins, die seit 40 Jahren nicht über den Missbrauch geredet hat. Sie erlebte den umtriebigen Harvey noch, als er in der Studentenstadt Buffalo so berühmte Musikstars wie die Rolling Stones oder Frank Sinatra auf die Bühne brachte und Konzerte organisierte. Schon damals wollte Weinstein zusammen mit seinem Bruder Bob zum Film und nahm seine Mitarbeiterin Hope d'Amore mit zu einer Geschäftsreise nach New York. Als er im Hotel eincheckt, benutzt er einen Trick und behauptet, es gäbe nur noch ein letztes Zimmer, das sich beide nun teilen müssen. Die junge Frau ist leicht verwirrt und sagt klar, dann müsse der Mann eben auf der Couch schlafen. Aber Harvey Weinstein legt sich einfach nackt zu ihr ins Bett und zwingt sie zum Sex, nachdem er ihr droht und Versprechungen macht. Es ist immer wieder dieses Schema, das Weinstein bei Schauspielerinnen oder Assistentinnen anwendet. Er lockt sie in seine Hotelzimmer, präsentiert sich plötzlich nackt, verlangt Massagen oder Sex. Manchmal lockt er mit Verheißungen auf einen Karrieresprung oder er übt psychische und physische Gewalt aus. 

Ursula Macfarlane zeigt in ihrem Film, warum das Erpressungs- und Missbrauchsystem lange funktionierte. Frauen, die sich wagten, gegen Weinstein vorzugehen, wurden mit Abfindungen und Schweigeklauseln mundtot gemacht. Aber viele vor allem junge und unsichere Frauen waren völlig eingeschüchtert. Nicht umsonst sagte Weinstein von sich selbst: »I'm glad I'm the fucking sheriff of this shit ass fucking town.« An einem Beispiel illustriert der Film auch, warum sich Weinstein so sicher fühlte. Als er auf einer Filmparty eine junge Reporterin wüst beschimpfte, anschrie und handgreiflich wurde und ihren zu Hilfe eilenden Redakteur eigenhändig aus dem Club warf, nahmen einige Fotografen dieses vermeintliche Skandalbild auf. Doch es erschien nirgendwo, in keiner Zeitung, in keiner Zeitschrift. 

Neben den Opfern von Harvey Weinstein – am bekanntesten sind die Schauspielerinnen Paz la Huerta (die zweimal vergewaltigt wurde) und Patricia Arquette (die sich von Weinstein nicht einschüchtern ließ) – kommen auch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Harvey Weinsteins Firma Miramax zu Wort, die irgendwann genug hatten, ausstiegen und mit ihrem Boss brachen. In ihren Aussagen wird schnell deutlich, dass Harvey Weinstein sich nicht nur an Frauen verging, sondern auch Mitarbeiter anbrüllte, einschüchterte und seine Macht ausnutzte. Dabei zeigt die Filmemacherin auch, wie sehr Weinstein mit seiner Leidenschaft für das Kino Menschen faszinierte. Als Mister Oscar gelang es ihm mit teuren Kampagnen u.a. die Karrieren von Quentin Tarantino oder Roberto Benigni zu begründen. Viele von Miramax in die Kinos gebrachten Filme von »Shakespeare in Love«, »Der englische Patient« oder »The Artist« gewannen den Oscar für den besten Film. Aber dennoch entsteht so kein zwiespältiges Porträt eines zurecht gefallenen Filmmoguls, sondern eher ein komplexes Porträt eines Mannes, der seinen inneren Dämonen viel zu lange ungestraft nachgab. 

In der Publikumsdiskussion in Zürich nach dem Film erzählte Ursula Macfarlane, dass der Film eine Auftragsproduktion der BBC war, die sie gerne annahm. Geldgeber aus den USA hielten sich übrigens ebenso zurück wie Hollywoodstars, die bis heute von Weinstein profitieren.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns