11/2022

»Eine Stadt blutet« – Am 13. November jähren sich die Terroranschläge von Paris zum siebten Mal. Eine Welle von Filmen reflektiert das Geschehen, in diesem Monat etwa »Meinen Hass bekommt ihr nicht« von Kilian Riedhof +++ 

»Anatomie einer Befreiung« – Sein neuer Film kreist um die Entführung des Millionärs Jan Philipp Reemtsma aus der Perspektive der Angehörigen. Im Werkstattgespräch erklärt Hans-Christian Schmid, was ihn an dem Stoff interessiert +++ 

»Stimmen aus der Tiefe« – Für »Ein Höhlengleichnis« hat der italienische Regisseur Michelangelo Frammartino eine historische Forschungsexpedition nachvollzogen. Ein ungewöhnlicher Film, der zur Reflexion über das Reenactment einlädt +++ 

FILME DES MONATS: Crimes of the Future | Wir sind dann wohl die Angehörigen | Zeiten des Umbruchs Bros | Bones and all | Rheingold +++

In diesem Heft

Tipp

Mannheim/Heidelberg, 17.–27.11. – Mit der Deutschlandpremiere von Emmanuel Mourets Komödie »Tagebuch einer Pariser Affäre« geht das IFFMH an den Start. Beim Herzstück des Festivals, dem Wettbewerb »On the Rise«, konkurrieren 16 Beiträge aus der ganzen Welt um die Förderpreise für neue Regietalente
Kassel, 15.–20.11. – 54 Lang- und 196 Kurzfilme aus 56 Ländern, darunter über 90 Premieren, bilden das Programm des 39. Kasseler Dokfests, das um Begleitveranstaltungen, Ausstellungen und Diskussionen ergänzt wird.
Wiesbaden, 11.–20.11. – Das Filmfest in Wiesbaden ist spezialisiert auf internationale, unabhängige Produktionen und hat in diesem Jahr unter anderem einen Länderschwerpunkt Portugal. In diesem Rahmen läuft auch der Eröffnungsfilm »Irrlicht« von João Pedro Rodrigues.
Duisburg, 7.–13.11. – Die Duisburger Filmwoche ist der Ort für Debatten und künstlerischen Zugang zum Dokumentarfilm. In verschiedenen Wettbewerben und Programmreihen werden herausragende Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt.
Braunschweig, 7.–13.11. – Das älteste regelmäßig stattfindende Filmfestival Niedersachsens wartet in diesem Jahr mit zwei neuen Preisen auf. Der beste Langfilm mit queerer Thematik und der beste Kurzfilm reihen sich in die bestehenden Wettbewerbe ein. Zudem gibt es eine Kooperation mit zwei ukrainischen Filmfestivals.
Mainz, 3.–11.11. – Als erstes Langfilmfestival in Rheinland-Pfalz präsentiert FILMZ seit 2001 aktuelle deutschsprachige Produktionen sowie ausgewählte internationale Koproduktionen mit deutscher Beteiligung. Eröffnet wird dieses Jahr mit dem Mystery-Thriller »Schweigend steht der Wald«.
Tübingen/Stuttgart, 2.–9.11. – Das Festival ehrt dieses Jahr die Verstorbenen Jean-Luc Godard und Jean-Louis Trintignant mit Hommagen.
Lübeck, 2.–6.11. – Das traditionsreiche Festival in Lübeck hat sich ganz auf die Präsentation von Filmen aus dem Norden und Nordosten Europas spezialisiert. Zur Eröffnung feiert der dänische Dokumentarfilm »Music for Black Pigeons« von Jørgen Leth und Andreas Koefoed seine Deutschlandpremiere. Eine Hommage gibt es an den isländischen Regisseur Friðrik Þór Friðriksson.
Zwei Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft greift die zweigeteilte internationale Serie »Das Netz« das Thema Fußball auf. Den Beteiligten gelingt damit ein großer Wurf.
»We Own This City« von David Simon und Reinaldo Marcus Green (»King Richard«) zeichnet einen Polizeiskandal nach, der 2017 Baltimore erschütterte.
Am 1.11. spricht Mareille Klein im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums mit epd-Film-Redakteur Rudolf Worschech über ihren Film »Da komm noch was«.
»After Yang« zeigt die Versuche einer Familie, ihren Androiden zu reparieren, als Drama über das Menschsein.
Er revolutionierte den Vorspann und war legendärer Grafikdesigner: Saul Bass lässt in »Phase IV«, das im ­Mediabook erscheint, bestens organisierte ­Ameisenhorden auf die Menschen los.
Im Indiedrama »Causeway« stellt Jennifer Lawrence ihre Vielfältigkeit als traumatisierte Soldatin unter Beweis.
Pornodreh im Horrorstadl: Ti Wests »X« führt Sex und Crime originell zusammen.
Mit der mehrsprachig gedrehten Serie »Himmel & Erde« bietet das ZDF ukrainischen Filmschaffenden ein Forum für sehr persönliche Geschichten.
Charlotte Gainsbourgs Dokumentarfilm »Jane by Charlotte« über ihre Mutter Jane Birkin ist eine nostalgische Reflexion über Nahbarkeit; ein Liebesbrief voller Fragen und Geständnisse, der auf ihre Umarmung zusteuert.
Ein Wunderwerk in Technicolor: »Der Dieb von Bagdad« mit neuem Bonusmaterial.
»Kung Fu« ist eine amerikanische Produktion – aber das Ensemble sieht jetzt ganz anders aus als im analogen TV-Klassiker mit David Carradine.
Zurück in den Sattel: Die 3. Staffel »Yellowstone« auf Blu-ray.
Aus dem Reich der Toten: Der Thriller »Doppeltes Spiel« wandelt auf Hitchcocks Spuren.
Der dänische Regisseur Tobias Lindholm erzählt in »The Good Nurse« in unterkühlten Bildern die wahre Geschichte eines Krankenpflegers, der seine Patienten ermordet hat – aus der Perspektive seiner Kollegin, die ihn überführt.
Eine Krankenschwester soll 1862 ein Mädchen überwachen, das angeblich seit Monaten nicht gegessen hat. Regisseur Sébastian Lelio spielt in »The Wonder« mit Fabrikation und Authentizität.
Mit der Kultserie »Dark« haben Jantje Friese und Baran bo Odar Deutschland auf die Netflix-Rechnung gesetzt. Jetzt kommt der zweite Streich: »1899« erzählt von einem Migrantenschiff – wieder im Mystery-Stil.
Grandios gelingt es dem deutschen Regisseur Kilian Riedhof von dem nationalen Trauma der Anschläge von Paris 2015 aus einer rein persönlichen Sicht zu erzählen – nach dem autobiografischen Buch von Antoine Leiris.
Der Regisseur und Autor Edgar Reitz wird am 1. November 90. Und hat mit »Filmzeit, Lebenszeit« pünktlich seine Erinnerungen vorgelegt: eine epische Geschichte, die vom Jungen Deutschen Film bis zu den Konflikten der Gegenwart führt.

