Kritik zu Sunset Over Hollywood

© Piffl Medien

2019
Original-Titel: 
Sunset Over Mulholland Drive
Filmstart in Deutschland: 
23.05.2019
L: 
97 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Uli Gaulke porträtiert eine Einrichtung in Los Angeles, in der vor allem Senioren und Seniorinnen aus der Filmbranche ihr geschäftiges und zugleich geruhsames Rentenalter verbringen

Bewertung: 3
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Ausgesprochen fotogen sind die Gesichter alter Menschen und ihre bedächtigen Bewegungen sowieso, doch wenn die Hundertjährigen mit ihren Elektromobilen zwischen großen Pinien und üppigen Rosenbeeten von Bungalow zu Bungalow sausen, sehen sie auch noch ganz schön cool aus. Auf den Hinweisschildern am Wegesrand steht »Spielberg Drive« oder »John Ford Chapel«. Und ja, wir sind – mental wie räumlich – nicht weit von Hollywood entfernt. Denn das Motion Picture & Television Country Home ist eine 1942 in L. A. von Filmleuten gestiftete und bis heute mit großzügigen Spenden von Hollywoodgrößen wie Jodie Foster oder Kirk Douglas unterstützte Altersresidenz für Filmleute.

So sind auf dem schönen Gelände am Hang mehrere Tausend Jahre geballte Filmkompetenz versammelt: Autoren, Cutterinnen, Tonmeister, Schauspielerinnen und Produzenten. Und weil Amerikaner heute oft recht alt werden, sind einige darunter, die noch das klassische Studiosystem miterlebt haben und Anekdoten von Jack Warner und Vivien Leigh erzählen können. Der Produzent Daniel Selznick, Sohn des Produzenten David Selznick, hatte als Kind noch Besuche von Alfred Hitchcock im Haus seiner Eltern zur Vorbesprechung für »Rebecca« miterlebt, wie er erzählt.

In Workshops zum biografischen Schreiben wühlen die Filmschaffenden gemeinsam in ihren oft schwierigen Familiengeschichten. Doch sie leben auch höchst aktiv in der Gegenwart. Es gibt neue Liebe. Und mit Leidenschaft betriebene künstlerische Projekte wie einen Kurzfilm, der in einem zum Gelände gehörigen kleinen Studio produziert wird. Eine weitere leicht amüsiert betriebene spielerische Übung ist das kollektive Fortspinnen von »Casablanca« mit dem Wiedertreffen von Rick und Ilsa.

Uli Gaulke (»Havanna Mi Amor«) präsentiert neben diesem Treiben einige der Alten durch Gespräche aus näherer Perspektive. Besonders herzerwärmend (und auch grandios komisch) ist dabei das gut eingespielte Paar aus dem Produzenten Joel Rogosin und seiner Frau Deborah, einer ehemaligen Psychotherapeutin. Die beiden können sich bezeichnenderweise nicht nur über den Titel ihres Ratgeberbuchs zum glücklichen Eheleben heftig fetzen – und spiegeln mit dieser produktiven Reibung gut den allgemeinen Ton dieses Films, der Lebensweisheit und Kunstwahn in schönem Umfeld feiert, ohne Konflikte auszublenden.

Garniert ist das Ganze von eher sparsamen melancholischen Musikakzenten, der Vorführung von Ausschnitten der alten Filme mit und ohne Publikum und kleinen cineastischen Anspielungen, etwa einem Nachempfinden der berühmten Anfangsszene von Kubricks »2001« im Kontext eines Hundespielplatzes. Dass Menschen nichtweißer Hautfarbe auf dem Gelände und im Film nur als Gärtner oder junge Assistenten vorkommen, zeugt letztlich auf sehr authentische Weise von ihrer bis in die jüngste Vergangenheit reichenden mangelnden Repräsentation vor und hinter der Kamera in Hollywood. Schade nur, dass Einblicke in die Managementebene der Einrichtung im Film völlig fehlen.

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