Venedig 2015: Es siegt die Fantasie – Der Animationsfilm »Anomalisa«

Was so passiert
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»Charlie Kaufman«

72. Filmfestival von Venedig: Der Trend geht zur wahren Geschichte, aber dann siegt doch die Fantasie in Form von Charlie Kaufmans Animationsfilm »Anomalisa«

Man weiß genau, wie es passiert ist. Man kennt den Täter und hat ihn verurteilt. Und trotzdem bleibt ein tödliches Attentat wie das auf den israelischen Premierminister Yitzhak Rabin durch einen orthodoxen Extremisten im Jahre 1995 auch 20 Jahre danach noch ein Rätsel. Der israelische Regisseur Amos Gitai versucht in seinem neuen, nun in Venedig vorgestellten Film »Rabin, the Last Day« über eine filmische Rekonstruktion den Ereignissen auf die Spur zu kommen. Statt des Spielfilmformats bedient sich Gitai dabei der Form des Reenactments: Er inszeniert die Anhörungen der Untersuchungskommission nach, ergänzt sie um etwas Archivmaterial und um Interviews mit Shimon Peres und Leah Rabin, der inzwischen ebenfalls gestorbenen Witwe des getöteten Premierministers.

Was sich zunächst nach einem besseren Fernsehfeature anhört, entfaltet sich im Kino zu einer überraschend fesselnden Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Klima in Israel damals und heute. Zwar kann auch Gitai keine endgültigen Antworten geben, aber statt der immer allzu schlüssigen Version einer Verschwörungstheorie fächert er in seinen nachgestellten Zeugenaussagen die damals vorherrschende Stimmung auf, in der Israels Öffentlichkeit sich über Rabins Bemühungen im Friedensprozess und den Osloer Abkommen in hochgefährlicher Weise spaltete. Dass der Attentäter so nah an Rabin herankommen konnte, um ihn mit wenigen Schüssen niederzustrecken, mag auf das gemeinsame punktuelle Versagen von Polizei und Geheimdienst zurückzuführen sein. Die Inspiration zur Tat aber hat eine lange Vorgeschichte – und wie die jüngsten Entwicklungen in Nahost leider zeigen, auch einen langen, tragischen Nachhall.

Mit seinem einem historischen Ereignis gewidmeten Film liegt Gitai ganz im Trend des diesjährigen Festivals von Venedig, in dem ein Großteil der Filme in und außerhalb des Wettbewerbs mit dem Attribut "eine wahre Geschichte" für sich wirbt. Vom Eröffnungsfilm »Everest« über Johnny Depps Auftritt als Gangster in »Black Mass« bis hin zur Transgender-Tragödie von Tom Hoopers »The Danish Girl« weisen die lauwarmen Reaktionen des Publikums am Lido aber auch darauf hin, dass das Kino mehr als biederen Realismus bieten muss, um zu bestehen.

Manchmal liegt nämlich das Fiktive und Fantastische sehr viel näher an der Wirklichkeit als die vermeintlich wahre Geschichte. Das belegen die Publikumslieblinge aus der zweiten Hälfte des Festivals. Der Italiener Marco Bellocchio mischt frech und frei in seinem neuen Film »Sangue del mio sangue« ein düsteres Inquisitions-Drama um eine verführerische Nonne mit einer in der Gegenwart spielenden Gesellschaftssatire, die die Klischees des Vampirfilms aufgreift. Und trifft damit präzise ins Herz der italienischen Gegenwart.

Den bisherigen Höhepunkt des diesjährigen Festivals aber lieferte der US-Amerikaner Charlie Kaufman mit seinem Animationsfilm »Anomalisa«. Kaufmann, bekanntgeworden als Drehbuchautor von ausgesprochen schrägen Filmerzählungen wie »Being John Malkovich« und »Adaption«, erzählt in »Anomalisa« eine überraschend "normale" Geschichte. Ein Motivationsredner reist zu einem Vortrag in eine fremde Stadt. Der drückenden Einsamkeit des Hotels versucht er zunächst durch den Anruf bei einer alten Liebe und später bei einer neuen Bekanntschaft zu entkommen. Der nächste Morgen entlarvt die nächtlichen Euphorien als Illusion und der Mann kehrt zu seiner Familie zurück.

Mit seinem Midlife-Crisis-Thema und außerdem einer sehr "realistischen" Sexszene ist »Anomalisa« ein Animationsfilm "nur für Erwachsene". Gedreht in der Technik des Stop-Motion, stellt der Film eine bestrickende Mischung aus hyperrealen Elementen – die Texturen der Räume und Kostüme sind wie unterm Mikroskop vergrößert – und betonter Künstlichkeit dar. So offenbaren die Gesichter der eingesetzten Puppen mit markierten Spuren ihr Zusammengesetztsein, ihr mechanisches Wesen, wenn man so will. Und doch scheint genau das die Identifikation mit ihnen leichter zu machen. Das menschliche Drama von Fremdheit und Entfremdung – selten hat man es so anrührend gesehen wie hier in Kaufmanns Puppen-Inszenierung.

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