Thema

In den »Mission: Impossible«- und »Black Panther«-Filmen spielt Angela Bassett ziemlich staatstragende Rollen. Angefangen hat alles ganz anders: mit dem New Black Cinema, einer extrovertierten Performance als Tina Turner und einem vergessenen Cyberpunk-Kultfilm.
Hans-Christian Schmids neuer Film »Wir sind dann wohl die Angehörigen« erzählt von der Entführung des Hamburger Intellektuellen Jan Philipp Reemtsma – aus der Perspektive seines Sohnes und seiner Frau. Wie das funktioniert, erklärt der Regisseur im Interview mit Anke Sterneborg.
Für »Il Buco – Ein Höhlengleichnis« hat der italienische Regisseur Michelangelo Frammartino eine historische Forschungsexpedition nachvollzogen. Ein ungewöhnlicher Film, der zur Reflexion über das Reenactment einlädt.
Am 13. November jähren sich die Terroranschläge von Paris zum siebten Mal. Eine Welle von Filmen reflektiert das Geschehen, in diesem Monat etwa »Meinen Hass bekommt ihr nicht« von Kilian Riedhof.

Meldung

Aylin Tezel 38, Schauspielerin u. Tänzerin, gehörte zum Dortmunder »Tatort«-Team, war u. a. in »­Almanya«, »Am Himmel der Tag«, »Macho Man« und der Serie »Unbroken« zu sehen. Am 3. November startet »Der Russe ist einer, der Birken liebt«.
Das Symposium des Filmbüros NW »Hybride SpielRäume im Film« lotete den Grenzbereich zwischen Dokumentation und Fiktion aus.
Das London Film Festival, veranstaltet vom British Film Institute, legte seinen Schwerpunkt auf heimische Produktionen – sehr erfolgreich.
Bei den 70. Filmfestspielen von San Sebastián siegte zum dritten Mal in Folge der Beitrag einer Regisseurin: »Los reyos del mundo« von Laura Mora aus Kolumbien gewann die Goldene Muschel.

