Kritik zu Troubled Water

Trailer OmeU © Bavaria Film

Melodrama oder Thriller, Krimi oder Kammerspiel: Der norwegische Regisseur Erik Poppe stellt den letzten Teil seiner Trilogie vor, die er 1998 mit »Schpaaa« begann und 2004 mit »Hawaii.Oslo« fortsetzte

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Dieser Film birgt viele Geheimnisse. Gesichter, Konturen und Details verschwimmen immer wieder, geraten aus dem Fokus der Kamera. Viele Bilder und Einstellungen bleiben rätselhaft, weil die Menschen in Erik Poppes norwegischem Seelendrama Geheimnisse bewahren. Vor allem der von Pål Sverre Valheim Hagen gespielte Jan.

Er ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hat. Die Stelle als Organist in einer Kirche bietet dem verschlossen erscheinenden jungen Mann die Chance auf eine neue Existenz. Er nennt sich nun Thomas und lernt die Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen) kennen. Die alleinerziehende Geistliche ist eigentlich zu gut, zu attraktiv und fürsorglich, um wahr zu sein. »Ich brauche dich«, vertraut sie Thomas an und nimmt ihn in ihr Leben auf. Sie weiß, dass er im Gefängnis saß, kennt aber nicht den Grund: Mord an einem Kind, das so alt war wie ihr Sohn Jens.

Der Film lässt den Zuschauer lange im Unklaren über seinen Weg und seine Genrezugehörigkeit. Ist Jan/Thomas ein Mörder, ein Kinderschänder, ein notorischer Lügner, eine Gefahr für Anna und ihren Sohn? Oder saß er etwa unschuldig hinter Gittern? Bahnt sich hier eine komplizierte Lovestory an oder ein Thriller?

Thomas führt mit der Pastorin Gespräche über das von Gott zugelassene Böse, über Schmerz und Vergebung, Reue und Abbitte. Das ist von Poppe kammerspielhaft inszeniert. Aber der norwegische Regisseur denkt auch in Kinobildern.

Fragmentarische Rückblenden schaffen Spannung. Bilder vom Wasser, einem Fluss oder einem Schwimmbecken, erschaffen eine Welt zwischen Leben und Tod. Im Wasser liegt sozusagen die Wahrheit. Sie offenbart sich erst im Finale des wie eine Fuge, kontrapunktisch komponierten Films. Poppe erzählt aus zwei Perspektiven: der von Thomas und der von Agnes. Die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm verkörpert die Mutter des ermordeten Jungen, die Thomas durch Zufall in der Kirche wahrnimmt und ihn nun wie die Furie aus einer klassischen Tragödie verfolgt.

Es sind die Schauspieler Pål Sverre Valheim Hagen und Trine Dyrholm, die Poppes komplexe Dramaturgie mit Leben füllen. Hier der junge, charmant schüchtern erscheinende Mann, der selten nur Augenkontakt mit anderen Menschen sucht und lediglich in der Orgelmusik sein Seelenleid offenbart; wie er »Bridge Over Troubled Water« in der Kirche als Pop in Agonie interpretiert, ist eine Sensation. Dort Trine Dyrholm als Agnes, die keinem Augenkontakt und keinem Konflikt ausweicht. Sie steht für das Prinzip »Auge um Auge«, eine Mater furiosa auf dem Privatkriegspfad.

Beide Leitstimmen in »Troubled Water« haben gleich viel Gewicht. Das Publikum sieht praktisch zwei Sturmfronten auf sich zurasen, das ist kein Film für schwache Nerven. Man wird gezwungen, Partei zu ergreifen, was hier eher eine Sache der Emotion als des Verstandes ist. Die alles erklärenden Fakten gibt es erst am Ende von zwei aufregenden Kinostunden.

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