Venedig: Triumph für Netflix

 Alfonso Cuarón © La Biennale di Venezia

Alfonso Cuarón © La Biennale di Venezia

Große Filmkunst geht offenbar auch per Streaming: Das von Netflix produzierte schwarz-weiße Familiendrama »Roma« gewinnt in Venedig den Goldenen Löwen

Vor wenigen Jahren waren die Begriffe Kino und Netflix noch ein Gegensatzpaar, das eine stand für Filmkunst, das andere für »Binge-Watching« (langes Serienglotzen). Nun hat eine Produktion des Streaminganbieters ausgerechnet auf dem altehrwürdigen Filmfestival von Venedig den Goldenen Löwen gewonnen, und den Widerspruch damit widerlegt: Große Filmkunst kann offenbar auch per Streaming stattfinden.

Anders als noch in Cannes im Mai, wo auf Druck der französischen Filmindustrie Netflix-Filme ohne Kinoauswertung aus dem Wettbewerb genommen wurden, zeigte die venezianische Festival-Jury unter dem Vorsitz des Mexikaners Guillermo Del Toro keine Hemmungen, den Streaminganbieter zu berücksichtigen: Sie vergab nicht nur ihren Hauptpreis an das schwarz-weiße Familiendrama »Roma« von Alfonso Cuarón.

Mit dem Preis fürs beste Drehbuch an die Brüder Joel und Ethan Coen und ihren Western-Kurzgeschichten »The Ballad of Buster Scruggs« ehrten sie auch die zweite der insgesamt drei Netflix-Produktionen im diesjährigen Wettbewerb der 75. »Mostra«. Beide Filme werden in den USA zumindest eine Alibi-Kinoauswertung erfahren, um sie für die Oscars wählbar zu machen, aber ob und wie diese Filme etwa in Deutschland ins Kino kommen, ist bislang noch ungewiss.

Man kann verstehen, dass die europäischen Verleiher und Kinobetreiber die Entwicklung mit Sorge betrachten. Venedig in jedem Fall setzte mit der Preisvergabe deutlich Signale, dass man gewillt ist, die Neuentwicklungen der Distribution zu umarmen statt sich ihnen in den Weg zu stellen.

Abgesehen von der Kontroverse drum herum, erwies sich der Preisträgerfilm selbst als so unumstritten wie selten: In »Roma« zeigt Alfonso Cuarón Ausschnitte eines ganz normalen Familienalltags im Mexiko-Stadt der frühen 70er Jahre. Im Fokus steht die Hausangestellte Cleo, die sich mit ihrer indianischen Herkunft und sozialen Klasse absetzt im Akademikerhaushalt, zugleich aber vor allem den Kindern, die sie miterzieht, so zugetan ist, dass sie zum Familienmitglied wird.

Gefilmt in silbrigem Schwarzweiß und in einer Serie von komplexen, langen Einstellungen, die in vielen Details über die schwierige 70er-Jahre-Epoche Auskunft geben, ist »Roma« tatsächlich ein Meisterwerk filmischen Erzählens, von Kritikern und Publikum am Lido gleichermaßen gefeiert.

Wie überhaupt die Jury in diesem Jahr mit ihren Entscheidungen sehr nah am Geschmack der Festival-Akkreditierten lag. So gingen gleich zwei Auszeichnungen an die Historiengroteske »The Favourite« des griechischen Regisseurs (und großen Kritikerlieblings) Yorgos Lanthimos. Der Film spielt am Hof der britischen Königin Anne zu Beginn des 18. Jahrhunderts und erzählt davon, wie zwei Favoritinnen sich im Kampf um die Nähe zur Königin zerfleischen.

Großartig verkörpert von Olivia Colman, die dafür mit der Coppa Volpi, dem Preis für die beste weibliche Darstellerin ausgezeichnet wurde, funktioniert »The Favourite« als ironisches Spiel über »toxische Weiblichkeit« mit Anspielungen an »Alles über Eva«. Nicht zuletzt dieses cineastische Element macht Lanthimos zum verdienten Gewinner der »Silbermedaille« des Festivals, des Großen Preises der Jury.

Als umstritten dagegen galt in diesem Jahr ausgerechnet der Film der einzigen Regisseurin im Wettbewerb, den die Jury aber demonstrativ ebenfalls mit zwei Preisen bedachte: das Kolonialmacht-Drama »The Nightingale« der Australierin Jennifer Kent. Darin verbündet sich eine nach Australien deportierte, ehemalige irische Strafgefangene mit einem jungen Aborigine-Tracker, um Rache zu üben an dem britischen Offizier, der sie vergewaltigt und ihren Mann und ihr Kind getötet hat. Keine leichte Kost.

Der Jury-Spezialpreis legitimiert sich jedoch allein schon als Zeichen für mehr Geschlechterparität. Mit dem Aborigine-Darsteller Baykali Ganambarr, der den Marcello-Mastroianni-Preis erhielt, aber wurde tatsächlich ein Nachwuchsschauspieler mit fast atemberaubenden Charisma gefunden.

Auf einhellige Zustimmung stießen die restlichen Entscheidungen der Jury: So ging die Coppa Volpi für den besten männlichen Darsteller an Willem Dafoe und seine bewegende Interpretation von Vincent van Goghs letzten Lebensjahren in »At Eternity's Gate« von Julian Schnabel. Ein gleichsam altersloser Dafoe – der 63-Jährige verkörpert im Film den von inneren Dämonen gequälten, aber von seiner Kunst auch wie erleuchteten 37-jährigen Vincent van Gogh – , erzählte mit dem Preis in der Hand sichtlich gerührt davon, wie er vor 30 Jahren mit Martin Scorseses »Letzte Versuchung Christi« zum ersten Mal zum Festival nach Venedig kam.

Der Franzose Jacques Audiard zeigte seine Filme fast alle in Cannes, wo er mit »Ein Prophet« 2009 den Großen Preis und zuletzt mit »Dheepan« 2015 sogar die Goldene Palme gewinnen konnte. Sein erstes Mal in Venedig brachte ihm nun gleich den Silbernen Löwen für Beste Regie ein. Der Neo-Western über ein ungleiches Brüderpaar, »The Sisters Brothers«, ist Audiards englisch-sprachige Premiere und war lange der Geheimfavorit am Lido: Mit viel schwarzem Humor löst Audiard darin die klassischen Mythen von Western und Männlichkeit auf und zeigt mit wunderbar leichten, völlig anti-pädagogischen Tönen, dass ein feministischer Film nicht unbedingt von Frauen handeln muss.

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