Filmkritik

Eine düstere Zukunftsvision vom Großmeister des Body Horrors: David Cronenberg erzählt von einer Welt ohne Schmerz, in der Anhänger einer bizarre Subkultur sich der kunst- und lustvollen Verstümmelung und Modifikation ihrer Körper widmen.
Eine Rockoper, angesiedelt in Kyoto vor sechshundert Jahren; zwei Außenseiter, jeder für sich von einem Fluch geschlagen, erinnern in ihren Songs an die untergegangenen Krieger der Heike. Während die Flüche gelöst werden, entbrennt ein künstlerischer Konkurrenzkampf, auch um die Deutungshoheit über die Geschichte. Fulminanter Anime eines der innovativsten Vertreter dieser Kunst.
Shirin Neshat zeichnet eine poetische (Alb)Traumlandschaft des Mittleren Westens der USA. Statt hinter die Fassade eines zerrissenen Landes zu blicken, verharrt sie im Surrealen und an der Oberfläche, woran auch der spielfreudig Cast nichts ändern kann.
Drama um ein georgisches Dorf an der Küste des Schwarzen Meers und einige mutige Menschen, die gegen eine gnadenlose, alles bestimmende Homophobie angehen.
Lena Kabes bildgewaltiger Dokumentarfilm zeichnet ein ambivalentes Bild des Naturschutzes.
Eine klassische romantische Komödie, verantwortet von Genre-Experten (Produzent Judd Apatow und Regisseur Nicholas Stoller) und von einem großen Hollywood-Studio für den Mainstream produziert – das gab es mit einem schwulen Paar im Zentrum noch nie. Funktioniert aber erfreulich gut, denn die Geschichte von Hauptdarsteller und Drehbuchautor Billy Eichner ist herrlich komisch, aber auch sehr freimütig queer und auch dadurch sehr besonders.
Erstaunlicher Dokumentarfilm über einen einzigen Song, der Weltkarriere machte, ebenso wie sein Schöpfer Leonard Cohen.
Saralisa Volm hat den Roman von Wolfram Fleischhauer um eine Frau, die förmlich in der Vergangenheit gräbt, als spannenden Thriller inszeniert.
Eine kuriose und auf einigen wahren Begebenheiten basierende Geschichte, die halb Verschwörungs-Politthriller, halb Historienkomödie ist, und ein Ensemble, in dem man vor lauter prominenten Gesichtern gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll, erweisen sich in David O. Russells erstem Film seit 2017 als zu viel des Guten. Zu einem überzeugenden Ganzen wollen sich die teils originellen, teils verschenkten Ideen leider nicht zusammenfügen.
Der gleichnamige Bestseller von Karine Tuil wurde von einem wahren Ereignis inspiriert: der Vergewaltigungsklage einer Studentin in Stanford, die in ein empörend mildes Urteil mündete. Yvan Attal hat daraus einen betont dialektischen Gerichtsfilm gemacht.
Das visuell, sprachlich und inhaltlich dicht gewebte Porträt einer Künstlerin, deren Komplexität gerne auf Schlagworte reduziert wird.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Freundes tritt Mascha die Flucht nach vorn an. Die Verfilmung des Bestsellers von Olga Grjasnowa überträgt das Orientierungslose seiner Protagonistin in ein elliptisches Erzählprinzip, das nur bedingt aufgeht.
Das Feelgood-Drama über einen Rapper aus der Pariser Banlieue, der als Opernsänger entdeckt wird, bedient sich bekannter Culture-Clash-Klischees, ist aber dank des vitalen Hauptdarstellers, eines bekannten Rappers, und der schwungvollen Regie unterhaltsamer als erwartet.
Aus ihrer Verfilmung einer bekannten Kurzgeschichte über weiße Siedler im australischen Outback macht Leah Purcell, Australierin mit Aborigine-Wurzeln, als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin einen rauen Western, in dem sie die Perspektive zugunsten von Frauen und Ureinwohnern verschiebt.
Mit ihrer besonderen Mischung aus kitchen sink-Erdigkeit und natürlicher Anmut und Eleganz ist Leslie Manville das schlagende Herz im charmant nichtigen Fifties-Cinderella-Modemärchen nach Paul Gallico.
