Kritik zu Tully

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Das Regie- und Drehbuchautoren-Duo Jason Reitman und Diablo Cody hat sich nach »Young Adult« ein weiteres Mal mit Schauspielerin Charlize Theron zusammengetan, um von einer Frau in der Krise zu erzählen. Die von Theron dargestellte Mutter fühlt sich nach der Geburt des dritten Kindes überfordert

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Spielzeuge, Essensreste, Wäschestücke sind wild über den Boden, den Tisch und das Sofa verteilt. Mittendrin ohnmächtig erschöpft eine Mutter, um die herum zwei kleine Kinder toben. Hier geht es mal nicht um perfekte Hollywood-Mamas, die superschlank, superschön und superelegant gekleidet, mit adrett herausgeputzten Kinderchen in makellosen Wohnungen lässig Arbeit und Familie, Mann und Kinder managen, immer gut gelaunt, einen Moment mütterlich zu den Kindern, im nächsten professionell zum Boss und den Kunden, und dann wieder sexy für den Mann. Diablo Cody als Drehbuchautorin, Charlize Theron als Darstellerin und Jason Reitman als Regisseur gehen die Sache jetzt sehr viel realistischer an.

Frauen in der Lebenskrise, das ist grob skizziert das Thema, das die drei im Fünfjahresrhythmus und in ansteigenden Altersstufen gemeinsam umkreisen, immer haarscharf am Fremdschämen vorbei, dann aber doch mit so viel Witz und Wärme, dass man sie einfach mögen muss. Nach »Juno« über eine Teenagerschwangerschaft und »Young Adult« über eine Enddreißigerin, die sich nach einer gescheiterten Beziehung penetrant an eine inzwischen verheiratete Jugendliebe mit neugeborenem Baby hängt, geht es jetzt um Mutterschaft: Und wie im letzten gemeinsamen Projekt des Trios beweisen sie auch hier wieder den Mut zum ungeschönten Realismus, der sich ganz hautnah aus eigenen Elternerfahrungen speist. Reitman hat eine Tochter, Theron ist alleinerziehende Mutter von zwei adoptierten Kindern und Cody hat ihre Erschöpfung nach dem dritten Kind mit einem Drehbuch wegtherapiert, in dem sie aus messerscharfen Selbstanalysen die für sie typischen, sarkastisch schlagfertigen Dialoge destillierte. Und damit es wirklich stimmt, hat Jason Reitman noch eine große Anzahl praxisnaher Mütter befragt. Theron, die gerade erst in »Atomic Blonde« eine athletisch dynamische Femme Fatale mit Killerinstinkten gespielt hat, musste sich für die Rolle 50 Pfund anfressen, die sie dann auch bereitwillig zur Schau stellt: »Mum, what's wrong with your body?«, platzt es aus ihrer kleinen Filmtochter heraus, als Marlo nach einer Apfelsaftdusche am Esstisch das klebrige T-Shirt kurzerhand vom Körper streift. Für Ehrlichkeit und Authentizität werden hier alle oberflächlichen Star- und Glamourattribute in den Wind geschossen, auch auf die Gefahr hin, die Zuschauer erst mal zu verschrecken, nur um sie dann umso enger zu binden.

Schon vor der Geburt des dritten Babys wirkt Marlo massiv überfordert, mit einem Problemjungen, der in der Schule ständig aneckt, einer etwas älteren Tochter in der Frühphase der Pubertät und allem was ­daran hängt: von unerquicklichen Elterngesprächen in der Schule über Wohnungschaos bis zu einem Mann, der sich in Bildschirme aller Art flüchtet. Statt das Problem zu beschönigen, attackiert das Trio es offensiv mit den richtigen Fragen: Was fehlt so einer ausgepowerten Mutter mitten im ganz normalen Wahnsinn des Elternalltags? Zunächst mal Schlaf. Dann Zuwendung und Verständnis. Schließlich ein wenig Leichtigkeit und Ablenkung. ­Auftritt Tully, die eines Tages wie ein ­­Schutz- und Rettungsengel vor der Tür steht. Die von Marlos Bruder gestiftete »Night Nanny« – so was gibt es in L.A. tatsächlich – ist eine ­junge Frau (Mackenzie Davis) mit schier ­unerschütterlicher Geduld. Sie übernimmt die Babynachtschicht, legt das hungrige Kind an die Brust der schlafenden Mutter, hat danach noch genug Zeit um die ganze Wohnung auf Vordermann zu bringen, und steht darüber hinaus auch noch als Lebenstherapeutin und beste Freundin zur Verfügung. Mit anderen Worten, ein Traum von einer Frau, gleichermaßen geerdet und luftig, vergleichbar mit den Engeln, die die Screwballkomödien der vierziger Jahre bevölkert haben. Vor allem aber hilft sie ­Marlo dabei, ihr Leben anzunehmen, statt der ­verlorenen Jugend nachzutrauern.

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