Interview mit Regisseurin Anna Muylaert über ihren Film »Der Sommer mit Mamã«

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»Anna Muylaert«

Regisseurin Anna Muylaert spricht über ihren Film »Der Sommer mit Mamã«, die Rolle von Kindermädchen in Brasilien und die dortige Filmbranche

Die Idee für diesen Film hatten Sie schon vor längerer Zeit…

Als ich vor zwanzig Jahren meinen ersten Sohn bekam, arbeitete ich viel für Fernsehen und Film. Als ich nach seiner Geburt kündigte, meinten meine Kollegen, das würde ich keine drei Monate durchhalten und ohne Kindermädchen könne ich das gar nicht schaffen. In der Figur des Kindermädchens kommt vieles zusammen: die fehlende Anerkennung für die Arbeit von Müttern und dass in Brasilien Kindermädchen wegen der vielen Arbeit ihre eigenen Kinder in die Obhut von Fremden geben müssen. Es dauerte aber eine lange Zeit, bis ich die richtige Geschichte finden konnte.

Sie selber haben es ganz ohne Kindermädchen geschafft?

Ja, allerdings hatte ich eine Haushaltshilfe. Ich hatte damals eine Scheidung hinter mir und der Vater kümmerte sich nicht um sein Kind.

Haben Sie mit der Rückkehr ins Berufsleben gewartet, bis Ihr zweiter Sohn ein bestimmtes Alter hatte?

Nein, als ich meinen ersten Spielfilm drehte, war er gerade erst ein Jahr alt, ich nahm ihn mit zum Dreh. Der andere war damals fünf. Aber ich bin auch Autorin, so arbeite ich viel zu Hause, das hilft.

Der Film war nicht nur bei seiner Weltpremiere in Sundance erfolgreich, sondern auch bei der Berlinale, wo er den Publikumspreis gewann. Ist das Problem ein universelles, oder gibt es spezifische brasilianische Aspekte?

Ich glaube, dass das sehr brasilianisch ist, aber sowas gibt es hier auch. Bei der Pressekonferenz in Berlin verlagerte sich das Gespräch von Kindermädchen auf Machtverhältnisse. In Brasilien ist der Film übrigens nur in zwei kleinen Kinos gezeigt worden. Er löst dort andere Gefühle aus und die Zuschauer sind peinlich berührt.

Wie kommt es, dass er dort kaum zu sehen ist?

Mit dem letzten Drehtag waren unsere finanziellen Mittel erschöpft. Die Postproduktion mussten wir mit so gut wie keinem Geld machen. Jetzt gerade haben wir etwas Geld bekommen, so dass er ab 27. August richtig zu sehen sein wird.

Haben Sie in die Erfahrung gemacht, dass die Zuschauer das Verhältnis von Mutter und Tochter sehr unterschiedlich beurteilen?

Das kann ich nicht sagen, aber die Darstellerin der Tochter begleitete den Film zu einem Festival, wo er in einer gutsituierten Nachbarschaft lief und alle das Verhalten der Tochter lautstark kritisierten. Ich denke, ab einem bestimmten Punkt identifizieren sich die Zuschauer mit der Tochter und verstehen, dass es auch um Bürgerrechte geht.

Sie beginnen den Film aus der Perspektive der Mutter. Wie schwer war es, eine Balance zwischen den beiden Frauen und ihren Blickwinkeln zu finden?

Ich sehe die Mutter als Hauptfigur. Der Film bleibt die ganze Zeit bei ihr. Durch die Tochter kommt Veränderung in ihr Leben. Am Ende zeigt der Film deutlich, dass beide zusammen gehören. Ich denke, die letzten 15 Minuten des Films sind der schwierigste Teil des Films, einerseits ein Happy End, zugleich auch fast das Gegenteil. Wenn Leute in Brasilien im Drehbuch lasen "sie verlässt das Haus im Regen" meinten sie, am nächsten Tag wäre sie tot.

Ihre Hauptdarstellerin Regina Casé ist ein Star in Brasilien. Hat sie sofort die Chance gesehen, die ihr diese Rolle bietet oder war es komplizierter?

Sie hatte 13 Jahre lang nicht vor einer Filmkamera gestanden. Sie hat ihre eigene Fernsehshow, die läuft jeden Sonntag. Sie ist reich und berühmt. Am Ende war sie überrascht von der Rolle, denn sie hat so viel von sich selber investiert. Sie hatte etwa Bedenken, in den Pool zu steigen. Das passe nicht zu dieser Figur, meinte sie.

Waren Sie von Ihrer Fernsehshow so beeindruckt, dass Sie sie engagiert haben?

Nein, das war ein Film, den sie vor 15 Jahren gedreht hatte. Außerdem habe ich sie schon vor 30 Jahren auf der Bühne gesehen. Sie ist ziemlich mächtig und lehnt die meisten Drehbücher ab, die sie geschickt bekommt. Aber diesen Film wollte sie sofort machen.

Sie haben auch für das Fernsehen gearbeitet. Zum einen für HBO, zum anderen für das brasilianische Fernsehen.

Ich habe vor zwanzig Jahren mit Kinderfernsehen angefangen. Die Drehbücher waren nicht so toll, so kam ich zum Drehbuchschreiben. Eine der Serien läuft mittlerweile seit zwanzig Jahren - das ist etwas Ähnliches wie die »Sesamstraße«.

Gibt es in Brasilien eine Trennung zwischen den Filmschaffenden, die Arthouse-Filme machen und denen, die Telenovelas machen?

Ich habe einen Freund, der Drehbücher schrieb und dann zum Fernsehen ging. Wenn man einmal mit Telenovelas anfängt, kommt man kaum zurück, denn die Bezahlung ist außerordentlich hoch.

Nachdem Ihr Film in Sundance erfolgreich war, gab es schon Angebote aus Hollywood?

Nein, bis jetzt nichts. Mein Film wird im August auch in den USA herauskommen, nachdem er schon in Italien, Frankreich und Spanien angelaufen ist. Er wurde in 22 Länder verkauft.

Nachdem Ihr Film in Sundance erfolgreich war, gab es schon Angebote aus Hollywood?

Nein, bis jetzt nichts. Mein Film wird im August auch in den USA herauskommen, nachdem er schon in Italien, Frankreich und Spanien angelaufen ist. Er wurde in 22 Länder verkauft.

Kommt das Geld für brasilianische Filme aus öffentlichen Quellen?

Ja, zehn Filme pro Jahr werden damit finanziert. Bei meinem Film war es schwierig: weil Regina so berühmt ist, dachten alle, der Film könne ohne öffentliche Gelder gemacht werden.

Hatten Sie schon Zeit, über einen Nachfolgefilm nachzudenken?

Den habe ich schon abgedreht - im letzten November! Das ist ein kleinerer Film: die Geschichte eines Teenagers, der gerne ein Mädchen sein möchte. Dann kommt die Polizei, allerdings um ihm mitzuteilen, dass er nicht der Sohn seiner Mutter ist. Die geht ins Gefängnis und er sieht sich einer neuen Familie gegenüber. Wir haben zwar mehr Schauplätze als in »Der Sommer mit Mamã«, aber keine bekannten Namen, deswegen ist es ein kleinerer Film.

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