Kritik zu The Walk

© Sony Pictures

Robert Zemeckis setzt die Geschichte von Philippe Petits legendärem Hochseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers in ein Biopic, ein Heist-Movie und ein 3D-Spektakel um

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.666665
3.7 (Stimmen: 3)

Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) hat immer eine Schnur in der Jackentasche, die er herauszieht, um Maß zu nehmen, wo er sein Seil aufspannen könnte. Zwischen zwei Bäumen im Park, den beiden Laternenpfosten auf einem Platz in Paris oder den Kirchtürmen von Notre Dame – die Abgründe, über die er balanciert, werden von Mal zu Mal tiefer. Als er Anfang der 70er Jahre einen Bericht über den Bau des World Trade Center liest, ist es um ihn geschehen. Fast 420 Meter sollen die Zwillingstürme in den Himmel ragen und Philippe ist besessen von der Idee, sein Seil dazwischen aufzuspannen.

Den französischen Hochseilartisten Philippe Petit hat James Marsh bereits 2008 in seinem oscarprämierten Dokumentarfilm »Man on Wire« porträtiert. Petit schlich sich in der Nacht zum 6. August 1974 auf das Dach des noch nicht fertiggestellten World Trade Center und balancierte am anderen Morgen auf einem 75 Meter langen Stahlseil zwischen den Türmen hin und her. Robert Zemeckis (»Forest Gump«) holt den Stoff nun ins Spielfilmformat und baut die true story zu einem 3D-Spektakel aus. Joseph Gordon-Levitt spielt den französischen Artisten, der als Erzähler auf dem gereckten Arm der Freiheitsstatue stehend in Petits Lebensgeschichte einführt.

In nostalgisch retuschierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen geht es zurück nach Frankreich, wo der 15-jährige Philippe von zu Hause abhaut, um sich als Jongleur durchzuschlagen. Bei dem alten Zirkuskünstler Papa Rudy (Ben Kingsley) geht er in die Lehre. Vom Biopic verwandelt sich der Film im zweiten Drittel zu einem klassischen Heist-Movie, das à la »Ocean's Eleven« mit der Rekrutierung der Crew für die illegale Aktion beginnt. »Es ist unmöglich... Fangen wir an!« sagt Philippe, nachdem er zum ersten Mal auf dem Dach des World Trade Center stand. Dieser spirit, das Unmögliche zu wagen und seinem Traum zu folgen, passt natürlich bestens ins Hollywoodformat. Wenn das Seil schließlich über den 417 Meter tiefen Abgrund gespannt ist, beginnt im letzten Drittel dann das 3D-Abenteuer, das die Kinozuschauer mit dem Artisten auf das Hochseil schickt.

Gnadenlos blickt die Kamera in die Tiefe und kostet die Höhenangstvorstellungen beim Hin und Her über der Hochhausschlucht gründlich aus. Natürlich sind die digital generierten Bilder spektakulär, und wenn man aus dem Kinosaal hinauswankt, ist man für den festen Boden unter den Füßen dankbar. Aber bei der dreidimensionalen Zurschaustellung bleibt dennoch die Poesie, die Petits Drahtseilakt auszeichnete, auf der Stecke. Wer »Man on Wire« gesehen hat, erkennt deutlich, dass die Leichtigkeit und Konzentration, in die Petit auf dem Seil verfällt, von keinem noch so guten Schauspieler vor dem Greenscreen nachgestellt werden kann. Im Rausch des Spektakulären fehlt Zemeckis der Sinn für die kontemplative Gelassenheit – und für die Melancholie, die mit jenen Türmen verbunden ist, welche einst für die Superlative menschlicher Schaffenskraft standen und heute als Symbol terroristischer Zerstörungswut gelten.

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