Kritik zu Tanz ins Leben

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Im neuen Film von Richard Loncraine (»My One and Only – Auf der Suche nach Mr. Right«) spielen Imelda Staunton und Celia Imre ein gegensätzliches Schwesternpaar, das späte Lebenslektionen lernt

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Ausgerechnet während seiner Ruhestandsfeier erwischt Lady Sandra (Imelda Staunton) ihren Mann Mike mit einer ihrer Freundinnen. Seit 35 Jahren ist sie mit ihm verheiratet und wähnte sich bislang in einer glücklichen Beziehung. Doch nun stellt sich heraus, dass Mike (John Sessions) diese Affäre bereits seit fünf Jahren pflegt. Sandra packt zutiefst gedemütigt ihre Koffer und zieht nach London zu ihrer älteren Schwester Biff, zu der sie bislang nur wenig Kontakt hatte. Das wird der Beginn eines neuen und glücklicheren Lebens werden – nur weiß die Betrogene es noch nicht.

»Tanz ins Leben« ist der nicht ganz glücklich gewählte deutsche Verleihtitel; im Original heißt er »Finding your Feet«, was sehr viel mehr meint als das Tanzen. Sandra muss nämlich lernen, sich zu ihren eigenen Sehnsüchten zu bekennen, die es in der Ehe mit dem dominanten Mike weitgehend zu verleugnen galt. Im Prozess der Selbstfindung ist zudem einiger Ballast abzuwerfen, dazu gehören Standesdünkel und Pedanterie. Aber hierbei erfährt Sandra tätige Hilfe durch die hochgewachsene Biff (Celia Imrie), die nicht allein physisch so ganz anders ist als ihre auch im Wortsinn kleine Schwester.

Das Doppelporträt dieser beiden unterschiedlichen Frauen könnte anregender und vergnüglicher nicht sein, auch wenn es durchaus klischiert erscheint. Dass Biff ihr Leben lang politisch engagiert war und nun ihren bescheidenen, aber fröhlichen Seniorinnenalltag in einer chaotischen Sozialwohnung genießt, sorgt für einigen Konfliktstoff, hat Sandra doch die konservativen Ansichten ihres Noch-Ehemanns übernommen, in beträchtlichem Wohlstand gelebt und jeden kleinen Fussel gejagt. Dass die snobistische Sandra im Apartment erst mal aufräumt, sorgt beim Freigeist Biff ebenso wenig für Begeisterung wie die Herablassung, mit der die Lady Charlie behandelt, einen guten Freund aus Biffs Seniorentanzgruppe. Eine nachdrücklich geäußerte Kritik hilft hier schon mal, und die Stunden, die Sandra bald selbst in der Gruppe verbringt, tragen ein Übriges bei zu einer realistischeren, aber auch menschenfreundlicheren Weltsicht der Lady. Auch wenn Sandra zu Anfang natürlich immer führen will beim Tanzen!

Die Tanzszenen sind übrigens eine Wucht: sie sprühen vor Bewegungs- und Lebenslust! Fast ist man geneigt, »Tanz ins Leben« als eine »Comedy of Manners« zu bezeichnen, wären da nicht die allzu vorhersehbaren Entwicklungen in Sachen Sentiment. Mit ein wenig Einsicht und Bemühen erringt Sandra Wärme statt Perfektion und Gemeinschaft anstelle von Status. Dass man diesen auf älteres Publikum zielenden Film dennoch mit außerordentlicher Sympathie sieht, ist dem herrlich trockenen Humor und den hervorragenden Schauspielern zu verdanken. Wieder einmal staunt man über die Vielfalt zutiefst glaubwürdiger Typen, vom Leben geprägter Gesichter, die das britische Kino zu bieten hat. Nicht zuletzt dürfte Timothy Spall die Herzen der Zuschauer gewinnen als tapferer, ein zwar fernes, aber vielleicht mögliches Glück nie aufgebender Charlie. Oder wie Biff es formuliert: »Die Schwerkraft kriegt uns alle, man darf ihr nur nicht den eigenen Geist überlassen.«

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