Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

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Edward Snowden in »Citizenfour«

Ein eher politischer Jahrgang: Mit der 57. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm verabschiedetet sich Leiter Claas Danielsen

Lolita trägt ein Piercing in der Lippe und blauen Nagellack auf kurzen Fingernägeln. Sie lächelt nie. Lächeln käme gut an bei Bewerbungsgesprächen, raten ihr die Profis der Beratungsfirma, die ihr bei der Jobsuche helfen sollen, Lolita aber weigert sich. Sie habe ein verkorkstes Leben, sagt sie. Kein Grund zu lächeln. Man sieht sie eine lange Liste von Telefonnummern abarbeiten, sie sucht Arbeit in einer Großküche. Ein unbezahltes Praktikum, ja, das könne sie haben; hört sie, fest anstellen will sie keiner.

Die 57. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm war wieder einmal ein eher politischer Jahrgang. Les règles du jeu von Claudine Bories und Patrice Chagnard, der mit der Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb ausgezeichnet wurde, zeigt die – überwiegend gut gemeinte – Zurichtung von jungen Menschen für den Arbeitsmarkt – Lächeln inklusive. Mit verhalten bitterer Ironie beobachtet der Film das System von Macht und Anpassung, wie es sich in den Personen spiegelt. Hier die Berater, die geschmackvoll gekleidet sind und viel reden, auf der anderen Seite Kevin, Hamid oder Lolita, die aus Problemvierteln oder Problemfamilien stammen, die falschen Schuhe tragen oder keine Worte finden. Wenn sie ihre einstudierten Bewerbungssätze aufsagen, klingt das wie in der Schauspielschule.

Den mal lauten, mal leisen politischen Ton des Festivals gab schon der Eröffnungsfilm vor, Laura Poitras’ Citizenfour über Edward Snowden und dessen NSA-Enthüllungen. Snowden meldete sich selbst mit einer Videobotschaft zu Wort, in der er an die friedliche Revolution in Leipzig erinnerte und die Verbindung knüpfte zur Informationspolitik von heute. Eine Zustimmung zu einer Regierung habe nur Bedeutung, erklärte er, »wenn sie auf Information beruht.« Nicht der schlechteste Einstieg in ein Dokumentarfilmfestival.

Zusehen, wie Geschichte geschrieben wird, konnte man auch in Maidan des in der Ukraine aufgewachsenen Regisseurs Sergei Loznitsa, der die Geschehnisse in Kiew im Winter 2013/2014 beobachtet. Sein Film ist so überwältigend, mitreißend und erschreckend wie der revolutionäre Prozess, den er beobachtet. Die Kamera steht mittendrin auf einem Stativ. Ihre Bilder – und die kunstvoll gestaltete Tonebene mit ihren Hymnen, Schreien, Schüssen – geben dem Durcheinander eine Form, formen es zu einer großen Erzählung.

Zehn Jahre lang hat Claas Danielsen Dok Leipzig geführt und das Festival mit seiner auch schwierigen DDR-Vergangenheit modernisiert und vergrößert und zum derzeit wichtigsten deutschen Dokumentarfilmfestival gemacht. In diesem Jahr wurde mit 42 000 Besuchern ein neuer Rekord gemeldet. Vor allem hat Danielsen Fachbesucher nach Leipzig geholt. »Die Dok-Industry-Branchenangebote haben Dok Leipzig zukunftsfähig gemacht und wieder in die vordere Reihe der internationalen Dokumentarfilmfestivals geführt«, kommentiert er die Neuerungen. Der Umbau war ein Kraftakt. Nach elf Festivals gibt Danielsen die Leitung ab, auf eigenen Wunsch, weil er sich eine Auszeit gönnen will. Ab Januar kommenden Jahres wird die Finnin Leena Pasanen Dok Leipzig führen.

Mit dem Hauptpreis des Deutschen Wettbewerbs wurde Domino Effekt der in Deutschland lebenden Polen Elwira Niewiera und Piotr Rosolowski ausgezeichnet, der Politik und Liebesgeschichte auf sehr charmante Weise verknüpft. Im Zentrum steht der abchasische Sportminister, der nicht nur mit dem schlechten Image und den Infrastrukturproblemen seines kleinen Landes zu kämpfen hat, sondern auch mit den Tränen seiner russischen Frau, die sich in dem kaukasischen Zwergstaat nicht wohl­fühlt. So wie das kleine Land seine Identität finden muss, muss sich auch diese junge Familie erst finden. Von dem vitalen Leipziger Festival könnte man das nicht behaupten.

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