Jugendfilm, der nur auf den ersten Blick wie eine der üblichen Abenteuertouren zweier Freunde erscheint. Es geht um Freundschaft, Erwachsenwerden und die Veränderung familiärer Strukturen.
Die spektakuläre Entführung des Millionenerben Jan-Philipp Reemtsa erzählt Hans-Christian Schmid konsequent aus der Sicht von dessen Frau und Sohn. Eine präzis-nüchterne Studie über die angespannten Dynamiken zwischen Familie und Polizei im Ausnahmezustand.
Luca Guadagnino erzählt mit den fantastischen Hauptdarstellern Taylor Russell und Timothée Chalamet ein kannibalisches Coming of Age: eine Geschichte über gesellschaftliche Außenseiter im Reagan-Amerika der 1980er Jahre.
Jede Epoche macht sich ihr eigenes Bild von den Bronte-Schwestern. Für Frances O'Connor ist Emilys Roman »Sturmhöhe« der heftigen, tragischen Leidenschaft für einen jungen Vikar geschuldet. Das Regiedebüt der Schauspielerin besticht durch Atmosphäre, Milieuzeichnung und ein exzellentes Ensemble.
Der Held dieser bizarr schwarzhumorigen Erzählung überbringt in einem Kaff im amerikanischen Rostgürtel die Botschaften vom gehäuft auftretenden Ableben der Bewohner.
Tilman König gelingt ein vielschichtiges Porträt über einen politisch ambitionierten Jugendpfarrer aus Jena.
An die AAO-Kommune von Otto Mühl angelehnter Film, ein sehenswertes Lehrstück über Macht und Machtmissbrauch im Namen der Freiheit.
Technisch und visuell atemberaubend, wie man das eben von einem Iñárritu-Film erwartet, ist »Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten« ohne Frage. Doch einzelne eindrucksvolle Sequenzen retten den überlagen, autobiografisch inspirierten Film des Mexikaners nicht, der unter einem unter einem Protagonisten leidet, mit dem man nicht mitfiebert, und insgesamt allzu selbstverliebt daherkommt.
Die Geschichte eines schwermütigen türkischen Zoodirektors. Gemächlich, mit trockenem Humor und zutiefst melancholisch erzählt als Parabel auf eine Gesellschaft im Zustand der Erstarrung.
Virus an Bord! Der südkoreanische Film häuft Desastermovie-Elemente, sieht aber gar nicht stromlinienförmig aus und steuert in ein politisch verblüffendes Ende.
Zwischen lakonischer Komik und ausgeprägten Wohlfühlmomenten angesiedeltes Roadmovie von Mika Kaurismäki.
Hong Sang-soo reiht zufällige Begegnungen und genau beobachtete Gespräche auf grandiose Weise aneinander. Dabei beweist er einmal mehr, dass nur die Kunst die verborgenen Wahrheiten unseres Lebens offenlegen kann.
Die Mittelmeerkreuzfahrt eines frisch verrenteten Paares ist in dieser schweizerischen Beziehungskomödie der Beginn einer Reise hin zur Selbsterkenntnis und zu einer unkonventionelleren Lebensweise: ein liebenswürdig unspektakulärer Film.
Schwarzhumoriger Krimi, der das Genre des in Deutschland so beliebten Provinzkrimis untergräbt.
Fatih Akin hat die irre Biografie des Gangsta-Rappers Xatar als Mischung aus Geflüchtetendrama, Gangster- und Heist-Geschichte verfilmt. Eine so überkandidelte wie unterhaltsame Jungsfantasie.
Werner Herzog macht seit 60 Jahren Filme. Ein Phänomen. Thomas von Steinaecker versucht ihm in seinem Dokumentarfilm auf den Grund zu gehen, im Gespräch mit Herzog, Film- und Archivausschnitten.
James Grays semifiktionale, bisweilen etwas sentimentale Erinnerungen an die Kindheit im Queens der frühen 1980er Jahre überzeugen als Panorama weißer Privilegien und Geburtsstunde des Trumpismus der Gegenwart.
Grandios gelingt es dem deutschen Regisseur Kilian Riedhof von dem nationalen Trauma der Anschläge von Paris 2015 aus einer rein persönlichen Sicht zu erzählen – nach dem autobiografischen Buch von Antoine Leiris.

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