Kritik zu Wiener Dog

© Prokino

2016
Original-Titel: 
Wiener Dog Nationals
Filmstart in Deutschland: 
28.07.2016
L: 
90 Min
FSK: 
12

Todd Solondz erzählt erneut von Depression und Paranoia in den amerikanischen Vorstädten

Bewertung: 4
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Hunde und Kinder gelten im Kino als Kassenmagneten mit Kitschfaktor. »Was, wenn ich das Stereotyp seiner Sentimentalitäten entkleide?«, mag sich der für gepflegte Höllenbilder bekannte Independent-Regisseur Todd Solondz gedacht haben. Sein Film »Wiener Dog«, eine Komposition aus vier durchtrieben schönen Episoden über die Schauerwelten amerikanischer Suburbs, spielt souverän mit dem morbiden Niedlichkeitsappell, den ein Kurzhaardackel aka Wiener Dog auf der Leinwand und im Leben ausstrahlt. In jeder Szene anders fungiert ein Lumpi – »Kacka« oder auch »Krebs« genannt – als McGuffin für die heillos verkorkste Beziehung zivilisierter Vorstadtmenschen zur tierischen Natur, zu sich selbst und den Mitmenschen.

Da bekommt ein sensibler Junge (Keaton Nigel Cooke) nach einer Krebstherapie einen Hund geschenkt. Die hyperhygienischen Eltern sperren das Schoßhündchen in die Garage, solange es nicht stubenrein ist, sie organisieren die Sterilisation, weil Kinderkriegen »ein Mythos« ist. Kein Wunder, dass der Junge einmal allein zu Haus im Spiel mit dem Hund eine wunderbare, genüsslich in Slow Motion zelebrierte Zerstörungsorgie wider das Misstrauen anrichtet. Ebenso opulent ins Bild gesetzt dann die Verdauungskatastrophe, die auf den Süßkram folgt, mit dem der Junge seinen Liebling verwöhnen will

Jede Episode zielt auf die existenzielle Verzweiflung ihrer Protagonisten. Solondz' »Wiener Dog« entgeht in der zweiten Episode seinem Ende, weil die einsame junge Tierarzthelferin Dana (Greta Gerwig) ihn entführt und aufpäppelt. Beide schließen sich im folgenden Mini-Roadmovie ihrem ehemaligen Schulfreund Brandon (Kieran Culkin), einem rückfälligen Junkie, an. Wie Solondz die Begegnung der beiden mit Brandons Bruder und dessen Frau, beide Menschen mit Downsyndrom, als Gegenbild eines möglichen Glücks erzählt, zeugt von der Sehnsucht, die in seiner Farce verborgen ist.

Alles Kino: Solondz macht sich über seine Lust auf die hypertrophen Porträts des amerikanischen Alltags lustig, lässt in einem schrägen Pausenfilm, der Referenz an das Kino seiner Kindheit, einen Wiener Dog durch archetypische Wildwestszenerien dackeln und mit einem pathetischen Countrysong zum Konsum von Eis und Popcorn auffordern. Was, wenn – mit der Schlüsselfrage für eine gute, also wirklichkeitsgeprüfte Story fordert der mit dem eigenen Scheitern hadernde Drehbuchautor Schmerz (Danny DeVito) seine ignoranten Filmstudenten heraus, bis er seinen Dackel zum absurd kuriosen Vollstrecker seiner Rache macht.

Ellen Burstyn, ein Star des New American Cinema, hat das bittere letzte Wort des Films. Im Bademantel, mit großer Sonnenbrille, gibt sie die Maske emotionsloser Damenhaftigkeit, zugänglich nur noch für die kindlichen Todesboten, die sie an ihre Versäumnisse im Leben erinnern. Was derweil ihrem Dackel zustößt, erreicht sie nicht. Tragische Stories, die Todd Solondz erzählt, entlassen einen mit grimmigem Lachen aus dem Kino.

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